Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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seinem curriculum vitae hat er ausdrücklich betont, daß er Jude sei, und wir wissen bestimmt, daß ihn nichts dazu vermocht hätte, dem Glauben seiner Väter untreu zu werden. Solche Beispiele vermögen wohl die Zagenden, Mutlosen, Schwankenden wieder aufzurichten; sie sollten namentlich unserer Jugend zur Nachahmung überall so eindringlich wie möglich vorgeführt werden. ft Ueber neue Antisemitenexzesse in Russisch - Polen wird aus Warschau vom 29. v. M. folgendes mitgeteilt: „Zwei Judenkrawalle, die sich in den letzten Tagen abspielten, zeigen von neuem, wie sehr die Regierung trotz aller angeblicher Reform entwürfe bestrebt ist, durch Gewährenlassen der niedrigsten und rückständigsten Instinkte die einzelnen Klassen der Bevölkerung gegeneinander auszuspielen. Sie scheint zu glauben, daß man über ein Chaos am sichersten und bequemsten zu herrschen vermag. Der eine der beiden charakteristischen Vorfälle hat seinen Ursprung in einer jesuitischen Organisation, die die Eingeweihten schon längst beunruhigte und die nunmehr ihre giftigen Früchte zeitigt.- Der Sitz dieser Organisation ist ein unschuldiges katholisches Frauenstift in einem ehemaligen Nonnenkloster der Warschauer Vorstadt Czerniakow. Die Damen des Stiftes betreiben seit einigen Jahren die Jagd auf kleine jüdische Mädchen, die sie zur eifrigen Taufe erziehen. Die Erziehung geschieht teils durch entsprechenden „Unterricht", teils durch körperliche^ und geistige Strafen, Kasteiungen, Züchtigungen und ähnliche bekannte Kunststücke. Viele Opfer sind schon auf solche Weise spurlos verschwunden, doch gelang es auch manchen Eltern, durch List oder Gewalt ihre Kinder aus den Klauen der Nonnen zu befreien. Was diese Kinder dann erzählten, ist unglaublich, aber leider nur zu wahr. Das Treiben der Stiftsdamen wurde mit der Zeit immer dreister, so daß selbst der Gencralgouverneur davon erfahren mußte. Die Polizei wußte schon immer darunr und führt in ihrem Einwohnermeldeamt ein besonderes geheimes Buch über die aufgefangenen Kinder! Aber auch der Vertreter des Zaren in Polen lehnte rundweg jedes Eingreifen ab, da hinter dem Stift die höchste polnische Aristokratie steckt und da es, wie gesagt, der Sitz einer über den ganzen Rayon verbreiteten jesuitisch-antisemitischen Organisation ist, die nach dem Grundsätze divide et impera dem Generalgouverneur ganz willkommen ist. Eine Hauptstütze dieser Organisation in der Provinz ist der Probst Klopotowski in Lublin, der zweiten katholischen Stadt Russisch-Polens. Dieser Herr steht so eigentlich in der Mitte des folgenden Vorgangs: Einem Juden in der Nähe von Parczew, Gouvernement Siedlez. war ein kleines Töchterchen verschwunden. Nach langem Suchen erfuhr man, daß sich das Kind beim Probst Klopotowski im „Taufnnterricht" befinde. Da es kein anderes Mittel gab, das Kind herauszubekommen. so entschloß sich der Vater auf Anraten des Bürgermeisters, sein eigenes Kind wegen Diebstahls, zu verklagen und benützte dabei als Vorwand die Tatsache, daß gleichzeitig mit demselben ihm auch einige Habseligkeiten abhanden gekommen waren: Das Kind würde dann vor Gericht erscheinen und das übrige sich von selbst ergeben. Das Kind erschien wirklich vor dem Richter in Parczew, aber nicht allein, sondern in Begleitung eines Rechtsanwalts von seiten Klopotowskis und Genossen. Der Diebstahl konnte dem unglücklichen Kinde nicht nachgewiesen werden und so wurde es freigesprochen. Als aber nun die Eltern das Kind aufforderten, mit ihnen nach Hause zu ziehen, erklärte der Richter, er habe seine Schuldigkeit getan, die Sache gehe ihn weiter nichts an und verließ den Saal. So entstand im Gerichtssaale selbst ein Tumult, in welchem es den Eltern gelang, mit dem Kinde zu entkommen. Der Advokat raste und reizte die inzwischen angesammelte große Menschenmenge durch eine Brandrede auf, „eine schon, christliche Seele zu retten." Der Aufruhr war fertig. Die. „Rettung" begann mit der gänzlichen Demolierung