Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228615--61020-3274821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Stütze der'Hausfrau angenonunen und sich darin voll bewahrt; andere sind im Haushalte der Eltern tätig. Mit Beginn des zweiten Jahres der Vereinstätigkeit wurde das Gebiet insofern erweitert, als in einer besonderen Abteilung schulpflichtigen Mädchen nach dem Vorbilde, der städtischen Volksschulen elementarer, hauswirtschaftlicher Unter- .richt erteilt wird. Dadurch soll schon in dieser Zeit Interesse für diesen so wichtigen Teil des weiblichen Berufslebens erweckt und gestärkt, werden. Zwölf Mädchen aus den beiden letzten Schuljahren der Industrieschule für israelitische Mädchen erhalten an einem Nachmittage in jährlichen Kursen hauswirtschastlichen Unterricht. Selbstverständlich wird bei der Zubereitung von Speisen rc. darauf gesehen, daß den religionsgesetzlichen Vorschriften Genüge geschieht. lieber ihre Leistungen bei diesem Unterrichtsgegenstande erhalten. die Mädchen ein Prädikat, welches in die regelmäßige Schulzensur eingeschrieben wird. In der oberen Abteilung ist der Kursus halbjährig. Am Ende jedes Semesters findet eine öffentliche Prüfung und feierliche Entlassung der Zöglinge unter Uebergabe der Zeug- . nisse statt. Der Verkehr zwischen Lehrerinnen und Schülerinnen ist ein. durchaus freundlicher. Es unterrichten zwei Damen: Frau Menken für den Koch-,. Plättunterricht rc. und Frl. Weißmann für Lesen und Stilübungen. Gemeinsame Spaziergänge im Sommer, interne Feste im Winter sorgen für ein gewisses Maß von Abwechslung. Nach dein Angeführten verdient es wohl, daß dies Institut in weiten Kreisen unserer Gemeinde und unserer Provinz tatkräftige Unterstützung fände. Unsere Heranwachsende weibliche Jugend muß immer mehr zur .Einsicht gebracht werden, daß es keinen schöneren, geeigneteren Beruf gibt, als in der Häuslichkeit zu wirken und zu schaffen und hier vorzugsweise Freuden Und Zerstreuung zu suchen und :31t finden. Und dies bezweckt die Breslauer Haushältungs- und Kochschule für israelitische Mädchen. Es wäre darum eine große Genugtuung für den Vorstand und Anerkennung seiner Bestrebungen, wenn durch eine gesteigerte Frequenz der Besucherinnenzahl seine Ziele allgemein gewürdigt würden. Anmeldungen nimmt Frau Rosalie Hirschel, Ohlauerstadtgraben 2 a, oder eines der Vorstandsmitglieder entgegen. Auswärtigen Mädchen kann, wenn sie im Mädchenheim nicht Aufnahme finden sollten, billiges Unterkommen mit Verpflegung nachgewiesen werden. Die Juden im ruMlch-jspsnilchen Kriege. Petersburg, Ende Juli, as folgende Interview des Korrespondenten der Petersburger Börsennachrichten mit dem Rabbiner der hiesigen Gemeinde, Herrn Dr. A. N. Drabkin wird Ihre Leser sicher in hohem Grade interessieren. „Kämpfen viele Juden im fernen Osten in den Reihen des russischen Heeres?" fragte ich Herrn Dr. Drabkin. „Genaue Angaben, versteht sich, kann ich Ihnen nicht machen, um so mehr, als jeden Tag auf dem Kriegstheater neue Truppen eintreffen, aber nach meiner Schätzung sind es nicht weniger als 15000." „Haben Sie nicht irgend welche Nachrichten über die kämpfenden jüdischen Soldaten und über solche, die sich im Gefecht hervorgetan haben?" „Nein, bis jetzt habe ich keine Mitteilung erhalten, die sich aus die im fernen Osten kämpfenden jüdischen Soldaten bezieht, aber ich habe dorthin schon einige Briefe an verschiedene Personen geschrieben, mit der Bitte, mir alles mitzuteilen, was irgendwie Bezug auf die . jüdischen Krieger hat,, welches ihre gegenwärtigen Bedürfnisse sind, wer von ihnen getötet oder verwundet wurde, wer sich besonders