Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3*8.8 wrückliche Vorschriften der „Maigesetze" illusorisch gemacht.' Eine dritte Senatsentscheidung ist dazu bestimmt, den im Innern Rußlands bereits wohnenden jüdischen Handwerkern das Leben zu erleichtern. Das Gesetz schreibt nämlich u. a. vor, daß jeder jüdische Handwerker bei einer Niederlassung außerhalb des Ansiedelungsrayons ein polizeiliches Führungsattest beizubringen habe. Um den jüdischen Handwerker zu chikanieren, fordern nun die Beamten, daß das Zeugnis von der Polizeibehörde des. Geburtsortes des Betreffenden ausgestellt sein muß, Der Senat erkannte nun dahin, daß das geforderte Dokument auch von der Polizei des letzten Wohnortes des Handwerkers ausgestellt werden kann, - wodurch dem jüdischen Handwerker, der in den inneren Gouvernements seinen Wohnsitz wechseln möchte, in zahlreichen Fällen die weite Reise nach und von dem Ansiedelungsrayon erspart wird. Es ist sehr bezeichnend, daß diese günstigen Senatsentscheidungen noch unter der 'Gewaltherrschaft des Herrn von Plehwe ergangen sind, der in seiner skrupellosen Willkür selbst dem unabhängigen Senat den Fuß auf den Nacken gesetzt und denselben, sehr oft gezwungen hat, in judenfeindlichem Sinne das Recht zu beugen. Es sei nur auf die jüngst ergangenen, die Juden Sibiriens betreffenden Urteile hingewiesen, in denen der Senat aus Furcht vor-dem allmächtigen Minister des Innern sich zu seiner bisherigen Praxis schnurstracks in Widerspruch gesetzt hat. In bezug auf die jüdischen Handwerker verharrte der Senat jedoch auf feinem judenfreundlichen Standpunkt, und deshalb ist die Frage doppelt berechtigt, weshalb die jüdischen Handwerker nach Amerika, statt nach den ihnen offenstehenden großen Städten Zentralrußlands auswandern. £ Es kommt nicht allzu häufig vor, daß die Vertreter einergroßen Nation, daß die sonst einander auf das heftigste bekämpfenden Parteien in einer politischen Frage einer Meinung sind. Dieser seltene Fall ist jetzt in den Vereinigten Staaten eingetreten, wie wir bereits in der vorigen Woche mitgeteilt haben. Sowohl die republikanische als auch . die demokratische Konvention haben anläßlich der Aufstellung der Präsidentschaftskandidaten eine Resolution angenommen, dahingehend, daß die Regierung darauf sehe, daß die Pässe aller amerikanischer Bürger gleichviel welcher Religion oder Rasse anerkannt werden. Eventuell sollen neue Verträge mit den Ländern abgeschlossen werden, in welchen ungeregelte Unterschiede gemacht werden. Diese Resolutionen sind speziell auf Rußland gemünzt. Nun wird allerdings schon seit wer weiß wie vielen Jahren von der amerikanischen Negierung vergeblich das hier Gewünschte zu erreichen gesucht. Alle Noten, alle mündlichen Vorstellungen, die namentlich Staatssekretär Hay dem russischen Botschafter Grafen Cassini gemacht hat, sind ohne Erfolg gewesen. Aber man hofft jetzt, daß gegenüber dem einhelligen Wunsche der Vertreter der ganzen amerikanischen Nation die russische Regierung doch andere Saiten aufziehen wird. Man betrachtet in den Vereinigten Staaten die Paßfrage keineswegs als eine nur die Juden angehende Frage, sondern als eine Sache der nationalen Würde. Der Annahme der Paßresolution in beiden Konventionen sind vorangegangen zahllose Volksversammlungen, in denen entsprechende Resolutionen gefaßt worden sind.. Wie man weiß, hat sich auch die deutsche Regierung vergeblich bemüht, durchzusetzen, daß die Pässe deutscher Bürger jüdischen Glaubens an der russischen Grenze respektiert werden. Man hofft nun in Amerika, daß jetzt alle Kulturstaaten an Rußland die gleiche Forderung stellen werden, und daß Rußland. die Erfüllung