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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-19 · Heft 34 (19.8.1904) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
Seite 403 (sequence 7)
Language
German
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früheren Romanen „Einsamkeit" und „Fegefeuer" wird in einzelnen Kritiken die „heiße Empfindung und süße Sehnsucht" gerühmt, das Schwelgen in der Natur, besonders derGebirgsnatur hervorgehoben; eine in einer Zeitung veröffentlichte Geschichte „Der Mörder" beschäftigte Polizeih und Gerichte. Zweimal wurde der Verfasser von der-Anklage der Unsittlichkeit freigesprochen; ob die erfolgte Verweisung an ein drittes Gericht einen andern Ausgang hatte, vermag ich nicht zu sagen. Der vorliegende Roman ist der eines Juden, aber kein ausschließlich jüdischer Roman: es ist wohltuend, daß hier fast kein Wort in jüdischem Dialekt gesprochen wird, und daß man sich — die Neueren werden mich wegen dieser Bemerkung einen argen Philister schelten — in anständiger, gebildeter Gesellschaft befindet. Es ist ein moderner Roman in doppeltem Sinne. Zunächst dadurch, daß es dem Autor viel mehr auf Stimmung als auf Erzählung ankommt, sodann dadurch, daß er, gegenüber der alten Romantheorie, die ein abgeschlossenes Leben verlangte, nur einen Ausschnitt, eine Episode mitteilt. Die Erzählung von allem Beiwerk getrennt, kann man in einige kurze Sätze zusammenfassen: Elias Merian kommt in eine kleine Stadt, deren Namen nicht einmal genannt wird, um sich dort von dem zehnjährigen Redaktionsfrondienst auszuruhen und für sich zu leben. Dort, befreundet er sich mit zwei Gesellen, komischen Burschen, wie er selbst einer ist, verliebt sich in eine kürzlich verwitwete adlige Dame, die sich, nachdem sie durch brüske Enthüllungen die Unmöglichkeit erkannt hat, dein Geliebten anzugehören, ums Leben bringt. Elias Merian bleibt allein. Die Handlung steht also am Ende ganz auf demselben Fleck wie am Anfang, höchstens mit dem Unterschied, daß Elias „die große Liebe" kennen gelernt hat, die ihm nach der Meinung einiger Freunde fehlte. Aber sein Schicksal hat keine andere Wendung genommen,' er bleibt in derselben Lebensentfremdung zurück wie vorher. Was die Stimmungsbilder anbetrifft, so sei nur, ohne auf Einzelnes einzugehen, bemerkt, daß eine große Anzahl solcher Bilder teils aus dem Leben des Elias, teils aus dem seiner beiden schon angedeuteten Genossen, teils aus dem der übrigen Bewohner der kleinen Stadt in bunter Reihe ohne klar ersichtlichen Plan aufeinander folgen. Bisher war von Jüdischem kaum die Rede; die Leser dieses Blattes erwarten aber mit Recht keine Besprechung allgemeiner Romane, sondern wesentlich solcher, in denen es sich um jüdische Dinge handelt. An solchen ist in dem merkwürdigen Buche kein Mangel. Freilich ist es nicht etwa der Kamps eines Juden mit seiner religiösen Ueberzeugung, weil er eine Christin liebt, auch kaum ein Kanrpf mit der Gesellschaft, denn die Geliebte fragt nicht nach dem Bekenntnis; allerdings wird ihr Selbstmord dadurch hervorgerusen, daß der angebliche Onkel, bei dem sie lebt, in Wirklichkeit ihr Vater, ihr die Verbindung ‘ mit einem Juden untersagt. Es sind also mehr kurze Bemerkungen und einzelne Szenen, die dem Werke den Charakter eines jüdischen geben. Zwei kurze Sätze enthalten des Verfassers Ansicht über Wesen und Aufgabe des Judentums. Der eine lautet: „schwerblütig war er und zerrissen wie alle, die seinen Namen trugen, wie alle, die verbannt aus der Heimat sind." Und der andere, die Rede eines Eiferers, lautet: „Ein Volk sollen wir sein, ein Volk mit einer Heimat und einem Namen. Nicht reden und jammern dürfen wir und winseln und über Verfolgung klagen, sondern handeln wie ein Mensch, der ein Schwert in der Faust hat und Köpfe vor sich, die er abschlagen kann." Dann kommt eine Szene vor, wie