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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-19 · Heft 34 (19.8.1904) · p. Seite 405

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
Seite 405 (sequence 9)
Language
German
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- Ohne Zweifel wird der Leser die Aengstlichkeit und die Hast, mit welcher Herr Tanger nun seine Vorsichtsmaßregeln betrieb, viel zu übertrieben finden; wir bitten jedoch, mit dem, Urteile zurückzuhalten, bis wir auch jene drängende Triebfeder in dem Gemüte des Herrn Tanger kennen werden, die uns annoch verborgen ist. ' '' Herr Tanger begab sich sogleich zu Joseph, den er nach einer kurzen Einleitung also ansprach: „Lieber Joseph! Gründe, deren Auseinandersetzung mir in diesem Augenblicke unmöglich ist, veranlassen mich bei - einer von mir beschlossenen Anordnung fest und unerschütterlich zu verharren. Ein ferneres intimes Verhältnis zwischen Dir und meiner Ludovika kann und darf nicht bestehen, nachdem eher an einen Einsturz des ganzen Weltgebäudes als an eine eheliche Verbindung zwischen Euch zu denken ist: Du. mußt also fort von hier; du mußt so lange in der Ferne verweilen, bis sie Gattin geworden sein wird. Ich bin' jedoch gern bereit. Dich in der Zwischenzeit ansehnlich zu unterstützen." > Während dieser unerwarteten Ansprache regte sich in dem Herzen des Jünglings kein Gefühl von Eifersucht, was bei klarer Einsicht vieles zur Beruhigung des Herrn Tanger beigetragen haben würde; dennoch stand er da wie niedergeschmettert, wie von einem Blitzstrahl betäubt. War ihm auch das Verbot, die teure Jugendgespielin nicht sehen und sprechen zu dürfen, schmerzlich; so schmerzte ihn doch die Schmach ungleich stärker, daß die Dunkelheit seiner Abkunst eine solche Maßregel von seiten, des Herrn Tanger notwendig erheische. Ein anderer Grund war ja nicht denkbar. Herr Tanger gewahrte mit teilnehmender Betrübnis die tiefe Niedergeschlagenheit des Jünglings und wollte einige Trostworte hinzusügen, Joseph aber unterbrach ihn, indem er mit gesenktem Blicke und zitternder Stimme erklärte, er werde diese Gegend für immer verlassen, weise aber jede Unterstützung zurück, da er seinen gesunden Händen zutraue, sich überall ernähren zu können. Als er sich nun entfernen wollte, faßte ihn Herr Tanger am Arm, und indem er ihn noch zu verweilen zwang, sprach er mit innerer Rührung: „Ich habe, Joseph, väterlichen Anteil genommen an Deiner Erziehung; ich habe, Du weißt es. Deine Pflegeeltern materiell unterstützt; ich tat es um Deinetwillen; ich habe Dich unterrichtet und Dein Herz zum Guten geleitet; was Du weißt, und was Du bist, hast Du zum großen Teil mir zu verdanken; ich habe daher ein wohlerworbenes Recht auf Deine Folgsamkeit." „Befehlen Sie, ich werde folgen!" sprach Joseph, und brach vor innerer Bewegung in Tränen aus. Auch Herr Tanger zerdrückte eine Träne in seinem Augenwinkel und fuhr fort: „Was ich von Dir verlange, kann ich Dir erst morgen sagen; versprich mir also vor der Hand, daß Du nicht von dannen ziehst, ohne persönlich von mir Abschied genommen zu haben; ich werde Dich zu diesem Behufe morgen Vormittag in meinem Bücherzimmer erwarten." Joseph versprach das, und Herr Tanger entfernte sich. Joseph war entschlossen, fest entschlossen, eine Gegend zu verlassen, wo — wie ihm deuchte — bei seinem Anblicke die Kinder in den Gassen einanderzuraunen: Hier geht der Findling! Nur war er mit sich nicht einig, ob er seine Pflegeeltern von seinem Entschlüsse in Kenntnis setzen oder ob er nicht, um ihren Widerstand zu vermeiden, sich heimlich entfernen sollte. Und Klara? Sollte er sie, von der