Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-12 · Heft 33 (12.8.1904) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 33 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228615--61031-3274832
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Aerztlichen Bezirksvereins und des Münchner Äerztevereins, dessen. Ehrenmitglied der Verstorbene war, legte Dr. Sternseid zwei prächtige Kränze nieder unter ehrenden Worten. Auch das Sanitätsoffizierkorps des I. Armeekorps und viele andere hatten Kränzegespendet. Dr. Neuhöfer war 1821 zu München als Sohn eines Juweliers geboren und studierte an der hiesigen Universität Medizin mit solchem Erfolge, daß ihm Staatsstipendien zur weiteren ärztlichen Ausbildung in Paris und Wien bewilligt wurden. 1848 trat er als Unterarzt II. Klasse beim ersten Jägerbataillon ein und machte 1849 den badischen Feldzug mit. Dann war er in verschiedenen Pfälzer Garnisonen tätig. 1866 wurde er zum Regimentsarzt II. Klasse befördert und dem Hauptfeldspital in Würzburg zugeteilt. Während des Krieges 1870/71 war er dirigierender Arzt des 9. Feldaüfnah'mespitals. Für seine Verdienste wurde ihm damals das goldene Sanitätsehrenzeichen und das Ritterkreuz II. Klasse des Militärverdienstordens mit Schwerter: verliehen, wie er auch schon im badischen Feldzuge die Tapferkeitsmedaille erhalten hatte/ Seit 1872 wirkte er als Oberstabsarzt beim 2. Infanterieregiment und wurde als solcher 1882 zur Stadtkommandantur versetzt. Nach 44jähriger Dienstzeit erfolgte 1889 seine Pensionierung unter Verleihung des Charakters als Generalarzt II. Klasse. Gefterretch-Unsarn. □ Wien/ 8 August. Wahre Orgien der Lüge feierte in diesen Tagen unsere antisemitische Presse. Da. der Name und die Konfession des Mörders von Plehwe nicht von allem Anfang an be-, kannt waren, wurde von ihr sofort die Lüge in die Welt geschleudert: Der Attentäter ist ein Jude! Und mit wahrer Wut wurde von bcr an der Versuch gemacht, die Ermordung Plehwes einzig und allein alseine — jüdische Angelegenheit darzüstellen. Unausgesetzt wurde' darauf hingewiesen, daß die Juden von Haß gegen Plehwe erfüllt', auch vor dem Morde nicht zurückschreckten; immer wieder platzte, wie eine gefährliche Bombe, die verleumderische Behauptung, daß nur/ die Juden in Rußland es seien, die zu Mord und Verbrechen ihre' Zuflucht nehmen, um sich von ihren Feinden zu befreien. Kurzum/ Die Ermordung Plehwes wurde in der hiesigen antisemitischen Presse wie ein freudiges Familienfest gefeiert, denn sie gab reichlichen Anlaß, mit dem ganzen Arsenal von Lüge, Verleumdung und Fälschung^ gegen die Juden auszurücken. Und diese infame Hetze ward ruhig' fortgesetzt, auch als es schon feststand, daß der Attentäter kein Jude sei. — In vollster geistiger und körperlicher Frische feierte am 3. d. M. der ordentl. österreichische Professor für Handels- und Wechselrecht an der Wiener Universität, Hofrat Dr. Karl S. Grünhut seinen 60. Geburtstag und am 1. November d. I. sein 30jähriges Professorenjubiläum' Der Jubilar, welcher zu den glänzendsten Lehrern unserer Universitär zählt, wurde am 3. August 1844 zu Bur-St. Georgen in Ungarn geboren. — Die in der Hofburg bei Ausbesserungsarbeiten ausgefundenen jüdischen Grabsteine interessieren die hiesigen Gelehrtenkreise in. ungewohntem Maße. Gestern wurde festgestellt, daß einer der Grabsteine die Jahreszahl 5121 jüdischer Zeitrechnung auf/, weist. ' Somit ist dieser eine Stein 543 Jahre alt, doch wird angenommen, daß die übrigen Grabsteine noch älter seien. — Rabbiner Dr. Karl Thieberger aus Komotau (Böhmen) ist als zweiter^ Rabbiner der israelitischen Gemeinde zu Kopenhagen gewählt-' worden. — In der Restauration W. N. Thomas in Karlsbad ist nachstehende Tafel angebracht: „Nur infolge behördlichen Zwanges werden Juden hier geduldet." Das ist auch nur bei uns in Oesterreich ,. Möglich! .;:;' Rußland. L. T. Odessa, im August. Die „Russischen Mitteilungen" bringen;i über den Tod eines deutschen Odessaer Journalisten folgende inter-- essante Notiz: Am 30. Juni tötete sich in Wien durch einen Revolverschuß der. bekannte Journalist Dr. Boris Minzes. Derselbe, wurde im Jahre 1866 in Odessa geboren, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, und studierte Hierauf an den Universitäten Heidelberg/ Bonn; Paris und Zürich? Unter der Leitung von Alfred Stern iH Zürich begann er sich mit der Geschichte der französischen Revolution zu beschäftigen. Die Frucht