Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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398 ihre eigene Lage als auch über die traurige Lage ihres Vaterlandes. Im revolutionären Heere aber sind sie kaum noch eigentliche Juden. Im Gegensätze zu wohl-allen Geistlichkeiten dürsten die Rabbiner, seit die Juden unter den Völkern der Erde leben, schwerlich jemals die Gläubigen zur Ernpörnng aufgestachelt haben, in Rußland oder anderswo^ Daß die russischen Juden erleichtert, wie - von einem schweren Druck befreit aufatmeN, daß sie sich der Hoffnung hingeben, es werde, wenn auch nicht gleich alles'viel besser für sie in Rußland werde, doch nicht sobald ein gleicher Haman erstehen, darüber darf wahrlich niemand sich verwundern. Und wenn alle Welt es begreift, daß ein gebildeter finnischer Patriot zum Mörder des Generalgouverneurs, ein anderer zum Mörder des Ministers werden kann, wenn auch pflichtschuldigst nicht billigt, dann wird man auch begreifen, vollständig begreifen, wenn man es auch nicht gleich zu billigen braucht, daß Juden, die Plehwes Regiment zu Zehntausenden aus der Heimat, aus ihrem Familienkreis getrieben hat, etwas von der Freude verspürt haben, die ihre Vorfahren in den 127 Provinzen des Königs Ahasver empfunden hatten, als sie die Kunde erhielten, daß Haman gestürzt und aufgehängt worden sei. Es ist zwar bereits alttestamentliche Vorschrift, sich, nicht über den Sturz des Feindes zu freuen, aber die Mdnge wird es doch immer wieder tun. Vielleicht auch freut man sich nicht darüber, daß der Böse aufgehört hat zu existieren, sondern nur darüber, daß er nicht mehr böses wird tun können, freut man sich nur, weil man hofft, daß es besser werden wird, genau so, wie die Majorität der russischen Juden sich heute mit dem Zarenhause über die Geburt eines Thronerben aufrichtig freut. Im Interesse der Juden im russischen Reiche, der Juden in den von flüchtenden russischen Glaubensgenossen überlaufenen Ländern, nicht zuletzt aber auch im Interesse Rußlands selbst, seines Friedens und wirtschaftlichen Gedeihens wollen wir hoffen, daß in der Tat in Rußland nicht nur der, sondern auch das Böse aufgehört haben wird. ä Bit Mache. Berlin, 16. August. ^^2^chon vor längerer Zeit wurde uns eine Nummer der braven „Schlesischen Zeitung" von verschiedenen Seiten zugeschickt, in der folgende Korrespondenz aus Transvaal vom 7. Mai d. I. sich befand: „Am 3. d. M. wurde am Orte eine jüdische Synagoge eingeweiht. Zu dieser Feier kam der erste Rabbiner von Johannesburg Dr. Landau hierher, um den feierlichen Akt zu vollziehen. In seiner Rede hob . er u. a. die „Freiheit" hervor, welcher sich die Juden in englischen Ländern im Gegensatz zu andern Staaten erfreuten und erwähnte dabei, das; in Deutschland tausende Juden, Frauen, Kinder und Männer durch Deutsche hingemordet wurden, Synagogen niedergebrannt, ihre Häuser zerstört, ihr Hab und Gut genommen wurde. Er sagte diese Worte vor einer großen Anzahl eingeladener angesehener Engländer und Buren außer den ansässigen, meist russischen Juden. Ich habe nachgedacht, aber kann mich nicht besinnen, daß sich dies je in Deutschland ereignet hätte. Ich vermute, dieser Herr, der, nebenbei bemerkt, in Deutschland oder Oesterreich erzogen ist, und, wie mir einige Juden versicherten, einer der berühmtesten Rabbiner in der jüdischen Welt ist, meint wohl Rußland; um aber mehr zum Gefallen der Engländer zu sprechen, läßt er es in Deutschland geschehen sein. Ich bin sicher, von den Anwesenden sind 90 Prozent, die den Worten des Rabbiners Glauben schenken und sich so verkehrte Meinungen bilden. Nun frage ich: könnte der Geistliche nicht