Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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392 Noch bedenklicher wird diese Sache, wenn die Aufgabe, über welche das Gutachten erteilt werden soll, fast allein das Dogma, das Positive der.Religion, aber keine solche religiöse Wahrheiten betrifft, worüber sich allenfalls die Meinungen aller gebildeten und vernünftigen Denker vereinigen könnten.» Es kommen hier aber noch andere Schwierigkeiten in Betrachtung:; die Verhältnisse, in welchen ich zu dem jüdischen Konsistorio stehe. Einst selbst Präsident eines achtbaren Kollegiums, werden Ew. Exzellenz besser als ich zu beurteilen wissen, wie schwierig es oft ist, das Organ eines Ausschusses von Räten zu sein, oder diesem Kollegium gar den Weg zu zeigen, den man ihm gern vorzeichnen möchte. Entweder der St aat oder das Konsistorium, zu dessen Präsidenten mich die Gnade des Königs erwählt hat, wird sich durch mein Gutachten körn?., pronnttiert glauben; denn die Interessen beider treffen hier schwerlich harmonisch zusammen. Weit entfernt daher von der Anmaßung, über eine Angelegenheit entscheiden zu wollen, bei welcher, insofern sie Religi vnsangelegenheit ist, der Verstand mehr einen müßigen Zuschauer als offenen Richter machen muß, und insofern sie eine Staatsangelegenheit ist, - dem tieferen Urteile eines Staatsministers vorzugreifen, mir nichts gestattet sein darf — will ich lieber einen Mittelweg versuchen, indem ich Ew. Exzellenz in der. Beilage die Hauptpunkte meines Glaubensbekenntnisses vorlege, und es dann Ihrer höhern Einsicht anheim stelle, was Sie als Resultat über die vorgelegten Punkte aus jenem Bekenntnisse ausziehen und zur Norm für Ihre Maßregeln in dieser Sache auswählen wollen. Doch werden mir Ew. Exzellenz verzeihen, wenn Sie in dem beiliegenden Aufsatze, als der Frucht einiger Stunden, dessen wesentlichen Inhalt ich schon bei der ersten Zusammenkunft der Israeliten in-Kassel und bei der Eröffnung der Sitzungen des Konsistoriums dargelegt . habe, nicht diejenige systematische Gründlichkeit finden; sollten, die Sie vielleicht von dem Produkte eines Gelehrten fordern mögen. Genehmigen Hochdieselben schließlich die Versicherung meiner unbegrenzten Hochachtung und Verehrung Ew. Exzellenz untertänigster Diener Jacobson. Glaubensbekenntnis. Das Judentum, dessen Basis das alte Testament ist, läßt sich, ,, wie jede andere Religion, in einer dreifachen Rücksicht:' als einen Inbegriff von gewissen wesentlichen Wahrheiten oder Ueberzeugungen, als einen Inbegriff von gewissen Gebräuchen, und zuletzt in seinem Verhältnisse gegen den Staat betrachten. Alle diese drei Rücksichten sind für den aufgeklärten Verehrer der Religion höchst wichtig und müssen genau unterschieden werden, wenn nicht das Wesentliche der Religion mit dem Unwesentlichen vermischt . werden soll. Was erstlich das Judentum als einen Inbegriff von gewissen wesentlichen Wahrheiten oder Ueberzeugungen - betrifft, so müssen diese Wahrheiten eben deswegen, weil sie wesentlich sind, auch unveränderlich, das heißt weder in Zeit noch Art gebunden sein, sondern unter allen noch so mannigfaltigen und abweichenden Verhältnissen fortdauern; und eben diese Unveränderlichkeit der Wahrheit ist es, worauf der Jude in einem vorzüglichen Sinne stolz zu sein Ursache hat. Dahin gehört besonders die Lehre von Gottes Dasein, vonseiner Einheit und allumfassenden Vollkommenheit. Hervorbringung und Gestaltung des ganzen Weltalls zu einem harmonischen Ganzen, oder Produktion nicht allein dessen, was wir beschauen und betasten können, sondern überhcurpt alles dessen, was ist — das ist eine Ueberzeugung, die sich aus jenem Begriffe der Gottheit, als eines t einigen, höchsten und allervollkommensten Wesens ergibt. Gott ist Weltschöpfer und Welterhalter zugleich. Deut. 10, 14. lieber die Art dieser Welterschaffung, über den Zustand des Universums vor seiner jetzigen Gestaltung zu spekulieren, ist nicht nur eine unnütze Grübelei, sondern dem Juden sogar verboten, weil sie gar zu leicht zum Zweifeln und von dem Zweifeln zum Jndifferentismus führt. Die Vorschriften des Judentums beschränken sich daher mit Recht mehr auf das, was Gott nicht ist.