Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-19 · Heft 34 (19.8.1904) · p. Seite 406

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
Seite 406 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228616--61042-3274844
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

—— 40.6 - »Ich habe meine Mutter gefunden, oder vielmehr: sie hat mich, ihre Tochter, ausgesucht; auch ein Vater lebt mir- und er und ein liebendes Geschwisterpaar sehen mit wonneglühenden Herzen der Umarmung der noch niemals gesehenen Tochter und Schwester entgegen." „Wie ist es möglich, Klara, daß eine Entdeckung Dich betrüben kann, die doch geeignet ist-'Dich zum glücklichsten Geschöpfe auf Erden zu machen?" „Zum glücklichsten Geschöpf, ja! selbst dann, wenn ich in dem Kreise meiner neugefundenen Verwandten allen Lebensansprüchen entsagen müßte." „Du machst mich erbeben, Klara! Solltest Du etwa gleichzeitig von irgend einer Seite bedroht sein?" „Was. mich furchtbar bedroht, ist — die Verminderung .Deiner Liebe; und was mich niederbeugt, ist die bevorstehende unvermeidliche Trennung von Dir." „Du siehst Gespenster, Klara, die nicht bestehen. So wenig als irgend ein Vorgang meine Liebe zu Dir zu schwächen vermag, ebenso wenig ist außer dem Tode etwas imstande, mich von Dir zu trennen. Wohin Du auch ziehen mögest, ich folge Dir." „Ach, Joseph, Du weißt noch nicht alles. Wie, wenn ich Dir aber entdecke, daß ich — eine Jüdin bin? .... Du schweigst! Hatte ich nicht recht?" „Diese Ueberraschung, teures Mädchen! Nur die Ueberraschung hat eine Minute lang meine Zunge gefesselt; keine Regung in meinem Herzen jedoch, kündigt mir eine Veränderung meiner Gefühle für Dich an. Du weißt, ich habe das unglückliche Volk der Hebräer niemals gehaßt; wir sind weder von unsern braven Zieheltern noch von dem Herrn Tanger dazu aufgemuntert worden, von nun aber werde ich alle Juden lieben, so wie ich gewohnt bin alle meine Nebenmenschen zu lieben." „Der Himmel vergelte Dir diese trostreichen Worte, mein guter, mein einziger Joseph!" „Nach achtzehn Jahren quälender Ungewißheit wirst Du nunmehr an den Herzen Deiner geliebten Eltern ruhen. Was sie auch immerhin bisher fern von Dir gehalten haben mag, der süß klingende Name „Tochter" von ihren Lippen ausgesprochen, wird Dein Inneres freudig elektrisieren. Der Vater-, der Mutterruf wird Dir die liebenden Arme derjenigen öffnen, denen die Natur die elterlichen Gefühle für Dich in den Busen gelegt hat. Mir blühen, leider! solche Wonnen nicht; allein ich werde mich weiden an Deinem Glücke und werde selbst glücklich sein." „Täusche Dich nicht, Joseph! ich muß nunmehr Dich, ich muß unsere Zieheltern verlassen! Diese schönen Fluren, auf denen ich einst in fröhlicher jugendlicher Sorglosigkeit mit Dir spielte und tändelte, ich muß sie wie eine Verbrecherin heimlich verlassen, ich muß diejenigen hintergehen, die mich bisher so eigennutzlos genährt und gepflegt haben; ich muß in ihren Augen als eine Undankbare erscheinen, denn meine Entfernung wird sie betrüben, ich muß Leopoldine, die geliebte Gespielin meiner Jugend, aus immer verlassen, ohne ihr ein Lebewohl zuzurufen: das alles muß ich, Joseph, denn die Kenntnis von meiner Absicht, zu meinen jüdischen Eltern zu fliehen, würde meine Freiheit und vielleicht gar mein Leben bedrohen." „Du sollst nicht fliehen ohne mich, Klara! ich will dir die Wege ebnen, ich werde Dich gegen jeden feindseligen Angriff beschützen; so lange meine Arme sich regen können, soll Dir kein Haar auf dem Haupte gekrümmt werden." „Du vergißt, Joseph, daß