veranlaßt werden, daß er diese Worte . widerruft, sollten seine Aussagen nicht den Tatsachen entsprechen?" -Wir haben der Sache zurzeit keine Bedeutung. beigelegt, da jeder die antisemitische Tendenz des Blattes kennt und die des Berichtes sofort heraussühlt. Indes/wir haben' uns geirrte Die „Kölnische Zeitung" hat den Bericht ohne die geringste Bemerkung übernommen und weiterverbreitet. Infolgedessen sah sich das Frankfurter Bureau des '„Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" veranlaßt, einen authentischen Bericht einzuholen, in dem die in Betracht kommende Stelle folgendermaßen lautet: „ . . . This week liappens to be the anniversary of the cruel iiiassacres of the Jews wliich took place in Germany during the first Crusade, whefl tbousands of our people 'feil ander the blows of their murderers crving: „The Lord our God is one . . .“ ivhen women killed their tender babes and our brethren with - their own liands burned their synagogues over theirheads, to prevent their desecration by the furious mob . . .“ („In dieser Woche war der Jahrestag der blutigen Niedermetzelungen von Juden, welche sich in Deutschland während des ersten Kreuzzuges ereigneten, wo Tausende unseres Volkes unter den Streichen ihrer Mörder fielen, iydem sie ausriefen: „Der Herr unser Gott ist ein Einziger . . wo Weiber ihre zarten Kinder töteten, und wo unsere Stammesbrüder mit eigener Hand die Synagogen über ihren Köpfen anzüudeten, um ihre Entweihung durch den Pöbel zu verhindern.") Dr. Landau, der, um die Sache recht wirksam zu machen, zu einem „der berühmtesten Rabbiner in der jüdischen Welt" gemacht wird, was er selbst gewiß nicht zu sein beansprucht — (er hat erst kürzlich die Israelitisch-theologische Lehranstalt in Wien verlassen), sprach also nur vom ersten Kreuzzug. Und man müßte über die Unkenntnis oder Böswilligkeit des Berichterstatters staunen, wenn man sich in dieser Beziehung nicht das Staunen längst abgewöhnt hätte. Daß die „Schlesische Zeitung" ihren getreuen Berichterstatter noch zu übertrumpfen suchte, ist leicht begreiflich. Sie fügte der Zuschrift noch die folgende Bemerkung zu: „Es handelt sich um eine bewußte Unwahrheit, durch die der betreffende Rabbiner nach der Sitte seines Volkes den Engländern eine faustdicke Schmeichelei sagen wollte. Wie mag nur Dr. Landau über das neue englische Gesetz gegen die Einwanderung von Juden denken?" Daß aber die „Kölnische Zeitung" keinen Anstand nimmt, derlei antisemitisches Zeug einfach nachzudrucken, ist mehr als traurig. Einen Pastor in Transvaal hätte das nationalliberale Blatt der „bewußten Unwahrheit" wohl nicht ohne weiteres zu zeihen gewagt. * Zur Sammlung von Beiträgen für die Errichtung eines Denksteins für den, wie wir bereits gemeldet haben, jüngst verstorbenen Wilhelm Marr, den ersten literarischen Vorkämpfer des Antisemitismus in Deutschland, der sich jedoch in späteren Jahren durch seine Lebenserfahrungen zu. einem äußerst scharfen Kritiker des Antisemitismus entwickelt hat, wird jetzt in der antisemitischen Presse auf. Anregung des Reichstagsabgeordneten Raab aufgesordert. In einer hiesigen Zeitung, werden als am besten geeignet für diese Inschrift charakteristische Worte Marrs selbst empfohlen. In Nummer 31 haben wir bereits ein Urteil zitiert, das Marr über seine eigene Partei ausgesprochen hat. Herrn Raab werden nunmehr noch folgende Aussprüche Marrs zur Auswahl vorgeschlagen : „Ich bedauere den Teil unserer deutschen Jugend und unseres Mittel- und Kleinbürgerstandes, welcher durch die heutigen „Parteiführerschaften" aus dem semitischen „Regen" in die geschäftsantisemitische „Transe" zu geraten scheint."