Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
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unverbrüchlich in . seiner Gesetzgebung^ wäre, daß an jedem einzelnen Teil die Seligkeit jedes einzelnen Israeliten gebunden sein sollte, so wäredie Gesetzgebung zum offenbaren Unheile ihrer Bekenner vorhanden, weil Gesetze darin Vorkommen, welche bloß gewisse Individuen betreffen, und welche an Zeit und Ort geknüpft sind. Nun lassen sich drei Grade der Anhänglichkeit an das Judentum denken: ' Zuerst ein Bekenntnis zu demselben, bei welchem der Bekenner neben seinen sittlichen Vorschriften zugleich alle einzelnen, von dem Gesetzgeber vorgeschriebenen Regeln und Gebote aufs pünktlichste erfüllt und in keinem Stücke von ihnen abweicht. Eine solche Anhänglichkeit ist aber nur in dem Oriente selbst, an dem Orte.der Gesetzgebung, möglich. . Zweitens eine Rechtgläubigkeit, wobei die Gebräuche der Religion fast mitderselben Gewissenhaftigkeit als ihre übrigen moralischen Vorschriften erfüllt werden, wo Glaube und Gebräuche dem Individuum für wesentlich notwendig galten. Drittens eine mehr geistige Anhänglichkeit, welche mehr auf die Sachen als auf die Form sieht, welche der Moral und den wesentlichen Wahrheiten der Religion aufs festeste anhängt, ohne sich sklavisch an einzelne Gebräuche zu binden, wiewohl sie dieselben auch nicht geringschätzt oder Perachtet. Welcher Art der jüdischen Religiosität ich den Vorzug gebe, wird aus dem dargelegten Glaubensbekenntnisse hinlänglich hervorgehen. Daß dieses mein fester-Glaube ist beteure ich ' Jacobson. > Mögen diese Zeilen Jacobsons Bild der Nachwelt näher führen. flus drr guten alten Lrit. Historische Erzählung von Edmund Gregory. mit Blut getränkt sind die Blätter unserer Geschichte im Mittelalter, dem . vielgepriesenen, wo wir sie , auch ausschlagen. Bald waren es die von Juden vergifteten Brunnen, bald eine Pestkrankheit oder, eine Viehseuche, und bald wieder ein vermißtes oder totgesundenes Christenkind, welche als Vorwände zu grausamsten Ausschreitungen dienen mußten; und Völker, die heute wegen ihrer Gemütlichkeit und Harmlosigkeit mit Recht gepriesen werden, erscheinen uns in jener Zeit als Vandalen. So gestand einst eine Meßnerin aus Enns den begangenen Diebstahl geweihter Hostien, die sie einem reichen Juden verkauft haben wollte. Herzog Albrecht befahl hierauf, alle Juden am 24. Mai 1420 ins Gefängnis zu werfen. 'Viele der Unglücklichen entzogen sich den ihnen bevorstehenden Martern durch einen freiwilligen Tod, indem sie erst Weiber und Kinder, dann sich selber abschlachteten. Viele suchten und fanden Rettung durch den Abfall von dem väterlichen Glauben, und diejenigen, denen der Mut zu jenem und die Feigheit zu diesem Rettungsmittel fehlten, wurden ohne Erbarmen zum Scheiterhaufen verdammt, welches Urteil am 12. März 1421 auf einer Wiese bei Erdberg vollzogen wurde. Mit diesem öffentlichen Akte der Barbarei waren gewissermaßen alle noch vorhandenen Juden in den österreichischen Gauen als Verbrecher und somit vogelfrei erklärt. Wo sich noch Juden befanden, waren sie der Willkür des aufgestachelten Pöbels preisgegeben, eines Pöbels,: der stets, schlagfertig war, wenn. es galt, über die Juden herzufallen; sie auszuplündern und zu mißhandeln. Die Absicht dieser Erzählung ist jedoch keineswegs, jene vergilbten Blätter der Geschichte aufzufrischen, um eine der vielfach vorgefallenen Blutszenen zu