von nun ab unsere Wege verschieden sind! Ich gehöre einem Volke an, das verpönt, erniedrigt, gehetzt und verfolgt wird: ich bin Jüdin, Du gehörst einer anderen Kirche an. Ich werde das Geschick meiner Eltern mit Demut und Resignation.tragen." „Glaube nichtmeine Schwester, daß es ein Zufall war, nein, Gott selbst hat mein Geschick an das Deine geknüpft! Er war es, der.' mein Leben an das Deine gekettet. Gleich nach unserer Geburt hat', ein höherer Wille uns zusammengebracht; und in dem Augenblicke, da jene unsichtbare Hand Dich von dannen weist, bin: auch ich gezwungen, den Wanderstab zu ergreifen, um diese Gegend zu meiden. Das hat nicht der Zufall so gewürfelt ... Ja, Klara! auch ich kam heute in der Absicht zu Dir, um Dir zu verkünden, daß es mich forttreibt von hier. Morgen schon." „Was kommt Dir bei, Joseph!" „Ach, wie beneidenswert ist doch Dein Los, teure Klara! Rein vor Gott, Deinem Schöpfer, wirft DU die unverdiente Schmach Deiner Eltern tragen helfen; Ihre Liebe wird Dich belohnen. Deine Liebe wird sie stärken, trösten; ich hingegen .... vielleicht bin auch ich jüdischer Abkunft; — wer weiß es; vielleicht sind meine Eltern in jener grauenhaften Zeit, in die meine Geburt fällt, grausam gemordet worden; und ich habe nicht einmal den Trost, ihre Grabsteine mit meinen kindlichen Tränen benetzen zu können." Die Rührung, mit welcher Joseph die letzten Worte sprach, teilte sich unwillkührlich auch der Ziehschwester mit; sie fieluhm um den Hals, und küßte ihm die Tränen von den Wangen, während sie daselbst die Spuren von den eigenen zurücklieh. Nachdem sie etwas ruhiger geworden waren, erzählte Joseph von seiner letzten Unterredung mit Herrn Tanger, die feinen Entschluß, sich von hier zu entfernen, zur Folge gehabt; und als er damit zu Ende war, forderte er Klara auf — voraussetzend, sie habe nicht die Absicht, vor ihm etwas geheim halten zu wollen — ihm ebenfalls mitzuteilen, welcher Fügung des Himmels sie die Entdeckung ihrer Eltern verdanke.. (Fortsetzung folgt.) Srirk aus Karlsbad. Von Julius Stettenheirn. ch habe in dieser Saison hier eine merkwürdige Entdeckung gemacht, die zwar nicht so interessant ist als die des Radiums in den hiesigen Quellen, aber doch immerhin so merkwürdig, daß sie nicht unenthüllt bleiben darf. Ich habe unter denjenigen Unglaubensgenossen, welche am letzten Julitage Abschied nahmen, recht viele gesehen und gesprochen, welche schwerer geworden sind, als sie bei der Ankunft gewesen waren, was ihnen die Männer, welche die Wägestühle oder die Stuhlwagen verwalten, für zehn Heller schriftlich gegeben haben. Sie sind aber gekommen, um leichter und schlanker zu werden, und es hat sich ihrer daher eine arge Unzufriedenheit bemächtigt. Besonders der Damen, unter denen etliche sogar als würfelähnliche Wesen eingetroffen waren, sich aber bei der Abfahrt bedenklich der „Kugel"form genähert hatten. Alle fühlten sich nur leichter geworden, indem sie sich einen Zuschuß zur Reisekasse hatten kommen lassen müssen, um den Anforderungen genügen zu können, welche die Abreise an sie stellte. Ich habe den Eindruck empfangen, daß diese Abreise mit einer Enttäuschung bewerkstelligt worden ist: die Kurgäste beiderlei Geschlechts, welche bis zur Unkenntlichkeit schlank werden wollten, glauben, eine Mastkur durchgemacht zu haben. Man wird dies auch in ihrer Heimat annehmen. Ich habe Männer gesprochen, welche sich mit den frugalsten Mahlzeiten begnügten und die Zeit vor und nach denselben mit unglaublichster Zähigkeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.