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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-12 · Heft 33 (12.8.1904) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 33 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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C. Frankfurt a. M., 5 August. Heuteist hier, der Geheime Medizinalrat Professor Karl Weigert, Direktor der Senckenbergschen pathologischen Universitätsanstalt, gestorben. Sein Hinscheiden bedeutet einen herben Verlust für die medizinische Wissenschaft. Weigert hat, wie nur wenige, npch die Entwicklung der allgemeinen Pathologie in unserer Zeit beeinflußt. Er war ungemein glücklich in der Erfindung von neuen Methoden zur tieferen Durchdringung biologischer Erscheinungen sowohl der normalen wie der pathologischen. Und die Weigertschen Methoden erwiesen sich als außerordentlich fruchtbar. Mit ihrer Hilfe sind ganz neue Aus- und Einblicke gewonnen worden. An erster Stelle ist des Anteils zu gedenken, den Weigert an der Entwicklung der Bakterienkunde hat. Er gehört zu den Pflegern dieses Zweiges in der Zeit, wo es an der strengen Methodik der bakteriologischen Forschung, wie sie Robert Koch geschaffen hat, noch fehlte. Weigert ist aber einer derjenigen, der die Kochsche Methodik vorbereiten half. Von hervorragender Bedeutung waren für ihre Zeit die Weigertschen Studien über die Anatomie der Pocken. Daran schlossen sich grundlegende Arbeiten über die Beziehungen zwischen den Anilinfarbstoffen und den tierischen Geweben. In diesen ist ein guter Teil der Lebensarbeit Weigerts enthalten. Anzuschließen sind hier seine Verfahren zur Kenntlichmachung der elastischen Fasern, sein Verfahren der Fibrinfärbung u. a. m. Die größten Triumpfe aber errang Weigert durch seine Technik der Neuroglia-Färbung. Sie gab das Werkzeug zu einer Durchforschung des Gehirnes von ganz neuen Gesichtspunkten aus ab. Zugleich gab sie den Anstoß zu weitausschauenden Studien über den Bau des Gehirns und der krankhaften Veränderungen in ihm. Ein Teil den neueren Fortschritte auf diesem Felde geht auf Erkenntnisse, Anregungen und Methoden Weigerts zurück. Einzelne der hervorragendsten Gehirnanatomen der Gegenwart sind Schüler Weigerts. Ganz besonders zu erinnern bleibt an Weigerts Beiträge zur Lehre von der Tuberkulose. Am wichtigsten ist seine Entdeckung der Tuberkulose der Venen, die das Verständnis für viele Fälle der Verallgemeinerung der Tuberkulose von einem örtlichen Herd aus in der Form der allgemeinen akuten Miliartuberkulose eröffnete. Weigert stand erst im 60. Lebensjahre, und wer den kräftigen, etwas martialisch ausschauenden Gelehrten von Person kannte, durfte ihm noch eine lange Lebensdauer Voraussagen. In der wissenschaftlichen Arbeit ganz aufgehend, kannte er kaum eine andere Freude, als die Erweiterung des Wissens vom Leben. Reich an eigenem Besitz, gab er willig und viel andern davon. Er hinterläßt eine stattliche Reihe von Schülern, darunter viele mit Namen von gutem Klang in der Wissenschaft. Unter ihnen steht obenan Weigerts Neffe, Paul Ehrlich, einer der Begründer der experimentellen Therapie. Karl Weigert, * 1845 zu Münsterberg in Schlesien geboren, machte seine medizinischen Studien in Breslau, Berlin und Wien. Nach ihrer Beendigung wurde er Assistent Waldehers, der damals die Breslauer pathologische Anstalt leitete- Zeitweilig war er unter Lebert in Breslau in der medizinischen Klinik tätjg. Am wichtigsten aber wurde für ihn seine Beziehung zu Julius Cohnheim. Er war zuerst in Breslau, dann in Leipzig Cohnheims Mitarbeiter. Lediglich seiner jüdischen Abstammung wegen wurde ihm (er hatte 1879 in Leipzig eine außerordentliche Professur erhalten) 1884 nach' Cohnheims Tode versagt, dessen Nachfolger in Leipzig zu werden. Durch die Berufung an das Semkenbergsche Institut in Frankfurt erschloß sich ihm ein neuer Wirkungskreis, der nach der Begründung des Instituts für experimentelle Therapie 1899 noch erweitert wurde. Sein Andenken wird in der Wissenschaft in hohen Ehren fortleben. —t. München, 31. Juli. In der Gemeinde Fürth wurde schon vor mehr als 40 Jahren eine ziemlich große Bleistiftfabrik unter, der Firma Berolzheimer <L Jllfelder betrieben, die, wie die meisten Fürther Industrien, sich hauptsächlich auf den Absatz nach Amerika verlegte, bis der Mitinhaber dieser Firma in Amerika eine gleiche Fabrik errichtete, welche die dort wohlbekannten Eaglestiste herstellt. Heinrich Berolzh eimer, dessen Söhne die amerikanische Fabrik jetzt betreiben, lebt in Nürnberg und beteiligt sich dort heute noch an allen gemeinnützigen Werken; dieser Tage wurde man nun dadurch überrascht, daß dieser Kommerzienrat Heinrich Berolzheimer der Stadtgemeinde Fürth, seiner Heimatgemeinde, zusammen mit seinen in