Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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standen- Dort wurde das Werk von Dilettanten zur Aufführung gebracht. Ueber die erschütternde Wirkung auf die Zuschauer berichtet ein Schriftsteller folgendermaßen: „Die Wirkung des Schauspiels war ungeheuer. Auf der Bühne brach eben die Räuberbande in den Laden Frenkels ein, da stand in der Mtte der Zuhörermenge ein junger Mann auf und stürzte ohnmächtig zu Boden; auf der anderen Seite führte man im selben Augenblick eine zusammenbrechende Studentin hinaus, und dann stürmte noch ein junges Mädchen mit gellenden Krampfrufen durch den Saal. Eine Minute lang herrschte ein fieberhafte Aufregung im ganzen Raum, dann fiel der Vorhang und die Erregung löste sich in einen donnernden Beifall aus." Hinter diesen erschütternden Vorgängen und allen diesen Menschen aber tauchen als grauenhafte, quälende Schatten die entsetzlichen russischen Zustände auf, die wie ein Alp auf der modernen Kulturwelt lasten. Der soeben abgelaufene Königsberger Prozeß und der Mord des Ministers - Plehwe sind weithin leuchtende Flammenzeichen aus dem revolutionär unterwühlten russischen Reiche. Auch wir Deutsche haben ein Drama „Die Juden". Im Jahre 1749 schrieb unser großer Lessing ein Werk, „Die Juden", das wie das modern-russische Drama gleichfalls ein Tendenzdrama ist. Aus den gewaltigen Unterschied beider Werke in ästhetischtechnischer Beziehung will ich hier nicht näher eingehen, sondern nur andeutend erwähnen, daß das russische Drama in dieser Hinsicht, in bezug auf straffe Konzentration der Handlung, der Charakterzeichnung, dem unreifen Jugenddrarna Lessings weit überlegen ist. Das letztere trägt die an und für sich löbliche Tendenz zu faustdick und lehrhaft auf, während dieselbe bei dem Russen sich von selbst aus den Charakteren und Handlungen ergibt. Lessings Drama ist eine Verteidigungsschrift, ein reiner Ausfluß der damaligen, in den gebildeten deutschen Kreisen herrschenden Toleranzbewegung. Sie fordert die völlige .Gleichberechtigung der Juden und zeigt an einem selten edlen und bescheidenen Juden sowie an einigen selten abgefeimten christlichen Schurken, daß es hier wie dort in rein menschlicher Mischung gute und böse Menschen gibt, daß jede Verallgemeinerung in konfessioneller und gesellschaftlicher Beziehung bei Verfehlungen Einzelner unrichtig und böse sei. Es mußte noch der gewaltige Weckruf der französischen Revolution, die idealistisch-revolutionäre Epoche des Jahres 1848 kommen, ehe für deutschen Juden die Forderungen Lessings gesetzliche, wenn auch noch leider Gottes lange nicht gesellschaftliche Gültigkeit erhielten. Tschirikows Drama ist eine flammende Anklageschrift. Er läßt die grauenhafte Wirklichkeit der russischen Zustände für sich sprechen, ohne jede hindeutende Tendenz. Die rechtlose, unsichere Lebenshaltung der russischen Juden, denen man die einfachsten Menschenrechte versagt, der ungeheure Abstand der russischen von -der allgemeinen Kultur treten in erschreckend wahrer Gestalt vor uns hin. Beide Dramen sind höchst interessante völkerpsychologische Dokumente für die Behandlung der Judenfrage. Wenn wir Deutsche dabei dennoch viel besser abfchneiden als die Russen, so sorgt die Weltgeschichte dafür, daß auch für uns die Bäume nicht in den Himmel wachsen und beschert uns ■ nach einem Lessing und Goethe — Könitz und die groteske, traurige Gestalt eines Grafen Pückler und diejenigen seiner Genossen