ein etwas verrückter alter Jude von Kindern gehöhnt wird, eine Szene, die von Historikern und Dichtern zu oft geschildert ist, um erwähnenswert zu sein, und die hier nur deshalb hervorgehoben wird, weil in ihr ein eifriger jüdischer Jüngling Jonathan Abarbanell, erscheint, der, obwohl er dem Alten hilft, erbittert gegen ihn ist, weil er ein Marienbild in seinem Zimmer stehen hat und eine Kerze davor brennen läßt. Hat schon diese Szene mit dem eigentlichen Gegenstand dieses Romans wenig zu tun, so noch viel weniger die Schilderung eines Gottesdienstes am Versöhnungstage in der kleinen Gemeinde, in der der Vater des jungen Jonathan Vorbeter und eigentlicher Leiter der ganzen Veranstaltung ist. Und noch weniger ein langes Gespräch zwischen Jonathan und einem alten Polen, mit dem er das Grab eines Verwandten besucht, über Palästina und Jerusalem. Aber gehören alle diese Stücke gewiß auch nicht zur eigentlichen Erzählung, so sind sie gerade für unseren Zweck besonders wichtig wegen der Ansichten, die der Verfasser über das - Judentum äußert. Es kommt hier wenig darauf an, ob die Anschauungen vom Verfasser geteilt oder bloß seinen Helden geliehen werden. Man könnte diese Anschauung eine Mischung von Romantik und Zionismus nennen. Erstere tritt bei der Schilderung jenes Gottesdienstes hervor, letzterer macht sich besonders bemerkbar in einer Rede des alten Polen, der schon viele Jahre in Jerusalem geweilt hat und auch wieder dorthin zurückkehrt. Die erstere Stelle lautet so: „Aber ihr steht allein in diesem Lande der verführerischen Schönheit. Sie werden kommen und gleißnerische Worte reden. Sie werden kommen und sagen: wirf von dir deine hochmütige Zurückhaltung! Erfasse die Hände, die wir dir entgegenstrecken! Gib auf, was dich von uns trennte! Du kannst einer der unseren sein, wenn du nur willst! — Glaube ihnen nicht. Sie höhnen. Sie wollen dich abwendig machen von dem einzigen, was das Leben erhalten kann, von dem Vertrauen zu dir und deinem Volke. Noch immer sind wir auserwählt. Gott hat uns seine Propheten gesandt, aber wir haben sie verkannt und an das Kreuz geschlagen und nun ist unser Volk wie Christus, verhöhnt, mit Staub und Blut bedeckt, ans Kreuz geschlagen. Aber wie er auferstand, so werden wir auferstehen. Die heilige Lampe werden wir wieder anzünden dürfen. Und wachen werden wir — Wachen!" Und im Zusammenhänge damit, vielleicht das merkwürdigste Wort des Ganzen, kommt bei jener Erzählung vom Gottesdienst vor, in der Schilderung des jungen Jonathan: „Gott? — Nein, Gott war nichts, ein Hauch, ein Schemen . .. Aber Israel, das Volk, das war . etwas." Das würde nichts anderes heißen als: die Religion ist verschwunden und an ihre Stelle das Volks- — und Stammesbewußtsein getreten. Man könnte den Autor freilich fragen: was unterscheidet denn dieses Volk von anderen, wenn nicht der Glaube; was hat seine tausendjährigen Leiden bewirkt, wenn nicht das Festhalten an dem Glauben? Indessen der, der solche Worte zu sprechen hat, ist ein siebzehnjähriger Jüngling und bei allem Respekte, den die Jugend verlangt, lohnt es sich doch nicht, jedes ihrer Worte auf die Wagschale zu legen. Wie dem auch sei, der Roman hat eine symptomatische Bedeutung. So unsympathisch mir der Zionismus auch ist, , ich habe ihn nie so liebenswürdig dargestellt gefunden wie gerade hier. Auch die übrigen jüdischen Figuren sind mit feiner Kunst geschildert. Ich bin weit davon entfernt, das Buch für ein Meisterwerk zu erklären, aber es hat gerade für den Leserkreis dieses Blattes großes Interesse dadurch, daß es einzelne an und für sich interessante jüdische Szenen in ein allgemeineres Werk einfügt, und einen Juden, der trotz seiner Zerfahrenheit Aufmerksamkeit zu erregen imstande ist, in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt.

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