des Hauses, in welchem die Eltern mit dem Kinde Unterkunft gefunden hatten, und entwickelte sich zu einem regelrechten Judenkrawall mit Revolverschüssen, denen über 20 Inden au Toten und Verwundeten zu Opfer fielen. Damit nun aber das Satyrspiel nicht fehle, sollte nach dem Muster von Homel den Juden der Prozeß gemacht werden und zwar wegen Erstürmung des Gerichtsgebäudes. Der zweite Vorgang hat nicht in demselben Maße einen religiösen Hintergrund. Schauplatz ist der Fabrikort Ostrowietz, Gouvernement Radom. Donnerstag den 21. Juli erschien in diesem Orte ein Vagabund. Betrunken, wie er war, oder sich stellte, bekam er gleich Händel mit einigen jüdischen Straßenkindern, fiel hin und begann sich konvulsivisch zu wälzen. Dies gab Anlaß zu dem Gerücht, die Juden hätten am hellen Tage einen Christen auf der Straße ermordet.' Die Menge wollte den „Mord" sogleich rächen, es gelang aber der Polizei ohne besondere Mühe, die Haufen zu zerstreuen und den vielleicht fallsüchtigen Trunkenbold hinter Schloß und Riegel zu bringen. Die Aufregung hatte sich scheinbar gelegt.' Aber am nächsten Tage erhielten einige Juden die Nachricht, daß die Fabrikarbeiter (Eisenfabriken, Hochöfen) für den Abend einen Ueberfall planten. Auch der Polizeivorsteher wurde davon benachrichtigt, maß aber angeblich diesen Gerüchten keinen Glauben bei und hinderte auch die Juden, irgend welche Maßregeln zu ergreifen. Tatsächlich erschienen nach Fabrikschluß die Arbeiter in geschlossenen Reihen. Sie gaben erst politische Lieder zum besten, dann Hurrahrufe und schrien: Nieder mit den Juden! Im Laufe einer Stunde waren alle Fenster und die ärmeren jüdischen Läden zertrümmert und geplündert; dann hieß es: Aus die Synagoge! Aber dort begegneten ihnen schon die Juden mit Aexten, Eisenstäben, Stöcken und dergleichen. In der Schlägerei, die bis 3 Uhr nachts währte, wurden 20 Juden leicht und zwei schwer verwundet. Von letzteren ist einer, Jakob Rubinstein, inzwischen seinen Wunden erlegen, der andere, Aron Subjekt, befindet sich in Todesgefahr. Dem telegraphischen Ersuchen des Polizeivorstehers um Hilfe konnte der Gouverneur von Radom nicht Genüge leisten, weil gerade am Tage des Krawalls „das dort postierte Militär nach Ostasien transportiert wurde". ft Der mutmaßliche Nachfolger Plehwes in Rußland soll der bisherige Justizminister Murawjew werden. Ueber diesen Staatsmann fällt ein anderer in der „Quarterly Review" das folgende Urteil: „Murawjew ist ein Mann, der gar keine Prinzipien, bloß Talent und Ehrgeiz hat. Er wird heute einen ganz außerordentlichen Eifer bei der Unterstützung des Absolutismus entfalten; wenn sich aber die Verhältnisse ändern sollten, würde er in vollkommenster Gemütsruhe mit den russischen Jakobinern paktieren." Man weiß also nunmehr, daß in Rußland der absolutistische Kurs weiter gesteuert wird. Aber wie lange noch? Von anderer Seite wird gemeldet, daß Müravjew doch nrcht ein solcher Erzreaktionär sei, wie der ermordete Plehwe. Wie die „Nowoje Wremja" „gerüchtweise" mitteilt, soll er die Rechte der vereidigten Rechtsanwälte jetzt auch einigen Juden verliehen haben. Bisher waren Juden seit 1885 nur berechtigt, als Rechtsanwältsgehilsen tätig zu sein. ft Eine ganze Reihe wichtiger, den jüdischen Handwerkern überaus günstiger Senatsentscheidungen, die in jüngster Zeit bekannt geworden sind, läßt abermals erkennen, daß der in den inneren Gouvernements Rußlands sich seßhaft machende jüdische Handwerker an der obersten richterlichen Instanz einen wirksamen Beschützer gegen-etwaige Uebergriffe des zügellosen Beamtentums besitzt. So entschied der Senat, daß ein jüdischer Glaser keine eigene Werkstätte zu haben braucht, um im Innern Rußlands wohnen zu dürfey. Ein anderesmal erklärte der höchste russische Gerichtshof, daß ein Jude, welcher handwerksmäßig Tinte herstellt, aus Zentralrußland nicht ausgewiesen werden darf, auch wenn er weder Gesellen hält, noch eine besondere Werkstätte besitzt. In seiner großen Vorliebe für die > jüdischen Handwerker hat der Senat sogar wiederholt ans-