^um jeden unwürdigen Begriff, von ihm abzuhalten, als auf eine, positive Bestimmung des f göttlichen Wesens, von dem wir, als endliche Geschöpfe, nur wenig begreifen können. Daß Gott mit der Schöpfung des Menschen einen gewissen Zweck gehabt habe, ergibt sich von selbst, weil wir der höchsten Vernunft nie einen absichtslosen Akt.zuschreiben können, und wenn wir es auch nicht wagen dürfen, über diesen Zweck nach seinem ganzen Umfange abzuurteilen, so läßt sich doch aus dem Begriffe eines vollkommensten Wesens, dessen Eigenschaften auch Güte, Heiligkeit und Gerechtigkeit sind, mit Zuverlässigkeit schließen, daß dieser Zweck ein moralischer sein müsse. . Diese Wahrheiten machen das Wesentliche der jüdischen Gottesverehrupg aus. Wenn daher ein Israelit — nicht zu einem anderen Glauben (denn kein Glaube läßt sich erzwingen), sondern zu gewissen Handlungen gezwungen werden sollte, welche das Gegenteil von diesem Glauben ankündigen, so ist er verpflichtet, eher sein Leben auszuopfern, als sich zu solchen Handlungen.hinzugeben, und er darf sich selbst von keinem Propheten, der seine Lehren durch Wunder bekräftigen könnte, einen fremden Glauben aüfdringen lassen. Das hohe Strafgebot, was Gott selbst auf jede Art von Abgötterei legte, ist ein hinlänglicher, aus der Schrift selbst entlehnter Beweis für diese Behauptung. Auch die Geschichtserzählung von der Schöpfung, von der Offenbarung der zehn Gebote, die Charakteristik der Erzväter, der wunderbare Auszug der Israeliten aus Aegyptender uns den größten Beweis von Gottes Vorsehung gibt, können als Belege für jene dem Judentum wesentliche Wahrheiten angeführt werden. Man vergleiche über die Unveränderlichkeit derselben 3. Buch Mose 24, 16 bis 5. Buch Mose 4, 35; 6. 4; 5, 32. Was zweitens die Gebräuche des Judentums betrifft, so liegt es in der Natur der Sache, daß ein Inbegriff von Wahrheiten, welche größtenteils übersinnlicher Art sind, der Fassungskraft eines halb sinnlichen.Geschöpfs, wie der Mensch ist, nie recht angepaßt werden können, wofern*diese Wahrheiten nicht mit gewissen sinnlichen Gebräuchen verbunden werden, welche teils den Sinn jener Wahrheiten andeuten, teils den Menschen zur Annahme und Heilighaltung derselben erwecken und geneigt machen sollen. Je reiner und' erhabener die Religion daher ist, desto mehr hat man von der Zweckmäßigkeit ihrer Gebräuche zu hoffen. Jeder Israelit, der also seine Religion für eine Offenbarung Gottes selbst hält, wird auch die mit derselben verknüpften Gebräuche als göttlich ansehen. Sollten aber in der heiligen Schrift selbst Ausnahmen gemacht, sollten manche dieser Gebräuche' nur auf gewisse Zeiten oder Länder beschränkt sein, sollten sie unter gewissen Verhältnissen der Gesundheit schädlich zu werden anfangen, so kann die wahre Rechtgläubigkeit der Israeliten allerdings mit einigen Abänderungen derselben bestehen. Selbst Moses sagt an mehreren Stellen (als 3. Büch Mose 25, 2), daß sein Volk die heiligen Gebräuche beobachten solle, wenn es in das heilige Land käme; aber die Ueberzeugung von den wesentlichen Wahrheiten des Judentums knüpft er nicht an die Ankunft, in ihr verheißenes Land, sondern gebietet apodiktisch darüber. Wenn endlich die Gottheit ihr Wohlgefallen an Abraham (Genesis 18, 18, 19) hauptsächlich darauf bezieht, daß derselbe in dem Wege des Herrn wandle, daß er ihre Lehren und Gesetze beobachte, wenn sie die Vernichtung von Sodom und Gomorrha beschließt, weil diese Städte in eine gänzliche Sittenlosigkeit versunken waren, nicht, weil sie gewisse Gebräuche nicht beobachteten (denn damals waren noch keine Gebräuche gegeben), wenn sie endlich dem Abraham verspricht, diese Städte zu schonen, sobald sich nur zehn rechtschaffene Männer darin finden, so läßt sich mit Gewißheit behaupten, daß die Bewährung der Tugend und ein moralischer Lebenswandel den Weg des Herrn ausmachen, daß Gott mehr auf Sittlichkeit als auf die Beobachtung der Gebräuche sieht. Was endlich drittens das Verhältnis des Judentums zu seinem Staate betrifft, so ist demselben in dieser Hinsicht ein noch weit größerer Spielraum gelassen als in Absicht seiner Gebräuche. Denn in Hinsicht der Angelegenheiten des Rechts sagt eine Stelle des alten Testaments (5. Buch Mose 17, 8, 11) ausdrücklich, daß die Israeliten sich in streitigen Rechtfällen an ihre Vorsteher halten und die Aussprüche derselben als unverbrüchliche Gesetze ansehen sollten. Aus dieser Wahrheit ergibt sich als Resultat, daß sich durchaus keine geduldete Religionssekte anmaßen' darf,. einen eigenen Staat in einem I andern Staate bilden zu wolleir, und wenn das alte Testament so