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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-19 · Heft 34 (19.8.1904) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
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Mtorilchr Lrlekrüchtk. m Jahre 1561 vertrieb Kaiser Ferdinand I. die Juden der altberühmten Gemeinde Prag . und - keine Vorstellungen auch von vornehmen christlichen Persönlichkeiten, konnten ihn zur Rücknahme des Verbannungsbefehls bewegen. Da wandten die böhmischen Israeliten sich an den päpstlichen Hof mit der Bitte um seine Verwendung, daß sie, wie während so vieler Jahrhunderte in der Vergangenheit, noch weiter im Reiche des heiligen Wenzel geduldet werden möchten. Und nicht nur der milde Papst Pius IV., sondern auch sein sonst fanatisch strenger Kardinal-Nepot, der heilige Karl Borromeo, zeigten sich dem Flehen der geängstigten Juden geneigt. Vorromeo beauftragte zweimal — am 14. Juli und am 21. August 1563 — den Nuntius Delfin in Wien, dafür tätig zu sein, daß „jene Aermsten bei ihren Majestäten (dem Kaiser und seinem ältesten Sohne, dem römischen Könige Maximilian 1l.) in Gnaden ausgenommen würden, damit sie von jenen irdischen Herrschern aus den ewigen erkannten, und nach so langwieriger Hartnäckigkeit gleichfalls das Kreuz unseres Heilands umarmten." Der Kaiser „möge die Juden in seinen Reichen dulden, wie so viele andere Könige sie geduldet hatten". Der Papst bitte darum „mit demselben Erbarmen, das die heilige Kirche veranlasse, für ihre Ungläubigkeit doch zu beten." In der Tat erreichte die Verwendung des päpstlichen Hofes ihr Ziel: die Juden durften nach Prag und den übrigen böhmischen Städten zurückkehren. So reihte sich Pius IV. der leider nicht allzugroßen Zahl derjenigen Päpste an, die sich in Barmherzigkeit und in einer gewissen Sympathie für das Volk, aus dem der Stifter der christlichen Religion entstanden ist, der Juden annahmen. Es scheint, als ob auch sein gleichnamiger Nachfolger Pius X. eine den Juden günstige Gesinnung hegt, die sich hoffentlich bald in Taten, im Bekämpfen des katholischen Antisemitismus geltend machen wird. M. Ph. Uns der guten slten %nt Historische Erzählung von Edmund Gregory. märtens bezog bald nachher die neugepachtete Meierei, welche an ein sehr schön gelegenes Landhaus stieß, das von Herrn Tanger selbst bewohnt wurde. Dieser junge Mann bewährte sich ebenfalls als ein wahrer Kinderfreund, denn er wendete den beiden Findlingen eine seltene herzliche Teilnahme zu, die sich in den späteren Jahren noch dadurch steigerte, daß er sich verehelichte, und das erste Kind, das aus dieser Ehe hervorging — ein Mädchen, Ludovika genannt — eine unzertrennliche Gespielin der Pfleglinge Märtens ward. Herr Tanger, der als Privatmann einen zu jener Zeit seltenen Bildungsgrad besaß, nahm den tätigsten Einfluß aus die Erziehung der Kinder, lehrte sie lesen, schreiben und sonst noch manches Wissenswürdige. Nach Abfluß des ersten Jahres seit der Aufnahme Josephs, h S. Steinherz, Nuntiaturberichte aus Deutschland 1560 bis 1572, III. (Wien 1903), 365. übergab Herr. Tanger dem Märtens sechs Goldgulden,, avelche, wie er versicherte, ihm von unbekannter Hand zugeschickt worden waren, nebst einem Schreiben, worin ihm, Herrn Tanger, für die Teilnahme , gedankt wurde, die er für Joseph so offenbar an den-Tgg legt, was auch als Grund angegeben war, weswegen man sich an ihn, als des Lesens Kundigen wende. Außerdem, so versicherte Herr Tanger, drückte das Schreiben eine besondere . Zufriedenheit mit. der Behandlung Josephs aus, und versprach, die stete pünktliche Zusendung des Pflegegeldes. .; / ... Das Letzte geschah auch wirklich, indem Herr Tanger dem Märtens jährlich am Fundtage Josephs, als ihm zugesandt, sechs Goldgulden übergab. Joseph, Klara und Ludovika wuchsen heran, innig verschwistert durch gegenseitige herzliche Zuneigung und Liebe. So wie die Natur alle drei wohlwollend mit seltener Schönheit und Anmut beschenkt hatte, so waren sie auch reich an Tugenden und guten Eigenschaften. Die zärtliche Anhänglichkeit, die sie für einander hegten, war so gleichmäßig, wahr und aufrichtig, daß niemand zu behaupten gewagt hätte: Eines von ihnen werde von dem anderen im Vergleiche zu dem dritten mit Vorzug im Herzen betrachtet. Dennoch werden wir bald Gelegenheit haben wahrzunehmen, daß die Empfindungen der Liebe für einander wohl von gleicher Größe, 'aber keineswegs von gleicher Natur waren. Joseph zeigte eine für seinen künftigen Beruf besondere Neigung zur praktischen Oekonomie, und da die Wirtschaft seines Ziehvaters ihm zu wenig Spielraum bot, beschäftigte ihn Herr Tanger auf einer seiner größeren Besitzungen in der Nähe, wodurch aber das freundliche Zusammenleben der zwei Familien, und insbesondere der drei jüngeren Wesen gar nicht gestört wurde; und gewiß hatte es noch eine lange Zeit so sortgedauert, wenn es nicht in dem Plane einer höheren weisen Lenkung menschlicher Geschicke anders beschlossen gewesen wäre. Eines Tages sprach Frau Tanger zu ihrem Gatten: „Sieh, lieber Freund! so unschuldig und gefahrlos wir auch bisher den engen vertraulichen Umgang dieser drei jungen Kinder mit einander achteten, wären wir doch vor Gott und der Welt verantwortlich, wenn wir ihn auch fernerhin so sorglos gut hießen. Die Welt hat die Intimität unseres Kindes mit zwei Wesen von so obskurer Geburt niemals beifällig betrachtet, ich habe mich jedoch — wenngleich mit Widerstreben — über das Vorurteil hinweggesetzt, weil es Dein fester Wille war. Nun aber ist Joseph achtzehn und unsere Ludovika sechzehn Jahre alt, der Jüngling besitzt unleugbar außer moralischen und geistigen Vorzügen alle körperliche Eigenschaften, welche geeignet sind, ein unbefangenes Mädchenherz dauernd zu fesseln. Was soll nun daraus werden, wenn Du in Deiner blinden Vorliebe nicht etwa gar die Absicht hast, unsere Tochter einem — Findling an den Hals zu hängen?" Diese unerwartete Ansprache versetzte Herrn Tanger augenscheinlich in eine Verlegenheit, die viel tiefer lag; als Frau Tanger vermutete. Er machte, um sich erst zu sammeln, stillschweigend einige Gänge auf und ab im Zimmer, dann blieb er vor seiner Frau stehen, und indem er ihr die Hand reichte, erwiderte er: . „Mein gutes Weib! ich habe wahrlich in meinem festen Vertrauen aus den biederen Charakter des jungen Mannes und auf die reine Unschuld unseres Kindes an d.ie von Dir berührte Gefahr niemals gedacht; ich stehe jedoch gar nicht an, einzuräumen, daß Deine Bemerkung würdig ist einer klugen und vorsichtigen Mutter : somit verspreche ich Dir, sie keineswegs unbeachtet zu lassen."

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