er gewohnt war, sie in sein Herz wie in einen Spiegel sehen zu lassen, sollte er sie auch hintergehen? Wie wird es ihm endlich auch möglich sein, in Zukunft eine Lust einzuatmen, der ohne Klaras Nähe alle Lebensfrische benommen sein wird? So viel Verzweifelndes * diese Reflexionen dem armen Jüngling auch boten, fühlte er doch bei seinem Eintritte in die Kammer seiner Pflegeeltern, daß sein Gram noch einer Steigerung fähig sei. Er traf Klara allein, in Tränen zerfließend; und vergebens war all ihr Bemühen, bei seinem Erscheinen den Strom zu hemmen. Auch all sein Bitten, ihm den Grund ihrer so großen Betrübnis mitzuteilen war vergebens. „Ich kann nicht Joseph! schluchzte sie, es ist ein tiefes Geheimnis, das mir die Brust zusammenpreßt. Ich werde Dir es mitteilen; nur jetzt nicht." Klara und Joseph, deren Herzen von frühester Jugend nicht bloß durch ein gleiches dunkles Geschick, sondern auch durch Gleichheit der Empfindungen, durch die Sympathie ihrer Seelen und durch die vollkommene Gleichheit der Behandlung von seiten ihrer Zieheltern fest miteinander verwachsen waren, kannten keine größere Freude und keinen größeren Schmerz, als wozu die wechselseitige Teilnahme sie aufforderte. Nun fand Josef in seiner eigenen bitteren Stimmung die heißgeliebte Jugendgespielin unglücklich, und sie versagte ihm den ihm gebührenden Anteil! Er brach ebenfalls in Tränen aus, und jetzt war die Reihe zärtlicher Besorgnisse an Klara. Mit aufgehobenen Händen bat sie ihn, ihr doch die Ursache seines Grames zu eröffnen. „Was ist die eigene Qual im Vergleiche zu der Pein, Dich, Klara, leidend zu wissen und Dein Vertrauen eingebüßt zu haben!" „Du bist in einem traurigen Irrtum, Joseph, indem du aus meinem Schweigen auf einen Mangel an Liebe zu Dir schließest. Könnte ich Dein Glück und Deine Wohlfahrt mit der Aufopferung meiner selbst erkaufen, ich wäre mit Freuden dazu bereit; aber ... ach!" „Du wolltest mein Glück durch Aufopferung Deines Lebens erkaufen, ohne daß mein eigenes Leben keinen Bestand hienieden hätte? Und wenn es wahr ist, was Du sprachst, warum versagst Du mir ein das bisher mein größtes Glück ausmachte? Warum sollen Geheimnisse uns trennen, anstatt daß sie — wenn sie nun einmal bestehen — uns nur noch fester aneinander knüpfen sollten? Sieh, Klara! ich verhehle Dir nicht, daß auch mich ein Seelenschmerz drückt, und wenn eine Linderung desselben möglich ist, so erhoffe ich sie nur von Deiner ehrlichen Teilnahme." „Wohlan, Joseph! Du sollst auch von mir alles erfahren, so unrecht es vielleicht auch sein mag. Dich einzuweihen in ein Geheimnis, das mir nicht allein angehört. Da jedoch unsere Zieheltern von dessen Bestände keine Ahnung haben dürfen; so ist es nicht ratsam, unser jetziges Gespräch hier fortzusetzen, wo wir in Gefahr sind, jeden Augenblick von ihnen unterbrochen zu werden." „So komm denn heute Nachmittag zu mir aus das Feld, wo wir ungestört und unbelauscht gegenseitig unsere Herzen ausschütten können." Klara erklärte sich einverstanden, und zur anberaumten Zeit trafen beide an dem bestimmten Orte zusammen. Klara ergriff die Hand ihres Ziehbruders, drückte sie an ihr ungestüm pochendes Herz und sagte: „Mein teurer Joseph! wenn sich mein Inneres sträubt, vor Dir mein Herz hente zu öffnen, ein Herz, das stets gleichsam ein offenes Buch für Dich war, so magst Du nur daraus erkennen wie groß meine Furcht ist - Dir zu mißfallen." „Eine solche Furcht von Deiner Seite verrät nur Deine völlige Unkenntnis von der Größe meiner Liebe zu Dir." „So wisse es denn, Joseph! ich habe — meine Mutter gefunden." „Höre ich recht?"

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