Amerika lebenden Söhnen den Betrag von 160 000 Mark zum Zwecke der Errichtung einer Fürther gemeinnützigen Anstalt schenkte. Daher erklärt sich wohl, daß der. Prinzregeyt dem Wohltäter den Verdienstorden vom heiligen Michael III. Klasse, nicht etwa gelegentlich eines eingetretenen sogenannten Ordensregens, sondern.aus besonderem Anlasse verliehen hat. Meines Wissens ist die gleiche Ordensauszeichnung in Bayern überhaupt yoch nie einem Juden. zuteil, geworden. Kommerzienrat. Heinrich Berolzheimer entstammt derselben Fürther-Judenfamiliewelcher der erste im Jahre 1862 in Bayern zum Richteramte berufene Jude Salomon Berolzheimer, damals Ergänzungsrichter am Königlichen- Handelsgerichte Fürth, angehörte. Drei in Bayern lebende Juden tragen übrigens eine noch höhere Ordensauszeichnung, nämlich der frühere Notar‘ Justizrat Dr. von Hausmann in München, welcher bei seinem Rücktritte vom Amte, wie man sagt, weil dieser, hervorragende Jurist der persönliche Berater des Prinzregenten in seinen Rechtsangelegenheiten gewesen sei, das Ritterkreuz des Zivilverdienstordens der bayerischen Krone erhielt; die gleiche Auszeichnung erhielt der Regierungsdirektor von Henle, ebenfalls aus Anlaß seines Rücktrittes vom Amte, und der Kommerzienrat von Gerngroß in Nürnberg anläßlich der Errichtung eines von ihm auf dem Marktplatz in Nürnberg gestifteten Kunstbrunnens. — Am 29. Juli v. M. verstarb hier der königliche Generalarzt II. Klasse a. D. Dr. Moritz Neuhöf er im 83. Lebensjahre. Er entstammt einer in sehr bescheidenen Verhältnissen einst lebenden Münchener Familie und war zuletzt bei der Kommandantur der Haupt- und Residenzstadt München tätig. Er war ein Mann von seltener Charakterstärke. In der Kammer der Abgeordneten wurde einst die Mißhandlung eines Soldaten namens Röckelein Gegenstand einer eingehenden Verhandlung, worauf gegen den Peiniger des Röckelein vor dem damaligen Militärbezirksgerichte München verhandelt wurde. Röckelein war in der Weise mißhandelt worden, daß, weil er die Knie nicht gehörig durchdrückte, er auf einen Stuhl gesetzt wurde, während die Unterschenkel auf einen anderen Stuhl gesetzt wurden, so daß die Knie der Unterlage entbehrten. Auf die Knie bekam Röckelein ein Putzbrett gelegt und darauf setzte sich sein Peiniger. Zum allgemeinen Erstaunen erklärte der Generalarzt Neuhöser. als Sachverständiger vor Gericht, daß das eingetretene Siechtum des Röckelein von dieser ordnungswidrigen Behandlung nicht stammen könne, weil zahlreiche Versuche an sich und anderen ergeben hatten, daß eine derartige, wenn auch mit böser Absicht vorgenommene ordnungswidrige Behandlung ebenso schmerzlos als gefahrlos sei. Wenige Tage nach der Verhandlung hat der nahezu 70jährige Dr. Neuhöser den Schreiber dieser Zeilen in seiner Wohnung sich selbst in dieser Art auf die Knie gesetzt und ohne Schaden für Neuhöser denselben nach einer Minute mit einem Ruck heruntergeworfen. Vor Neuhöser hatte kein Mensch daran gedacht, das nach allgemeiner Annahme die schwerste Mißhandlung darstellende Experiment zu machen. Neuhöser hat, obwohl er der höchste jemals in Deutschland vorhandene Sanitätsoffizier jüdischer Religion gewesen sein dürfte, am öffentlichen Gottesdienste der Gemeinde lebhaften Anteil stets genommen und wird von allen, die den wackeren Mann kannten, tief betrauert. Die „Münchner Neuesten Nachrichten" bringen anläßlich seiner Beerdigung den folgenden interessanten Bericht: Eine als Arzt und Mensch in weiten Kreisen hochgeachtete Persönlichkeit wurde Sonntag Vormittag auf b&m israelitischen Friedhofe zur letzten Ruhe beigesetzt: Herr Generalarzt II. Klasse a. D. Moritz Neuhöser. Ueberaus groß war die Zahl der Leidtragenden, die sich dort eingefunden hatten, um dem Entschlafenen die letzte Ehre zu erweisen, darunter Staatsrat v. Pfistermeister, der Generalstabsarzt der Armee Dr. v. Besselmeyer, die Generaloberärzte Dr. Zimmermann und Dr. Hummel, Korpsarzt, Generalarzt Dr. Heimpel mit einer Anzahl von Militärärzten, Mitglieder des Aerztlichen Bezirksvereins und des Münchner Aerztevereins, der Vereinigung ehemaliger Angehöriger des 1. Jägerbataillons, deren Ehrenmitglied der Verstorbene war rc. Rabbiner Dr. Werner betonte in seiner Ansprache, daß der Verstorbene in seinem ärztlichen Berufe namentlich den Armen viel Gutes erwies. Er war ein Freund und Vater der Kranken. Bescheiden, schlicht und einfach in seinem ganzen Wesen, geizte er nicht nach weltlichen Ehren. Dreimal folgte er, hem Rufe des Vaterlandes, um, ein Meister, in seinem ärztlichen Berufe, auf dem Felde der Ehre zu wirken und den verwundeten Söhnen des Vaterlandes seine Dienste zu weihen. Für alles Schöne begeistert, war er ein Freund der Kunst und Dichtung. Namens des

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