schildern. Unsere Erzählung beginnt mit dem 21. März 1421, zur Zeit, da in dem schönen steirischen. Städtchen Marburg — als dem Orte der Handlung —. die Austreibung der Juden und alle-mit dieser. Handlung verbundenen grausamen Ausschreitungen eine bereits; geschehene Tatsache waren; und. nur in der Erinnerung und in nachträglich hier und da vernehmenden Einzelheiten fand . der Troß noch einige rohe Süßigkeiten. Es wäre ungerecht, deshalb anzunehmen, daß die; Barbarei gegen die Juden nicht auch trostreiche Ausnahmen .zuließ; daß gar keine edlere Seele vorhanden gewesen sei, welche für.das gehetzte Volk nicht wenigstens jenes mitleidige Gefühl im Busen barg, daß wir selbst dem gehetzten Jagdtier nicht versagen können. Gewiß kamen auch Beispiele vor, die von edlern. des Christentums und der Humanität würdigern Gesinnungen Zeugnis gaben! Es ist.nur zu bedauern, daß nicht alle dergleichen edlern Züge der Vergessenheit entzogen wurden. Zu den um jene Zeit in Marburg, lebenden besseren Menschenseelen konnte man sicher den Kleinhäusler Märtens und sein Eheweib Ursula zählen. Am Ende einer Vorstadtgasse stand isoliert, gleichsam als Schlußpunkt, ein niedriges Häuschen, wozu ein großer Wirtschaftsgarten gehörte, bewohnt von dem benannten würdigen Ehepaare, dem es eigentümlich zugehörte. Sowohl Märtens als Ursula mochten etwa vierzig Jahre zurückgelegt haben. Eine Oellampe beleuchtete sparsam den Tisch und das frugale Abendbrot auf demselben. Ursula saß, den Kops auf die Rechte gestützt, ihrem Manne gegenüber, ohne das Essen zu berühren. Märtens: „Du bist wieder niedergeschlagen, und verschmähest den trefflichen Käse und das Weißbrot. Hast Du mir denn nicht versprochen, nimmermehr daran zu denken?" Ursula: „Ich kann nicht halten, was ich Unmögliches voreilig versprach. Freilich will ich nicht daran denken; aber ohne es zu wollen, fällt mir bald dieses und bald wieder jenes ein, was mir das Herz weich macht." Märtens: „Was einmal unabänderlich geschehen ist, muß man sich aus dem Kopfe schlagen." Ursula : „Daß auch die brave Recha mit den Ihrigen zugrunde ging, und daß wir zu ihrer Rettung nichts getan, haben, kann ich mir nicht aus dem Kopfe schlagen." Märtens: „Was hätten wir tun können?" Ursula: „Als mein Vater Dir meine Hand verweigerte, weil Deine ererbte Wirtschaft an Phöbes, Rechas Gatten, verschuldet war, was tat der Jude? Phöbes zerriß das Papier, auf dem Dein Vater sich verschrieben hatte, und machte Dich schuldenfrei, weil, wie er sagte, er unser Glück nicht stören wolle. Daß wir fast zwanzig Jahre in zufriedener Ehe zusammenlebten, haben wir dem wackern Phöbes zu verdanken; und dennoch Laten wir nichts, für seine unglückliche Witwe und seine Waisen." Märtens : „Die Sache kam so schnell, zu plötzlich, wenigstens für uns, die wir dem rohen gold- und blutdürstigen.Trosse stets fern blieben, daher von seinen Verabredungen nichts wußten. Hätte Recha mit den Ihrigen sich in meine Hütte geflüchtet, wahrlich, ich würde sie bis zu meinein letzten Blutstropfen verteidigt haben. Ihre Ausweisung hätte, ich zwar nicht verhindern können; ich hätte sie jedoch vor Mißhandlungen geschützt und sie bis über die Grenze begleitet. — Als ich. erfuhr, was Gräßliches in Marburg vorging, eilte, ich hin in . Rechas Wohnung, fand aber das Haus leer. Sie mag sich noch beizeiten geflüchtet haben; denn außerdem, daß in der Wohnung keine. Blutspuren sichtbar waren,: bemerkte ich