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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-19 · Heft 34 (19.8.1904) · p. Seite 399

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
Seite 399 (sequence 3)
Language
German
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„Der moderne Antisemitismus — recte Fabrikgeschäftsschwindel-Antisemitismus — ist für mich „gegenstandslos" geworden. Er belügt sich selbst, um andere zu belügen und zu beschwindeln- Er bläht sich auf wie der Frosch in der Fabel und wird wie dieser Platzen. Sei ihm die Erde so schwer als möglich, daß er so bald als möglich' nicht wieder aufstehen kann." „Auch ich — an Kampfjahren der älteste antisemitische Schriftsteller unserer Zeit! — sage mich los von der antisemitischen Bewegung." Dieses Urteil aus eigenem Kreise ist geradezu vernichtend für die Partei, die nun auch den Namen schon wieder geändert hat und sich „Deutsche Mittelstandspartei" nennt. ft Mit Waldeck-Rousseau hat Frankreich einen der bedeutendsten Vorkämpfer der Kultur und Humanität verloren. Die Gefahr lag, als er Ministerpräsident wurde, im Klerikalismus und dem mit diesem verbündeten Nationalismus. Mit beiden nahm Waldeck-Rousseau den Kampf auf. Die Revision des Drehfus-Prozesfes gehörte auf dasselbe Gebiet. Man hat Waldeck-Rousseau nicht mit Unrecht vorgeworfen, daß das Urteil von Rennes ein schwachmütiges Kompromißurteil gewesen ist, und daß auch die Amnestie für alle mit dem Dreyfus- Händel in Verbindung stehenden Vergehen und Verbrechen das Ansehen der Regierung und der Justiz geschädigt hat. Doch Waldeck-Rousseau blieb in diesen Dingen nur sich selbst und seinem Programm treu. Der Dreyfus-Handel sollte unter allen Umständen aus der Welt geschafft werden, das ^Vergangene sollte begraben sein, damit in einem Augenblicke, wo feste Grundlagen für das Staatsleben geschaffen werden sollten nicht wieder eine Störung durch tiefgreifende Erschütterungen erfolge. Gegen die Antisemiten in Paris so gut wie in Algier ist Waldeck-Rousseau stets mit voller Energie eingeschritten. Deshalb häuft auch die antisemitisch-nationalistische Presse in ihren Nekrologen die gemeinsten Beschimpfungen aus den Verstorbenen. Cassagnac in der „Autorite", Rochefort im „Jntransigeant" nennen ihn den Mann, der Frankreich.das meiste Unglück gebracht, rufen auf sein Andenken den ewigen Fluch herab und behaupten, er habe die Dreyfus-Affäre begünstigt und den Verurteilten begnadigen lassen, „nur um sich als Anwalt noch mehr jüdische Kundschaft zu gewinnen und noch mehr jüdisches Geld bei sich aufzuhäufen." Die Ehre des Verstorbenen und sein Nachruhm wird durch diesen Schmutz nicht berührt. ft Aus Rußland werden wieder liebliche Märchen in die Welt hinaustelegraphiert; das neueste lautet folgendermaßen: „Petersburg, 9. August. Eine unter Wittes Vorsitz stattgefundene Ministerratssitzung beschloß, dem Zaren eine weitgehende Reform der Judengesetzgebung, insbesondere die Abschaffung der Ansiedelungsbeschränkungen, sowie die Beseitigung der den Handel und Verkehr der Juden beschränkenden Ausnahmestellung zu unterbreiten." Wir haben die Botschaft schon so oft gehört, daß man wohl nicht erst zu erklären braucht: Wir glauben kein Wort von dieser Nachricht. Daß die Geburt eines Thronfolgers etwas an der Richtung der russischen Regierungsmaschine ändern wird, glauben wohl auch nur unverbesserliche Optimisten. Am Hofe und im Volke herrscht heller Jubel. Freilich, wer möchte sich nicht gern der