dieser Forderung nicht mehr ablehnen werde. Dir Lreslsurr Hsushsltungsunö Lvchlchule für ilrsMilrhr MSdchrn. ' ' Breslau, im August. » Inter der Zahl derverschiedenen Vereinigungen, welche im letzten Jahrzehnt in unserer Gemeinde ins Leben gerufen worden sind, um für unsere Glaubensgenossen nützlich zu wirken, verdient wohl auch,' baß wir den Verein rühmend hervorheben, welcher für unsere Heranwachsenden jungen Mädchen eine Haushaltungs- und Kochschule ins Leben gerufen hat. Es mag heute hier wohl am Plätze sein, der breiteren Oeffentlichkeit von dem stillen, aber segensreichen Wirken dieser Schule Kenntnis zu geben,, zumal, über dieselbe nach dreijährigem Bestehen ein Bericht Gönnern und Freunden erstattete worden ist. Der Verein hat sich die löbliche Aufgabe gestellt, jüdischen Mädchen diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten zu verschaffen, durch die sie befähigt werden sollen, die eigene oder fremde Häuslichkeit mit Verständnis zu/leiten.; - . . In unserer so materialistischen Zeit werden leider, wie der Bericht ausführt, auch viele jüdische Mädchen dem häuslichen Leben entfremdet,, werden selbst von den Eltern gedrängt, kaum, daß sie der Schule entwachsen sind, im Erwerbsleben mit tätig zu. sein,, um, den gesteigerten Ansprüchen fürs Leben «zu genügen.. Mit besonderer Vorliebe werden gerade die Berufe bevorzugt, welche bei geringen Vorkenntnissen leicht Einnahmen erreichen lassen. Es sind dies die Stellungen als Ladenmädchen oder Kontoristinnen. Leider werden dabei die häuslichen Pflichten, die früher der Vorzug unserer jüdischen weiblichen Jugend waren, vernachlässigt. Durch die anstrengende Berufstätigkeit nimmt sie leicht Schaden an Gesundheit und ist auch nicht selten sittlichen Gefahren ausgesetzt.. War früher das Verlangen, die Freuden des Lebens nur in der. Familie zu suchen, vorherrschend, so zeigt sich .leider, auch bei den unteren Ständen, die Sucht, nach Zerstreuung und Vergnügen außerhalb dieses Kreises. Dem Uebel nach Kräften entgegenzutreten, widmet sich der obengenannte Verein, welcher bei unseren Heranwachsenden jüdischen Mädchen die Liebe zur Häuslichkeit, das Verständnis, auch mit bescheidenen Mitteln einen gediegenen Hausstand zu führen, erstreben will. ~ Im Oktober 1900 begann der Verein seine Tätigkeit. Durch die Munifizenz einer edlen Dame, die ihr' warmes Interesse bis zum heutigen Tage dem Institut durch wiederholte Beweise bekundet hat — Frau Rosalie Hjrschel. — war es dein Vereine ermöglicht, die gemieteten Räume, die im Zentrum unserer Stadt liegen, mit den nötigen Utensilien auszustatten/ In Anbetracht des nützlichen Zweckes versagten auch > der. Vorstand unserer Synagogengemeinde, der Vorstand der Gesellschaft der Brüder, der zweiten Brüdergesellschaft, des Jüngfrauenvereins, ihren materiellen Beistand nicht. Erfahrene, von edlem Geiste erfüllte Frauen Und Männer, wie Frau Dr. Honigmann. Frau Rabbiner Dr. Guttmann, Frau Klara Brieger, Frau Stadtrat Mark, Dozent Dr. Brann, Rechtsanwalt Hirschberg und andere unterstützten diese Bestrebungen durch sachgemäßen Rat und freundliche Hilfe.. Frl. Nouvel, die Leiterin . der städtischen Haushaltungsschulen, hat mit organisatorischem Talent und in uneigennütziger Weise die Anstalt eingerichtet und geleitet. Nach ihren Lehrplänen werden die.Zöglinge im Kochen und Backen, in der Ernährungs-, Nahrungsmittel-- und Wirtschaftslehre, im Waschen und Plätten/ in den/ gewerblichen Handarbeiten, im Lesen und in Stilübung unterrichtet, Im ersten Jahre haben. 28 Schülerinnen am Unterricht teilgenommen, im zweiten. Jahre .36;-im dritten Jahre 29 den Kursus beendet. Eine Anzahl von ihnen hat Stellungen als