Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
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für sich beanspruchen, sobald er .es für notwendig erachtet, nur den Verlust zu schildern, den die Familie oder die Gemeinde oder wer auch immer zurzeit durch diesen Todesfall erleidet. Gewiß gibt es auch Fälle, in denen „nichts zu sagen" ist. Aber darüber Rabbiner, einen Brauche der bereits als notwendige religiöse Handlung gilt, nur aus dem Grunde einzuschränken suchen, weil ihm aus demselben schwer zu lösende Aufgaben erwachsen? Ich erinnere mich eines Falles, in dem ein Rabbiner an einen: Halbfeiertag (an dem früher keine Leichenreden gehalten wurden) am Grabe einer vollständig unbemittelten Person sprach, obwohl diese einen unsittlichen Lebenswandel geführt hatte und keine Angehörigen besaß, an die der Redner sich hätte wenden müssen. Offenbar hätte es Anstoß erregt, wenn es nicht geschehen wäre; dies zeigt aber wohl zur Genüge, wie eingebürgert selbst in kleineren Gemeinden — denn um eine solche handelt es sich — dieser Brauch ist. Und wenn es auch möglich wäre, ihn wieder rückgängig zu machen, so möchten wir doch auf keinen Fall dahingehende Bestrebungen für wünschenswert erklären, nicht nur aus ästhetischen, sondern auch aus ethischen Gründen nicht. Ich hatte schon Gelegenheit wahrzunehmen, welchen Trost das hierim Elsaß noch übliche „Lernen" während der sieben Träuertage in sich birgt, welch beruhigenden Einfluß es auf selbst nicht allzu religiös veranlagte Gemüter ausübt, und darum halte ich es für eine Pflicht, den Trauernden auch den Trost der direkten Ansprache bei einer Beerdigung zuteil werden zu lassen. Ob diese Trauernden aber würdig oder unwürdig sind, das vorher zu untersuchen, wollen wir auf die Zeiten ausheben, in denen man den Bann wieder eingeführt haben und nicht jeden, den sein Herz zu uns führt, zum öffentlichen Gottesdienst zulassen wird! Bis dahin ist aber ein jeder berechtigt, der Segnungen der Religion teilhaftig zu werden — . und der Rabbiner wird nicht nur daran denken, daß die Ehre des Nebenmenschen ihm so teuer sein muß, wie die eigene und die öffentliche Beschämung eines anderen Uebertretung eines religiösen Gebotes wäre, sondern er wird sich auch trotz aller Enttäuschungen der Hoffnung hingeben, daß mancher, der hintritt, weil der gute Ton es nun einmal so verlangt, die Stätte der gottesdienstlichen Handlung wieder verläßt, nachdem er. Gott wiedergefunden hat. Dabei mag es nicht immer angenehm, ja sogar mitunter recht mißlich sein, selbst vor nichtgroßstädtischem Publikum von Gott und Religion zu sprechen, — wenn aber der Vertreter der Religion es ablehnte oder umginge, bei einer religiösen Zeremonie im Namen der Religion zu sprechen, wären dann der spöttischen Bemerkungen Wohl weniger? Und in welchem Falle wären sie mehr am Platze? Wenn deshalb, wie man ja wohl hören kann, im Rabbinertum der Gegenwart noch etwas vom Geiste der Propheten sortlebt und wirkt, dann wollen wir dies, soweit die rednerische Tätigkeit in Betracht kommt, doch wenigstens zu beweisen suchen, indem wir gegebenenfalls der Weisung folgen: „Rede meine Worte zu ihnen, mögen sie hören oder es lassen." Niemand wird mehr als der Rabbiner alle Auswüchse bedauern, wir wissen, daß niemand unfehlbar ist, aber unbekümmert um alle Vorurteile und in gerechter Würdigung wohlgemeinten Tadels werden wir es doch als unsere Aufgabe betrachten müssen, nicht nur bei dem regelmäßigen Gottesdienst, sondern auch bei allen dazu geeigneten Vorkommnissen des Menschenlebens taktvoll — ohne zu verletzen — aber mutig nach unserer Ueberzeugung und nach bestem