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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-19 · Heft 34 (19.8.1904) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
Seite 402 (sequence 6)
Language
German
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-402 der größte Vorwurf, mit dem man der jüdischen Neligion-jegliche Existenzberechtigung absprechen zu können glaubte, indem man ihren Jehovah zum Nationalgott machte und in der sinaitischen Offenbarung der Zehntafeln ein Starnmeserlebnis erblickte, „dessen allgemeine sittliche Bedeutung die Juden niemals erkannt hätten." Gewiß/ auch bei uns gab es vielleicht eine Zeit, wo Jehovah Stämmesgott war. Aber das war in der Jugendzeit unserer Religion; doch sie wuchs und wurde größer und sprengte die nationalen Fesseln und entfaltete sich zur Menschheitsreligion. Aus Jehovah, dem Stammesgott, wurde der Vater aller Menschen. Wir Juden dürfen diese rückläufige Bewegung, die sich vor unseren Augen vollzieht, mit Ruhe betrachten, aber wir müssen uns hüten, in denselben Fehler zu verfallen, wie dies seitens jener Bewegung im Judentum, schon geschieht, die denselben Geist atmet, aus welchem Lamprechts Anschauung geboren ist. So stark ist diese Rassenbewegung, so verführerisch das nationale Phantom, daß es selbst einen so eigenherrlichen Denker wie Lamprecht gefangen genommen hat. Aber, und das dürfen wir ihm zum Vorwurf machen, er ist nicht konsequent. Ohne mit einer Wimper zu zucken, konstatiert er die Tatsache, die anderen Deutschtümlern Höllenqualen bereiten muß, daß es nicht das Blut des Armin und der Thusnelda ist, das in ihren Adern.fließt, sondern, daß Kelten, Normanen, Slaven, Mongolen und Semiten jeder zu seinem Teil ihr Scherflein zur Bildung der deutschen Nation beigetragen haben. Man sollte nun annehmen, daß Lamprecht damit auf die Betonung des Rassenstandpunktes verzichten würde, denn aus der Speisekarte der Rassenmischung, die, wie er angibt, bei den Germanen stattgefunden hat, läßt sich kaum mit Sicherheit konstatieren,! welchen Anteil nun eigentlich das germanische Element an! dem Volksganzen hat. Und trotzdem gewinnt er es über sich, j als er von der Bedeutung der Presse für die öffentliche 1 Meinung in Deutschland während der vierziger Jahre spricht,; zu schreiben, daß diese damals nur in den Händen von; Franzosen und Juden lag, wohlverstanden deutschen Juden. j Lamprecht ist kein Antisemit im Gassensinne. Er, vor dem ' die Geschichte ein offenes Buch ist, in dem er sine ira et studio zu j lesen gesucht hat, ist nicht Antisemit, weil er es nicht sein kann.; Und trotzdem dieses Wort, das deutsche Juden in ihrem Verj hältnis zum Deutschtum auf eine Stufe mit Ausländern stellt und das mehr verletzen muß, wie ein Lexikon von Schimpf-' Worten eines Ahlwardt. Denn dieser Zusammenhang besagt viel. Hier vergißt der objektive Historiker seine Weisheit, ver-: gißt die Kulturarbeit, die deutsche Juden, seitdem sie Mitarbeiten dürfen, für das deutsche Volk geleistet haben, vergißt; das Blut, mit dem sie für Deutschlands Größe die Schlacht-; felder rot gefärbt haben. Er führt nichts zur Begründung seiner Auffassung an. Ob er vielleicht in den Juden die reine Rasse respektieren will? Aber auch hier ist er nicht konsequent. Da, wo es ihm paßt, nimmt er z. B. jüdische Denker für das deutsche Volk in Anspruch und sieht in Karl Marx den Beweis dafür, daß es seinen Ehrennamen als das Volk der/ Denker und Dichter mit Recht trägt. Ja, Lamprechts ganze Stellung zum nationalen Problem wird uns noch unverständlicher, wenn wir an einer anderen Stelle eine Definition vor/ Deutsch-National lesen. Da, — es handelt sich um die j Stellung des Deutsch-Amerikaners zum Mutterlande — heißt , es: „Als Deutschen im nationalen Sinne