auf dem antisemitischen Kriegstheater. Lur Charakteristik IsraelIaroblons. Mitgeteilt von Seminarlehrer L. Horwitz in Kassel. in den Akten des ehemaligen Königlich westfälischen Konsistoriums der Israeliten zu Kassel^) finden sich wiederholt Briefe des Präsidenten Jacobson an den Minister des Innern v. Wolffradt vor. Es muß betont werden, daß Jacobson der genannten Behörde seine Ideen betreff der Neugestaltung der Gemeindeverhältniffe zur Ausführung vorschrieb und er auch bei den beteiligten Ministerien und beim König Jerome immer Unterstützung gefunden hat. Aus der Fülle des Materials ist 'nur ein Fall zu ersehen, in dem das Ministerium abweichender Meinung war, und die durch dieses Ereignis geführte Korrespondenz zeigt uns das Bild des vielfach verkannten Mannes uv einem helleren Lichte. Am 17. April 1810 schreibt das Konsistorium dem Ministerium des Innern: Gnädiger Herr! Vom Rabbiner Friedheim zu Bielefeld ist uns die Anzeige geschehen, daß die zu Herford befindlichen Züchtlinge jüdischer Religion am Sabbat und den übrigen israelitischen Festtagen ihre sonst gewöhnlichen Arbeiten verrichten müssen. Ohne Zweifel ist dieses auch in manchen der übrigen Besserungsanstalten im Königreich Westfalen der Fall. Da jedoch selbst der zu einer Strafe Verurteilte keinem Gewissenszwang unterworfen werden kann und bekanntlich der Israelit an seinen Sabbats- und Feiertagen seinen Religionsgesetzen gemäß jeder Arbeit sich enthalten muß, so wagen wir an Ihre Exzellenz die untertänige Bitte, an sämtliche Besserungsanstalten im Königreich die Verfügung zu erlassen, daß keinem der darin befindlichen Israeliten an seinen Sabbat- und Feiertagen eine Arbeit zugemutet werde. Genehmigen Ihre Exzellenz usw. Wie schon erwähnt, schlug Minister v. Wolffradt die Bitte mit der Begründung ab, daß es sich mit den Einrichtungen der Anstalten nicht vertrage, den inhaftierten Israeliten wöchentlich zwei Ruhetage zu gewähren; mit gleichem Rechte könnten sie auch einen Unterschied in den Speisen verlangen, und da doch das Streben des Präsidenten Jacobson darauf hinziele, so viel als möglich Unterschiede unter Religionsverwandten zu entfernen, so schließt er: „Ich hege zu Ihrer aufgeklärten und vorurteilsfreien Denkungsart das Vertrauen, daß Sie dies alles mit Unparteilichkeit prüfen werden und ersuche Sie deshalb, mir ein besonderes Gutachten hierüber zugehen zu lassen. Empfangen Sie usw." Dieser Bescheid wurde Jacobson nach Braunschweig gesandt, woselbst er sich längere. Zeit aufhielt, da seine Kinder von den Masern befallen waren.. Erst Ende Mai 1810 schrieb er von Wölfingerode, seinem bei Goslar liegenden Gute, dem Minister: Hochgeborener Herr Graf! Hochzuverehrender Herr Minister! Ew. Exzellenz haben mir durch Ihre letzte schätzbare Zuschrift vom 24. d. M. sub Nr. 1701 ein Zutrauen bewiesen, das mir desto schmeichelhafter sein muß, je länger ich Hochdieselben hochzuachten mich gedrungen fühle und aus das ich desto mehr stolz zu sein Ursache habe, je schwieriger der Auftrag ist, mit welchem mich dieses Zutrauen beehrt. Schon für den professionierten Gelehrten muß die Ablegung eines Gutachtens in Sachen, bei welchen es nicht auf helleingesehene Wahrheiten, auf die politische Abwägung gewisser Vorteile, sondern mehr aus ein Meinen und Glauben, mit einem Worte, auf Sachen der Religion ankommt, unendliche Schwierigkeiten haben, wie viel mehr für einen Geschäftsmann? i) Geh. Staats-Archiv zu Berlin, Westfalen, Rep. 6, IV. B. Nr. 2.