Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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auch,, daß die. MDkkÄtiddiei sonstigen Behältnisse?"zwär> geleert, aber keineswegs" gewaltsam erbrochen waren." Ursula: „Gott gebe, daß .. ... Horch!" - . : Martens: „Was war das?" , Ursula:-Ein Geräusch vor unserer Tür!" Martens sprang auf, eilte hiüäus in den Hof und Ursula folgte mit der brennenden Lampe iü der Hand. — „Was gibt es?" fragte sie, vorsichtig hinäüskeüchtend, bannt der Wind das Flämmchen nicht verlösche. - „Eine Bescherung Abt es," versetzte Märteys und kehrte zurück in das Zimmer,: belüden -mit einem 7Korbe, chen er im Hose gefunden hatte und nun nuf denTisch Pellte. Neugierig hob Ursula die rotsamtene Decke auf, die den Korb bedeckte. Ein schlummerndes holdes Knäblein war es, womit ihre Blicke nicht wenig überrascht wurden. Das Kind möchte zwei bis drei Wochen alt sein.. „Ein Kind!" war der erste Ausruf Ursulas. •. „Ein kleiner Engel!" verbesserte Märtens mit leuchtenden Augen, die sein inneres Entzücken verdolmetschten. „Mein Gott!" seufzte Ursula, „wie kommen wir' zu dem Kinde?". „Schau, da liegt ja noch etwas daneben!" Mit diesen Worten griff Märtens, nach einem Bündel, das neben dem Kinde im Korbe lag. „Gib acht! Du wirst das Würmchen aus dem Schlummer wecken!" flüsterte Ursula ihren Mann abwehrend, der ' aber bereits mit zarter Vorsicht das Bündel hervorgezogen hatte, und nun die Knoten löste. Nellen einem ziemlichen Vorrat feiner weißer Kinderwäsche, befanden sich in dem Bündel ein beschriebenes Blatt, und in einem Papiere eingewickelt sechs blanke Goldstücke. — Di'e wackern Eheleute sahen voll Erstaunen und Neugierde bald auf das süßschlummernde Kind, bald, auf das Blatt,- das aller Wahrscheinlichkeit nach irgend eine Aufklärung enthielt, die sie sich jedoch für den Augenblick nicht zu verschaffen vermochten, da sie des Lesens unkundig waren. „Mein Gott!" rief endlich Ursula ängstlich, „wir denken ja gar nicht daran, was zu tun ist, wenn das arme Kind aus dem Schlummer erwacht? wie wollen, wir es ernähren? Wie wollen wir es stillen, wenn es weint?" Märtens war aber alsbald mit gutem Rat bei der Hand. Nicht fern von ihm wohnte seine Schwester, die einen Säugling von zwei Monaten hatte, zu derselben lief er hin und wußte sie zu bereden, daß sie herbeikam und dem inzwischen erwachten Kinde die nährende Brust reichte. Im übrigen hoffte man mit einer künstlich bereiteten Kost aus gesüßter Milch und Weißbrot genügend nachzuhelfen. Märtens und Ursula schlossen fast die ganze Nacht kein Auge; so viel gab ihnen der unverhoffte Zuwachs in ihrem Hausstande zu denken, zu empfinden, zu projektieren und Meinungen auszutauschen; und bis am nächsten Morgen waren sie über ihren künftigen Erziehungsplan gänzlich im: reinen. v ,i Auch in der Verlegenheit wegen.-der Begierde, den Inhalt des beschriebenen Blattes zu erfahren, kam ihnen die gewünschte Abhilfe. Märtens hatte vor einigen Tagen bei Herrn Tanger, einem reichen jungen Bürger von Marburg, wegen Pachtung einer Meierei angefragt; nun kam Herr Tanger selbst zu Märtens, um darüber weitere^ Rücksprache zu nehmen. Die Pachtungsangelegenheit ward geordnet, und als Herr Tanger seine Verwunderung aussprach, die kinderlos Geglaubten in dem Besitze eines Kindes zu sehen, erzählten die Redseligen ihr Abenteuer von gestern abend mit allen Nebenumständen; und der