dieser Arbeiten war das bekannte, von den Spezialisten mit Sympathie aufgenommenes Buch über den Verlauf der Nationaleigentümer in Frankreich vor der' Rebolütion. Von Zürich aus bekam er im Jahre 1892 die Einladung, das Katheder der Geschichte an der Hochschule in Sofia (Bulgarien) anzünehmen, dann bekam er das Katheder in der Sofier Militärakademie, und etwas' später erhielt er den Posten eines Generalinspektors' des Handels und' der Industrie in einem der bulgarischen Ministerkabinette. Aus Sofias schrieb Minzes seine Briefe in der Wiener Wochenschrift „Die Zeit", welche , die allgemeine Aufmerksamkeit durch die genaue Informationen und den glänzenden Stil auf sich zogen.. Im Jahre 1902 verließ er Bulgarien und ging nach Wien, wo er als einer der Redakteure der damals entstandenen Tageszeitung „Die Zeit" eintrat. Sein tragischer Tod soll durch eine unheilbare Krankheit hervorgerufen worden'sein. Von Sah und Lern. — Dr. ing. Georg Schlesinger, der bisherige Chef des Konstruktionsbüreaus der Firma Ludwig Löwe & Komp., wurde zum etatsmäßigen ordentlichen Professor an der hiesigen Technischen Hochschule ernannt. — Der Rechtsanwalt Dr. Max Meschelsohn ist zum Jüstizrat ernannt worden. — Der Zahnarzt und stuä. meä. Adolf Kantorowicz aus Posen hat eine Preisaufgabe der hiesigen medizinischen Fakultät „ausgezeichnet" gelöst. Seine Arbeit wird als ein namhafter Fortschritt auf dem einschlägigen Gebiete bezeichnet. Bei der juristischen Preisfrage wurde der stud.jur. Kurt Fontheim aus Berlin durch eine lobende Erwähnung ausgezeichnet. — Nach dem „Vorwärts" wurden 54 russisch-jüdische Auswanderer in Königsberg von dem Dampfer, auf dem sie bereits zur Reise nach Dänemark sich eingeschifft hatten, durch die Polizei weggeführt und auf das russische Konsulat und dann nach Insterburg gebracht. Der Reeder erklärte, er wünsche nicht, über den Fall Auskunft zu geben. Es wird zugestanden, daß cs mit Ausnahme der Amerika-Linie den Reedereien verboten sei, russische Auswanderer zu befördern, bevor nicht eine Mitteilung an die Polizei erfolgt sei. Bestätigung bleibt abzuwarten! — Das gegen die Familien Berg, Roß und Masloff in Könitz in der Angelegenheit Winter eingeleitete Vorverfahren ist eingestellt worden. — Der Magistrat der Stadt München hat es abgelehnt, auf die Eingabe der Antisemiten, die Einwanderung ausländischer Juden zu erschweren, 'einzugehen, und das Kollegium der Gemeinde-Bevollmächtigten ist dann auch nicht auf die Sache eingegangen. Wie das „Deutsche Volksblatt" mitteilt, hat der Gemeinde-Bevollmächtigte Hermann nun im Kollegium einen Antrag im Sinne der Eingabe gestellt, dort wird er glatt abgelehnt werden. — Am 2. d. M. ist im 89. Jahre seines Lebens der ehemalige Rabbiner von Göppingen, Kirchenrat Max Herz daselbst gestorben. Ehre seinem Andenken! — Landgerichtsrat Levy ist zum Oberlandesgerichtsrat in Colmar (Elsaß) ernannt. — Der Magistrat von Groß-London hat soeben den Jahresbericht für das Jahr 1902 veröffentlicht. Im Berichtsjahre sind 33 060 Fremde iw London eingewandert, darunter 21 013 Russen und Polen und 1016 Rumänen. Diesen Einwanderern steht eine große Zahl von jüdischen' Auswanderern gegenüber, denn seit 1896 hat sichdie Zahl der Fremden in London blos um 58 300 vermehrt, was einer durchschnittlichen Einwanderung von- 8326 gleichkommt. Damit ist die Legende von den „vielen Zehntausenden" in England einwandernden „Russen und Polen" endgültig abgetan. Die Gesamtzunahme der Fremdenbevölkerung Londons belief -sich von 1881 bi5 1891 auf 34 801 von 1892 bis 1901 auf 40 321. — In Paris ist der Direktor der jüdischen Ecole de Travail, Adam Reblaub im 68. Lebensjahre gestorben. — Den Petersburger „Nowosti" berichtet man aus Lodz, daß in dem dortigen Stadtpark Juden mit Kaftan der Eintritt verboten ist. Lodz ist die viertgrößte Stadt Rußlands und gilt vermöge seiner - reichen Industrie als das russische Manchester. An den Parkeingängen sind Tafeln angebracht, auf denen zu lesen ist: „Der Eintritt ist nur anständig gekleideten Personen gestattet" und auf Grund dieser Bestimmung weisen die Parkwächter jeden Juden, der einen Kaftan trägt, zurück. — Der deutsche Konsul-in On tario, Samuel Nord heim er, der dies Amt seit 1887 verwaltet, hat den Roten Adlerorden III. Klasse erhalten. — Nach einem Reutertelegramm--aus Teheran fordert im dortigen Judenquartier die Cholera viele Opfer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.