Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-19 · Heft 34 (19.8.1904) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228616--61033-3274835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. ^RWWWWWTMWWW 68. Jahrgang. No. 34. Berlin, 19. Angnst 1904, Diese . Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. RedakJeisrr fiuflan Kavpefes. Begründet von Rabbiner 2>* Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerosalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8W., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Mthmsls Olehwe. - Berlin, 15. August, jfpg ist sonst nicht unseres Amtes, den Tod, selbst den Mord eines ausländischen Ministers wiederholt zum Gegenstand einer eingehenden Besprechung in unserem Blatte zu machen- Aberdie gegnerische Presse benutzt auch dieses Ereignis fortwährend zu den heftigsten Angriffen und Verleumdungen gegen die Juden. Außerdem hat der auf so schreckliche Weise ums Leben gekommene Minister v. Plehwe eine für die Juden Rußlands, d. h. für fast die Hälfte aller Juden direkt, und für sehr viele Juden außerhalb Rußlands indirekt so verhängnisvolle Rolle gespielt, daß sein Tod ein wichtiges Ereignis ist. Es fragt sich, ob schon jemals, seitdem der jüdische Staat aufgehört hat zu existieren, ein einzelner Mann so verderblich für die Judenheit gewesen ist wie Plehwe, dessen fürchterlicher Tod, wie von einwandsfreier Seite gemeldet wird, in Berlin, Paris, Newhork, London von ausgewanderten oder ausgewiesenen, geflüchteten russischen Nichtjuden mit lautem Jubel, mit Freudentränen begrüßt worden ist. Und vielleicht noch mehr gegen den Mann und seine Regierungsweisheit spricht das Schweigen jeden Mitgefühls mit dem Ermordeten seitens der ganzen gebildeten Welt. Am allerwenigsten Ursache dem Manne eine Träne nachzuweinen haben die Juden. Plehwe war, wie noch vor kurzem der Königsberger Prozeß erwiesen, der eigentliche Urheber der Kischinewer Judenmassakres. Er hat auch an zahlreichen anderen Volksstämmen, Klassen und Ständen in seinen: Vaterlande furchtbar gesündigt, am meisten aber wohl an den Juden — und das will viel sagen, denn auch vor ihm waren die Juden in Rußland wahrlich nicht auf Rosen gebettet. Finnen, Polen, Armenier, Ruthenen, Bauern, Studenten rc. rc. konnten auf irgend eine, wenn auch nicht gerade rühmliche Weise, nämlich durch blinde Unterwerfung, den Plehweschen Schergen und Henkern entgehen; den Juden aber war es absolut unmöglich; denn sie dienten ihm als die allzeit bequemen Prügelknaben für alle Sünden, die irgendwo von irgend welcher Partei im heiligen Rußland verübt worden sein mochten. Es kann uns wenig trösten, daß Plehwe von sich selbst behauptete, er sei kein Antisemit; dazu war er vielleicht wirklich zu klug, um solche Thorheiten mitzumachen. Den Juden aber konnte es herzlich gleichgültig sein, ob sie wegen Plehwes Antisemitismus oder auf Grund seiner sogenannten Staätsraison verfolgt, beraubt, gemordet, aus dem Lande getrieben wurden. Das Schlimmste war, daß, während die Plehwesche Politik nirgends wahrhafte, und jedenfalls keine erfreulichen Erfolge anfweisen konnte, er mit seiner Judenpolitik immer. jemandem eine Freude zu machen imstande war : bald simplen auf Raub erpichten Bauern, oder aus Liebe zur Sache Blut vergießendem, sengendem und brennendem, auch wohl Frauen schändendem, Kinder zerfleischendem Pöbel, bald schwachen Konkurrenten oder unehrlichen Schuldnern der Juden, bald schlechtweg antisemitischem Gesindel, bald auch hochgeborenen Herrschaften mit ungebändigten atavistischen Jn- -stinkten, Herren und Damen, von denen man sich eigentlich wundert, daß es ihnen in der gebildeten Gesellschaft, in welcher sie infolge ihrer Stellung zu verkehren gezwungen sind, nicht so schrecklich langweilig ist, daß sie lieber ausreißen und zu den Hereros oder Kaffern fliehen, um dort ganz nach ihrem Geschmack „judenrein" zu leben. Ein Staatsmann, der so viele Unzufriedene schuf, durfte allerdings ein Mütel picht gering schätzen, das ihm die Möglichkeit gab, sich auch einige Zufriedene zu schaffen. Daß er mit dieser seiner Staatskunst aber auch das von ihm bereits angestiftete Unheil ungeheuer vermehrte, sein und des russischen Reiches Schuldkonto zum Erdrücken belastete, und den inneren wie den äußeren Feinden Rußlands immer neue Kontingente zutrieb, das beachtete er leider nicht. ^Er hat den Juden vorgeworfen, daß sie in hervorragendem Maße sich an den revolutionären Bestrebungen beteiligten. Es ist sehr fraglich, ob er das wirklich selbst geglaubt, oder das nur behauptet hat, damit man glaube, er habe einen Grund, die Juden zu verfolgen, und das nicht bloß tue, um seine- .oder gewisse großfürstliche antisemitische Neigungen zu befriedigen, bezw. um den angesammelten Haß und die Unzufriedenheit des Volkes abzulenken. Wenn die Juden wirklich revolutionär wären, in Rußland wahrlich hätten sie allen Grund dazu gehabt. Ebenso wie nach Felix Dahn es begreiflich gewesen wäre, wenn die Juden im Westgothenstaat, den sie, fortwährend bedroht an Freiheit, Ehre, Gewissen, Leben, als lebenslängliche Strafgefangenschaft, ohne Verbrechen, betrachten mußten, „mit dem Auslande konspiriert Hütten, um durch eine bewaffnete Erhebung ihr Joch zu erleichtern", so wäre es auch begreiflich, wenn die etwa fünf Millionen russischer Juden zu revolutionären Mitteln gegriffen hätten, um ihr unerträgliches 'Joch abzuschütteln. Aber die. Juden in Rußland sind teils -bereits zu schlaff und müde, um überhaupt noch über genügende Energie zu irge.nd einer außerordentlichen Tat zu verfügen, 'teils sind sie noch zu religiös, um nicht nach jüdischen: Gebot '"für die Rühe des Landes zu beten, in welchem sie leben, um micht geduldig das zu tragen, was nach ihrer Meinung Gott über sie verhängt hat. Wohl werden auch Juden dem großen revolutionären Heere in Rußland sich angeschlossen haben. Sie haben es getan aus Verzweiflung sowohl über

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.