Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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„Werden viel Spenden unter den Juden gesammelt?" „Wieder muß ich Ihnen sagen, daß man die Petersburger- Juden nicht mit denen in der Provinz vergleichen kann. Erstens sind die letzteren zahlreicher, zweitens reicher, schließlich verfügen sie über bedeutende Summen zu Wohltätigkeitszwecken ■ aus der sogenannten Körbchensteuer. Diese Abgabe, die von; Fleischessern erhoben wird (in der Höhe von 1 bis 2 Kopeken; pro Pfund) kommt nur in großen jüdischen Ansiedlungen vor, : in Petersburg z. B. nicht. In einigen Städten ergibt die! Körbchensteuer bedeutende Summen, z. B. in Odessa sammelt man jährlich bis zu 250000 Rubel. Solche Ziffern von Kriegs-! spenden kann ich Ihnen allerdings nicht nennen, aber auf, jeden Fall opfern die Juden für die Kriegsnöte nicht wenig."! „Spenden Sie zugunsten der Juden, die in den Krieg 1 ziehen, oder im allgemeinen für Kriegsbedürfnisse?" — „Die Juden ' bringen ihr Geld wie andere russische Bürger für allgemeine; Zwecke. Neben den direkten Spenden opfern die Juden nicht! wenig Geld an anderen Stellen. So opfern die Kaufleute in der kaufmännischen Gesellschaft, die Unternehmer in ihren Kreisen, wo sie Aufträge und Arbeit haben usw." „Und ist es wahr, daß nach Ihrem Religionsgesetz es den! Juden verboten ist, am Sabbat zu kämpfen, und daß in früheren! Zeiten deshalb mit den Juden Abmachungen bestanden?" — „Dem! ist durchaus nicht so. Das Gesetz untersagt durchaus nicht, am : Sonnabend zu kämpfen, wenn es nötig ist, aber es gebietet, nach Möglichkeit an diesem Tage den Streit zu vermeiden und; im übrigen jederzeit, wenn das Heer dem Feinde Stirn an, Stirn gegenübersteht, sich zu bemühen, die Sache friedlich zu; begleichen. Allerdings gab es in alter Zeit, reich an Kriegen, unter den Juden wirkliche Fanatiker, die sogenannten, Zeloten, die für nichts an einem uns heiligen Tage, dem Sonnabend, in den Kampf zogen. Wahrscheinlich, dank! ihnen hat sich eine solche Ansicht gebildet. Möglich, daß aus! dem bestimmten Wunsche, nicht zu kämpfen, unter den Soldaten ein Aufruhr entstand und eine Art Panik, die die Ursache: dieser Bestimmung war. Aber jetzt, Gott sei Dank, gehört der Fanatismus zu den überwundenen Dingen und der heutige i jüdische Soldat kennt solche Gedanken nicht. Zum Schluß muß ich Ihnen sagen, daß wir Juden alle heiß zu Gott beten, daß es dem tapferen russischen Heere den; Sieg schenke und daß dieser für uns alle russische Untertanen so schwere Krieg bald ende. Zu diesem Zwecke haben wir ein besonderes Gebet, das allwöchentlich beim Sabbatgottesdienst; in allen unseren Gotteshäusern gelesen wird." Dir Juden. Schauspiel in 4 Aufzügen von Eugen Tschirikow. Eine Besprechung und Betrachtung von vr. me6. Apfel,'Barmen. ie Entstehung dieses Dramas ist direkt durch die überaus traurigen Vorgänge in Kischinew beeinflußt worden. Vor vielen Monaten schon lief eine Notiz durch die Blätter, daß Gorki mit dem Entwürfe eines Dramas „Die Juden" beschäftigt sei, und man durfte mit großem Interesse dem Werke dieses genialen russischen Volkspoeten, der nächst Tolstoi die eingehendste Kenntnis der russischen Volksseele und ein aus tiefstem Verständnisse und Mitleid fließendes ethisches Empfinden in seiner Dichtung offenbart, entgegensehen. Dann kam leider die Nachricht, daß Gorki den Entwurf aufgegeben habe. Jetzt tritt ein Freund, und nach Kenntnis des Werkes dürfen wir wir sagen: ein Gleichftrebender und -gesinnter Gorkis, mit; einem Drama „Die Juden" an die Oeffentlichkeit ünd — das sei vorweggesägt — erfüllt in künstlerischem und ethischem Sinne die