freundliche junge' Herr erbot sich." ihnen das Schreiben zu lesen. Es lautete: >' ' „Ein betrübendes Geschick.verurteilt einen Vater, sein geliebtes Kind, auf unbestimmte Zeit einw fremden Pflege zu überlassen. In seiner Verlegenheit hat er sein Auge auf Euch, Märtens und - Euer Weib, geworfen, fc>V Ihr beide fromme biedere Leute seid und selber keine Kinder habet: : Beiliegende Goldstücke sind das Pflegegeld für das erste Jahr, und eine gleiche .Summe wird Euch in. jedem folgenden Jahre zugemittelt werden. Das Kirw ist auf den Namen Joseph getauft : und eine wortgetreue Abschrift - dieses Briefes wird mich als den Vater legitimieren, —* wenn ich wann immer — in die glückliche Lage komme, mein Kind zurückzuverlangen. " Die nunmehrige Bekanntschaft mit dem Inhalt der Schrift gab Märtens und seinem Weibe neuerdings reichen Stoff zu- Meinungen und Vermutungen, ohne jedoch ihre wohlwollenden Gefühle für den Pflegling im geringsten zu stören; und bis an den Abend desselben Tages hatte Märtens bereitstem Kinderbettchen zusammengezimmert, worin das Knäbleim sich so wohl befand wie ein junger Prinz in einem Bettchen aus Ebenholz. Der Nachtwächter zu Marburg hatte eben verkündet, daß die Rathausgtocke neun Schläge gegeben habe, und Märtens und Ursula schickten sich an, ihr Lager zu besteigenals plötzlich ein Kindergeschrei beide veranlaßte, sich nach dem Kleinen umzublicken. Wie überraschend mochte aber für sie die Bemerkung sein, daß die weinenden Ki.ndertöne nicht von Joseph, der ruhig schlief, sondern von der Küche hereindrangen. Erschrocken öffnete Märtens die Thür, welche in die Küche führt, und abermals war z% ein neugeborenes etwa zwei Tage altes Kind, das eingewickelt in eine große wollene Decke sich seinen Blicken darbot. Treu dem Erfahrungssatze, daß man in dieser Welt am besten fortkommt, wenn man recht viel Lärm von sich macht, bediente sich der kleine Deckenbewohner dieses Mittels aus allen Kräften und schrie in einem fort. „Will man bei uns ein Findelhaus errichten?" fragte Märtens ärgerlich. „Der Himmel fei uns gnädig!" versetzte Ursula, die Hände . zusammenschlagettd, „aber man kann ja denn doch das arme Geschöpf nicht sich zu Tode schreien lassen!" „Ich laufe hinaus," sagte Märtens, „die Person, die das Wesen da hergelegt hat, kann noch nicht so weit entfernt sein, ich erwische sie noch." Mit diesen Worten lies er wirklich hinaus auf die Straße; allein der Nachtwächter war die einzige Person, die er hier begegnete, derselbe versicherte, seit einer geraumen Zeit niemanden gesehen zu' haben. Nach ungefähr einer Viertelstunde vergeblichen Forschens kam Märtens unverrichteter Dinge zurück und fand den neuen Eindringling schlummernd in den schaukelnden Armen seiner Frau, die denselben inzwischen in einem Polster zurecht gelegt und mit einem Teile von dem Speisevorrat zufrieden gestellt hatte. „Es ist ein Mädchen!" flüsterte Ursula, wie es schien, schon so ziemlich gefaßt. Märtens aber fragte mit einer Geberde, die seine ganze innere Ratlosigkeit offenbarte: „Was ist nun zu tun, Ursula?" „Wir werden tun," war die entschlossene Antwort,- „was wir als ehrliche Menschenkinder tun . müssen. Wir würden doch kein hilfloses Tier hinauslegen und es verhungern lassen; um so viel weniger ein unschuldiges menschliches Wesen, das noch obendrein so hold und so lieblich■ ausschaut. Tritt doch näher, Märtens, und schau es einmal an!"