Vorstellung hingeben, daß in diesen Tagen reinen Menschenglückes durch alle lichtranbenden Schrankendie man um Hof und Haus des Zaren errichtet hat, ein Strahl der Erleuchtung hindnrchdränge, daß aus dem tiefbewegten Gemüte eine neue .Erkenntnis von der Lage des russischen Volkes emporstiege, und daß aus dem Anblick des neuen Lebens, das dem Vater emporblüht, dem Herrscher eine Ahnung von allem Ringen der zum Licht emporstrebenden -russischen Jugend erstünde! Doch das sind optimistische Gedanken, deren man sich allerdings kaum erwehren kann. Möge nur die größere Zuversicht die Leitung des Zarenreiches geneigt machen, gegenüber all den in die Barbarei zurückdrängenden Elementen, auf eigene Kraft gestützt, einen neuen Weg zur Humanität und zum Fortschritt zu betreten. Tsuke und Milleulchstt. Soeben ist ein Mann dahingegangen, fern von den Zentren des akademischen Lebens; er hatte wohl auch Titel und Orden; aber die Gelehrtenwelt weiß nichts davon; für sie heißt er einfach Carl Weigert. Und wie seinem Namen, weil er durch sich selbst wirkte, die üblichen Titel -keinen Glanz verleihen konnten, so bedurfte auch seine Schöpferkraft nicht der Huld wohlwollender Regierungen und Fakultäten, um vorwütz-s zu dringen und nach außen zu wirken. Vielmehr hat er der freisinnigen Stadt, die ihm gastlich die Pforten öffnete, den wissenschaftlichen Glanz verliehen und dort einen Mittelpunkt geschaffen, der die besten und strebsamsten Jünger der Wissenschaft anzog. Mit Stolz kann Frankfurt von diesem Manne sagen: „Er war unser." Wir wissen wohl, daß Weigert in seinen jungen Jahren der höchste akademische Rang von einer angesehenen deutschen Fakultät angeboten worden ist. Wenn er den Ruf annähm, hatte er alles, worauf er, dessen Studien ganz auf der theoretischen Seite der Medizin, der pathologischen Anatomie lagen, notwendig angewiesen war, ein. glänzendes Institut, eine umfassende Lehrtätigkeit. Ohne dieselben schien er mit seinem großen Schaffenstriebe zur Unfruchtbarkeit verurteilt zu sein. Rein religiöse Interessen standen ihm wohl fern; jedenfalls konnten sie nicht in demselben Maße den Mittelpunkt seiner geistigen Persönlichkeit bilden wie der Drang zur Wissenschaft, für die er ja ein in Wahrheit Berufener war. Da hätte über das kleine Hindernis, das zwischen ihm und dem Ordinariate lag, ein wenig Dialektik leicht hinweggeholfen. Dankbar drückt die Mutter dem treuen Sohne die Hand. — Gleichzeitig spricht man in medizinischen Kreisen von einem anderen Manne, dessen „Karriere" ebenfalls jetzt zum Abschlüsse gekommen ist, aber in wesentlich anderen: Sinne, wie sie in anderer Weise begonnen hat. Man verallgemeinert schnell und spricht von „jüdischer Wissenschaft", von einer Schauspielkunst in der Wissenschaft, indem man den gehässigen Ausdruck Treitschkes ausgreift, der hier den Nagel auf den Kopf zu treffen scheint. Leichte Arbeit soll möglichst bald weit sichtbare Erfolge zeitigen; da wird alles hübsch herausgeputzt mit dem Stuck,' den die neueste Mode fordert, wie die schnell aufschießenden Häuser des Berliner Westens. Die dürftige Begabung wird kräftig aufgeblasen, so daß sie einen ansehnlichen Eindruck macht, weil ein Titularprofessor umgehend Extraordinarius werden möchte. Das alles ist „jüdisch". Aber der Mann ist ja kein Jude. Fürwahr, er ist nicht „unser". Er hat ja seine Karriere angefangen, wie er sie beschlossen hat, und mußte sie beschließen, wie er sie angefangen.

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