Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 395 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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i Martens-ließ sich das nicht zweimal sagen, und hatten ihn schon die Worte seines Weibes einige Beruhigung verschafft, wurde er vollends, durch den Anblick des lieblichen Gesichtchens ganz freundlich gestimmt. Ein wohlwollendes Lächeln spielte um seine Lippen- und nach wenigen Minuten war die Kleine aus Ursulas Armen in die seinigen übertragen; und mit fast väterlicher Zärtlichkeit schwenkte er sie hin und her, um sie im Schlummer zu erhalten.' Eine Stunde später, da das neuerworbene Kind bereits ein Plätzchen neben Joseph einnahm, und die gutmütigen Eheleute an demBettchen standen, sich an dem Anblick der zwei kleinen, wirklich wunderholden Wesen weidend, sagte Märtens: „Höre, Ursula! wenn ich die Sache recht überlege, ist mir dieses zweite Kind viel lieber als das erste, da es gewissermaßen unser Eigentum zu verbleiben verspricht; während Joseph nur ein bezahlter Mietling ist, den man uns doch über kurz oder lang abverlangen wird." * Zu erwähnen haben wir noch, daß in der Decke, in welcher das Mädchen eingewickelt gefunden ward, ebenfalls ein Vorrat an Kinderwäsche sich befand, darunter die Hälfte eines in der Mitte auseinander geschnittenen roten Seidentuchs, was wahrscheinlich in der Absicht beigegeben war, um einst durch Präsentierung der anderen Hälfte als Erkennungszeichen zu dienen. Am anderen Tage wurde eine arme Bäuerin als ordentliche Amme bei den beiden Findlingen bestellt, und da bei dem Mädchen sich gar keine schriftliche Andeutung befand, wurde es nach dem Willen der Pflegeeltern mit den: Namen Klara kirchlich eingesegnet. Die Wartung und die Pflege, welche beiden Kindern von seiten der wackeren Eheleute zuteil ward, konnte eine wahrhaft zärtliche, eine fast elterliche genannt werden. (Fortsetzung folgt.) Der tzghn im Korbe. Humoreske von Anna Friedmann. ie Masken folgten Leo überall hin. Eine rief ihn an: „Wohin, göttlicher Faust?" „Nimm mich mit auf den Blocksberg, wo die Hexen des Nachts tanzen, oder sollen wir bis zum Sommer warten?" „Wo ist Dein Begleiter mit Hahnenfuß und Pferdeschwanz?" „Ist Dir die Esther nicht recht?" „Wo blieb Dem Gretchen?" Also klang es durcheinander, und die Masken umdrängten ihn immer dichter. Er war gefangen und suchte vergebens, sich zu befreien. „Lösegeld zahlen," hieß es. „Aber wie denn?" — „Hier — dem allerliebsten Florentiner Blumenmädchen einen Kuß geben!" „Aber die Maske!" rief er verzweifelt. „Heben!" johlte es durcheinander. Bacchus hatte seinen Zauber bereits in die durstigen Kehlen gegossen. Da trat aus einer Seitentüre Gretchen! ' Er' wütete. Immer dichter umspannte ihn der ausgelassene Knäuel. „So lange besinnt sich Faust? Ist denn ein Kuß ein Goldstück?" Schnell entschlossen trat er hochklopfenden Herzens auf das duftig gekleidete, etwas korpulente Blumenmädchen zu, lüftete schnell die Maske und seine Lippen drangen in ein> von Spitzen und Stacheln bedecktes Heiligtum — M ä-nn ermund! Einen Schrei der Entrüstung, ausstoßend, durchbrach er mit ungeahnter Muskelkraft den Kreis. Gretchen sah er nicht Mehr, beinahe hätte er aber den Teufel über den Haufen gerannt. „Wo hast Du mein Gretchen?" . : „Dein Gretchen?" „Nun ja!" „Noch ist sie nicht Dein. Aber ich kann Dir. dazu verhelfen. Komm mit mir, die Gelegenheit ist günstig." irr „Wer bist Du?" „Dein Freund." „Was willst Du von mir?" ■- „Ich will Dich erlösen!" „Wovon?" „Von Deiner Gefangenschaft in dem „Korbe", die Dir seit einiger Zeit schon unangenehm wird!" . Er schaute die Maske verblüfft an. Dunkle, kluge Augen blitzten ihm entgegen und die Stimme fand er eigentlich viel zu zart für einen Teufel. — Er folgte ihm. i. Bei dem bekannten Winkel machten sie Halt. Hinter den grünen Blättern saß in träumerischer Einsamkeit — Gretchen. Bevor Faust sich von seinem Erstaunen erholen konnte,'war der Geselle der Hölle verschwunden. Er trat rasch auf Gretchen zu und erzählte halb belustigt,, halb ärgerlich.seine Erlebnisse. Als er die letzte amüsante Szene, berichtete, erklang , neben ihm ein helles, taufrisches, perlendes Lachen, das ihm merkwürdig bekannt erschien. Und diese klugen, ihn neckisch anblitzenden Augen, die feine, weiße, schmale Hand — — wem gehörte dies alles nur an?! Ein Taumek ergriff ihn. Er überließ sich der Süßigkeit des Augenblicks. „Wer bist Du, holdes Gretchen, Zauberin/ verhüllte Schöne?" „Vielleicht bin ich alt und häßlich. Ehre das Maskengeheimnis, damit Dich nicht Strafe trifft, ärger und härter wie zuvor." Er seufzte. . „So spröde. Kleine?" Ihre Augen funkelten. „Allerdings etwas Neues für den „Hahn im Korbe!" Merkwürdig — auch sie kannte ihn. - „Du kennst mich?" „Ja." ■ . „Und Du?" „Ich bin das Mädchen aus der Fremde — Aschenbrödel! und wenn es zwölf Uhr schlägt, verschwinde ich." Ihm dämmerte eine ungewisse Ahnung auf.' Deborah? Magda?-Aber nein, nein!" — „Willst Du den armen Faust verlassen?" - ■ Sie nickte. r f „Ich halte Dich. Du schüttelst den Kopf? — So laß mir einen der niedlichen Pantoffeln hier, damit ich die Königin unter den Frauen, erkenne." '' Sie lachte. „Schmeichler!" — Der „Hahn im Korbe" unter einem Pantoffel?" Was sie nur immer mit diesem schrecklichen Spitznamen wollte. . „Ah bah! Es ist nicht immer angenehm, „Hahn im Korbe" zu sein. Ich wünschte, etwas so Liebes und Süßes wie Du, würde mich erheitern und zerstreuen." „Dann würdest Du verzichten „Hahn im Korbe"' zu sein?" - . „O wie gern", antwortete er schnell auf ihre gespannte Frage.