Können das Wort Gottes freimütig zu verkünden. DroMor Lamprecht und die deutschen Juden. Von Dr. Kurt Alexander. ährend noch Ranke .die reine Idee als den Beweger der großen geschichtlichen Zusammenhänge betrachtete, in denen er noch nicht eine gesetzmäßige Entwicklung erkannte, sondern zufällige und persönliche Momente als vorherrschend ansah, ist Lamprecht zu der Anschauung einer notwendigen kausalen Verknüpfung im Verlaufe der Geschichte gekommen. Nicht mehr die großen Personen, die Helden sind es, die nach ihm Geschichte machen, sondern es ist die menschliche Gemeinschaft in ihrem organischen Gesellschaftsleben, in dem Reichtum der Triebe und Kräfte, die es auslöst, in den Entwicklungsmöglichkeiten, die sie bietet. Das Mittel, um jene großen geschichtlichen Zusammenhänge zu zergliedern, um ihren Entwicklungsprozeß festzustellen, bietet ihm die Geschichtsvergleichung. Mit dem Werkzeug moderner Wissenschaft und umfassendster Bildung ausgerüstet, gibt er uns in seiner Deutschen Geschichte, und besonders in seinem vor kurzem erschienenen letzten Bande, der sich mit der Politik der jüngsten Zeit befaßt, ein glänzendes Bild der Entwicklung des deutschen Volkes. Die historischen Erscheinungen der Gegenwart sind ihm nicht etwas Stabiles, sondern etwas Gewordenes, aber auch etwas Werdendes, im Flusse Befindliches. So sehen wir nicht die Gegenwartserscheinungen allein, sondern wir können sie bis in ihre frühesten Anfänge zurückverfolgen. Aber was sich Lamprecht vor allem aufdrängt, das ist das seelische Moment, das rein Geistige, das wie ein Fluidum über der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung liegt. Ihm spürt er nach mit dem Feingefühl des Psychologen. Eine Sozialpsyche ist es, zu der er kommt, wenn er alle die Schwingungen und Stimmungen der Volksseele Zusammenstellt. Und doch merkwürdig. Gerade das Moment, das einem Werke den Stempel aufdrückt, das es unweigerlich als ein Geistesprodukt unserer Zeit erkennen läßt, wird von ihm hierbei nicht berücksichtigt. Daß die Gegenwart von starken nationalen, ja wir können sagen, - nationalistischen Strömungen durchflutet wird, die überall in unserem Wirtschaftswie Geistesleben sich bemerkbar machen, und unter deren Bann auch Lamprecht steht, wird von ihm kaum erwähnt. Sein Werk klingt aus in einer uneingeschränkten Lobpreisung des Germanentums, die ihn dazu führt, alles, was deutsch ist, für gut, erstrebens- und nachahmenswert zu erklären. Die Welt interessiert ihn eigentlich nur soweit, als sie germanisch ist oder werden kann. Eine so stark betonte Akzentuierung des Rassenelements mußte selbst einen so feinen Geist, wie Lamprecht verführen, dem Moloch Chauvinismus zu opfern. Zwar erklärt er, mit den gewerbsmäßigen Aposteln des Deutschtums nichts zu tun haben zu wollen, aber in Wirklichkeit ist er nicht allzu weit von ihnen entfernt. Ihn trennt nur eine höhere Sittlichkeit und Bildung von Männern wie Friedrich Lange und Chamberlain. Und es muß uns weh tun, ihn in dieser Gesellschaft zu sehen. Ja, wir müssen sogar konstatieren, daß er in mancher Beziehung noch weiter geht, wie diese Fanatiker und daß er zu Konsequenzen kommt, über die es ein Hinaus, kaum noch gibt. So wenn er den Satz ausstellt: „Wer wollte leugnen, daß es auch jetzt noch einen germanischen Christengott gibt?" Damit wäre ja das Christentum glücklich da angelangt, wo es vor zweitausend Jahren begonnen, als es Tuisko und Wotan christianisierte und ihnen das christliche Mäntelchen umhängte. Haben wir nicht immer gehört, daß die christliche Religion die Menschheit umfasse? l Und nun hat auch sie Stammesgötter? War das nicht immer