mag man schließlich den bezeichnen können, der deutsch als Muttersprache spricht/ der von deutschen Eltern abstammt, der bewußt festhält an' seinen Beziehungen zu der durch deutsche Kultur bedingten! Gemeinschaft, oder der wenigstens eine Wahrheit dieser Merkmale aufweist." Durch diese Erklärung dürfte Lamprecht sich alle diejenigen verpflichten, die durch nationale Scheuklappen unbeengt Menschen und Dinge betrachten - und die der Meinung sind, daß Verstand und Herz nicht, allein von der bestimmten Blutmischung abhängig sind. Und besonders dürften wir Juden dieser Interpretation des Wortes „deutschnational" zustimmen, die wir ja stets das Band, das uns mit dem Deutschtum verknüpft, als ein kulturelles, die deutsche Gemeinschaft als eine Kulturgemeinschaft betrachtet haben. Und ohne auch nur ein Titelchen unserer bewußten Eigenart aufzugeben, können wir ihr angehören. Daß die deutschen Juden stets diese Kulturgemeinschaft, die sie zu Gliedern eines großen, wachsenden Volkes machte, hochgehalten haben, das zeigen sie im Auslande und überall da, wo ein widriges Schicksal sie hingeworfen. Die deutsche Sprache, das stärkste Bindemittel nach Lamprecht, haben sie noch niemals aufgegeben. Doch, wie wir sahen, ist es mit Definitionen leider nicht getan, und es ist selbst für einen deutschen Professor ein weiter Weg von der Theorie zur Praxis. Aber wir Juden sind die weiten Wege gewöhnt. Wir wissen auch, daß Entwicklungen nicht gradlinig aufsteigen, daß Reaktionen eintreten, die aber abgelöst werden von neuen Bewegungen/ welche den Rückschritt ausgleichen und ein kleines Stück vorwärts führen. Das nationale Phantom wird weichen müssen jener großzügigen Auffassung, wie sie uns in dem letzten Zitat entgegentritt. Aber etwas Erfreuliches können wir doch konstatieren. Von Treitschke zu Lamprecht, welch ein Schritt! Dort der Hetzapostel, der die Geschichte zu seinen Zwecken mißbraucht und sich über die Tatsachen keck hinwegsetzt und hier der ringende Geist, der immer strebend sich bemüht, der aber auch nur ein Kind seiner Zeit ist, nur deren Schwächen, Widersprüchen und Vorurteilen unterliegt. Lamprecht zitiert ein schönes Wort von Schiller über den Deutschen: „Er ist erwählt von dem Zeitgeist, während des Zeitkampfes an dem ewigen Bau der Menschheit." Wir deutschen Juden machen uns dieses Wort gern zu eigen und wollen gern als Bauleute mithelfen . an diesem stolzen Werk, aber der Geist der Zeit, der ja allerdings nur der Herren eigener Geist ist, darf uns nicht die Schaffensfreude nehmen. 1. tzuldlchmkr: Mr ltille Stadt.' Von Prof.. Dr. Ludwig Geiger. . ährend man bisher noch in keiner Weise bemerken kann, daß von den zahlreichen Historikern oder Literarhistorikern jüdischen Glaubens sich mehr als früher der jüdischen Geschichte oder Literaturgeschichte zuwenden, ist es in der Tat recht auffallend und in gewisser Weise höchst erfreulich zu bemerken, wie die Romandichter anfangen, das bisher einigen wenigen Spezialisten überlassene jüdische Gebiet zu behandeln. Ein merkwürdiges Beispiel sei heute den Lesern vorgesührt. Der Autor des Buches, das zu den folgenden Ausführungen Veranlassung gibt, ist keiner der Jüngsten, aber noch viel weniger ein Alter. Er ist nach Angabe des Kürschnerschen Literaturkalenders 32 Jahre alt, stammt aus Gleiwitz und ist Arzt in Hamburg. Wenn auch auf dem Felde der jüdischen, so ist er auf dem der deutschen Literatur kein Neuling. Nur hat er nicht, wie unsere Neuesten, schon zu 18 Jahren ein berühmtes Büch losgelassen und ist zu 25 ein müder und ausgeschriebener Mann/ sondern er begann mit 29 Jahren ' und das vorliegende ist ' sein drittes größeres Werk. Von den zwei J) Roman. Berlin. Egon Fleische! L Comp. 1904.

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