Hoffnungen, welche wir an das in Aussicht gestellte Werk Gorkis geknüpft hatten. — Die Handlung des Dramas spielt in einer Stadt des jüdischen Ansiedlungsrayons im nordwestlichen Rußland, in der Wohnung des jüdischen Uhrmachers Leiser Frenkel. Dieser, ein gesetzestreuer, ehrwürdiger Greis, hat drei erwachsene Kinder, von denen eine Tochter getauft und an einen Christen verheiratet ist und in gar keiner Beziehung mehr zum Vaterhause steht. Die beiden anderen Kinder, der Sohn Boruch — oder Boris, wie er sich jetzt nennt — und die Tochter Lija haben studiert, waren aber, weil sie in revolutionäre Umtriebe verwickelt sein sollten, relegiert worden. Sie sind der Weltanschauung und dem Gedankenkreise des Vaters; in dessen: Hause sie wieder leben, ganz entfremdet, und dieser Gegensatz schafft fortwährend Konflikte. Doch schlimmer wie dieses ist der Haß, der das Haus Frenkels umbrandet, ist die Unsicherheit, auf der seine und so manche andere jüdische Existenz aufgebaut ist. Während seine Kinder und deren Freunde sich in philosophischen und sozialistischen Problemen eifrig diskutierend ergehen, während den allgemeinen, volksbeglückenden Menschheitsideen des Boris und seines Studienfreundes Beresin, der Lija liebt und von ihr wieder geliebt wird, gegenüber der zionistische Schwärmer, der Lehrer Nachmann, den Zionismus als den einzig richtigen Weg zur Erlösung für die Juden preist, läßt der Dichter in geschickter Steigerung langsam die Vorboten der nahenden Katastrophe eingreifen. Die christliche Magd Frenkels kündigt, weil es bald losgehen solle; beunruhigende Zeitungsnotizen erscheinen, bis dann im letzten, im vierten Akte, während Leiser und sein Sohn sich heftig streiten und in der verschlossenen Wohnung herbeigeeilte Verwandte und die erkrankte Lija vor dem beginnenden Tumulte angstvoll erregt umherirren, die brutale, aufgehetzte Menge einbricht. Beresin will Lija retten, die ihn nicht folgen will, sondern sich durch den Revolver vor dem Schlimmsten schützt und sich erschießt. Die blindwütende Menge fällt über den Christen Beresin her, mißhandelt den alten Leiser und flieht in feiger Flucht, als der Ruf „die Kosaken kommen" ertönt. Der alte Leiser sitzt gebrochen in der zertrümmerten Wohnung, als-der kurz vorher von ihm ausgewiesene Sohn Boris hereinstürmt und nach Lija fragt. „Sie ist nicht mehr da, nichts ist mehr da! Der Wind kam von der Wüste her und fegte .... fegte alles weg." Erschütternd, wie die Wirklichkeit, welche dem Drama das Leben gab, ist die Handlung selbst, wenn auch durch die zahlreich eingeflochtenen Diskussionen und Gespräche häufig eine Verlangsamung und Stockung einzutreten scheint. Die Charaktere sind mit schlichter, eindringlicher Kraft gezeichnet. Der einfache, arbeitsame Gehilfe Leisers, Schloime, der in rührender Weise seinen stillen zionistischen Traum hegt, die nach dem Programm des strengsten Marxismus lebenden und handelnden Studenten, der glühend-schwärmerische Lehrer Nachmann, dessen Judentum und Erlösungsideal durch die unglückliche Liebe zu Lija noch vertieft wirdder jüdischsozialistische Arbeiter Aserson, dessen Judentum ganz vom Sozialismus absorbiert ist, der bedürfnislose umherirrende Zeitungsverkäufer Srul mit seiner einfachen, ironischen Lebensanschäuung, der opportunistische, kluge, selbstgefällige Arzt Dr. Fuhrmann mit seiner bequemen und satten Zufriedenheit, sie alle sind lebensvolle Menschen von Fleisch und Blut und zeugen von der dichterischen Kunst des Verfassers. Seine Feuerprobe aus der Bühne hat das Drama in Deutschland bei Gelegenheit einer vor kurzem stattgefundenen festlichen Veranstaltung der russischen Studenten in Berlin he-