auszeichnete und Tapferkeit bewies, wie sie ihre religiösen Pflichten erfüllen rc." „An wen wandten Sie sich mit-diesen Fragen?" ,-Außer an einige in höheren Stellungen befindliche Personen wandte ich mich an den örtlichen, in Charbin wohnenden Rabbiner. Außerdem versprach mir mein Sohn Korrespondenzen zu schicken. Er zog freiwillig in den Krieg und befindet sich augenblicklich aus dem Dampfer Mongolia, wo er als Provisor die Hospitalapotheke verwaltet." „Aber auf welche Art können die geistlichen Bedürfnisse der Juden im Kriege, befriedigt werden, wenn sich dort im ganzen nur ein Rabbiner findet? Er ist doch nicht imstande allen an ihn herantretenden Ansprüchen der jüdischen Soldaten, die über ein so weites Territorium zerstreut sind, zu entsprechen." Das geschieht bei uns sehr einfach. Zur Vollziehung irgend welcher jüdischer religiöser Handlungen, oder kurz desGottesdienstes, braucht man nicht unbedingt die Anwesenheit eines Rabbiners. Jeder Jude, wenn er auch noch so wenig mit dem Talmud vertraut ist, kann leicht den Dienst ausfüllen — den Geistlichen ersetzen. Besonders geeignet zum Ersatz des Rabbiners sind die Juden aus dem Weichselgebiet, wo sich viele belesene und in unserer Art geschulte Männer finden." „Wie begräbt man die Juden, die im Felde getötet werden?" „Ganz anders, wie in gewöhnlichen, friedlichen Zeiten. Wenn ein Jude an Krankheit oder Altersschwäche stirbt, so begräbt man ihn nicht in Kleidern, sondern hüllt ihn in ein Stück Leinen. Den im Kriege gefallenen Juden begräbt man obligatorisch in dem Kostüm, das er im Moment des Todes trug. Nach unserem Gesetz soll der Mann mit dem Blute begraben werden, das seine Kleider durchtränkte. Das bezieht sich nicht auf die Juden, die in Friedenszeiten erstochen wurden oder ihr Leben durch Selbstmord endeten. Es versteht sich von selbst, daß, wenn irgend ein jüdischer Soldat stirbt, selbst im Kriege, aber dessen Blut nicht vergossen wurde, so wird er wie in gewöhnlicher Zeit begraben.. Uebrigens gelten bei uns in Kriegszeiten nicht so strenge Regeln und mit Rücksicht auf die Verhältnisse läßt man Ausnahmen. zu. Auf dem Marsche, bei zeitweise schweren, anstrengenden Vorgängen wäre es nicht möglich, ganze Ballen Leinen für die getöteten jüdischen Soldaten mitzuschleppen und begräbt sie daher, wie es gerade kommt." „Haben Sie Nachricht durüber erhalten, daß die Warschauer Juden Schritte zuständigen Orts eingeleitet haben, um einen Entscheid zu erwirken, daß auf das Kriegstheater Rabbiner und einige für ihre Ritualzwecke nötige Gegenstände geschickt werden? Haben Sie hierüber irgend welche Daten?" „Solche und ähnliche Fragen werden gewöhnlich von Juden angeregt, die sich an Orten mit sehr dichter jüdischer Bevölkerung befinden. In Warschau z. V. zählt man bis zu 250 000 Juden. Die hiesigen Petersburger Juden bilden nur einen geringen Prozentsatz dieser ungeheuren Zahl, so daß wir selbständig selten etwas unternehmen und meistens nur die Schritte unserer Brüder in der Provinz unterstützen und uns ihnen anschließen. Was nun das Aussenden von Rabbinern auf den Kriegsschauplatz betrifft, so ist es fast gänzlich' überflüssig, wie ich Ihnen schon oben erklärte. Was aber Gebrauchsgegenstände für den jüdischen Ritus betrifft, so kann ich Ihnen sagen, daß diese Frage schon in bejahendem Sinne entschieden ist. Wir aus Petersburg schickten verschiedenes in den Krieg schon zu Ostern, d. h. im Vorfrühling. Und jetzt trifft man Vorbereitungen, um nach dem fernen Osten eine neue Partie derartiger Artikel zu den im Herbst bevorstehenden großen jüdischen Feiertagen zu schicken (Neujahr, Laubhüttensest, Versöhnungsfest)."