Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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haben, wie dies jüngst auf der Rabbinerkonferenz in Louisville geschehen ist, eine große Synode wieder in Vorschlag zu bringen, die ein ständiges Organ für alle. religiösen Angelegenheiten bleiben und in der sich Nabbinerverband und Gemeindebund vereinigen müßten! Wir kommen vor lauter Bedenken und Erwägungen nicht vorwärts. Unsere Brüder in Amerika kennen aber weder die bleiche Furcht, die uns bei jedem neuen Werke befällt, noch die Zaghaftigkeit und die Bedenken, mit denen wir uns oft jahrelang herumtragen, ehe eine fruchtbare Idee zur Realisierung gelangt, und am wenigsten die kleinlichen persönlichen Reibereien, die zuweilen die beste Idee noch vor der Verwirklichung begraben. In dieser' Beziehung können wir viel von ihnen lernen. Das wissenschaftliche Rüstzeug für Kampf und Arbeit wird sich das amerikanische Judentum freilich wohl noch lange aus dem alten Europa zu holen haben, aber während noch vor einigen Jahren junge jüdische Theologen von Amerika Benefizien erhielten, um für die dortigen Synagogen tüchtige Kräfte zu gewinnen, wird es vielleicht in einigen Jahrzehnten auch einmal dahin kommen, daß moderne Theologen von hier dem jungen Kontinent zur Erweiterrmg ihrer Kenntnisse einen Besuch abstatten. Wie manches engherzige schismatische Vorurteil würde da schnell in sein Nichts versinken! Schon heute ist die' jüdische Encyklopädie, für die Isidor Singer in deutschen jüdischen Kreisen die Mittel nicht aufbringen konnte, gerade von der europäischen Presse als mustergültig anerkannt, und wir Männer von der Feder müssen gestehen, daß bislang kein europäischer Verleger ein jüdisches Werk derart ausstatten würde, ja, daß hierzulande niemand die Kosten wagen könnte. An jüdischem Mäcenatentum scheint uns Amerika schon heute überlegen zu sein, wenn sich auch dort die Kräfte vielfach an den zahlreicheren und vielgestaltigeren Aufgaben zersplittern. So scheint uns eine Mahnung, die vor 50 Jahren in diesem Blatte (Nr. 51), anläßlich einer Mitteilung von der Begründung einer Zion Collegiaie Association ausgesprochen wurde, auch heute noch nicht überflüssig zu sein. Es hieß da: „Wir geben den Herren Rabbinern in Deutschland den Rät, sich ein wenig mehr als seither um die Juden Amerikas und die Zustände der israelitischen Gemeinden der Vereinigten Staaten zu kümmern, fest überzeugt, daß es am Ende zu ersprießlichen Resultaten führen könne". Die liebevolle Mutter läßt sich nicht durch die von ihren Kinder schwächer zurückstrahlende Liebe abhalten,, denselben fortgesetzte Zuneigung zu widmen, und am Ende kommen die Folgen solchen Beginnens auch der Mutter zu gute, während Teilnahmlosigkeit niemals den Funken. der Liebe zur Flamme zu entzünden vermöchte. rLZKL Bit Woche. Berlin, 9. August, ie jetzt bekannt wird, läßt die Regierung durch die Pfarrer statistisches Material über das Verhältnis der Konfessionen in den Schulen für das Sch ul unterhalte ungsgesetz sammeln. Man muß diesen Erhebungen Mißtrauen entgegenbringen, wenn man sieht, wie dadurch jede Möglichkeit einer Kontrolle zu beseitigen gesucht wird, daß man die Beantwortung der Rundfragen von Landtagsabgeordneten über Schulverhältnisse verbietet, was doch nur die Tendenz hat, den Gegnern der Konfessionsschulen die Beschaffung eigener Informationen zu erschweren. Es ist deshalb, da ja auch, die Frage unsere Kreise berührt, eine verdienstliche Tat des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes", daß er aus Veranlassung des Verbandes der Deutschen Juden, und um die . nötige Grundlage zu gewinnen für. Stellung von Anträgen an die preußische Regierung und an .die Häuser des Landtages bei Gelegenheit des voraussichtlich schon Anfang Oktober dieses Jahres an den Landtag gelangenden Schulnnterhaltungsgesetzes an die jüdischen Gemeinden Preußens das Ansuchen richtet, dem Bureau baldmöglichst einen diesbezüglichen Fragebogen mit genauer und zuverlässiger Antwort versehen zurückzusenden. Da die Interessen jeder Gemeinde, der größten wie der . kleinsten, durch eine Gesetzgebung auf dem Gebiete der Schulunterhaltungspflicht in einschneidender Weise betroffen werden können, so werden die Gemeindevorstände sicher die Wichtigkeit einer ausreichenden Begründung der zu stellenden Anträge, und mithin die Wichtigkeit dieser Umfrage nicht verkennen. Der D.-J. G.-B. darf sich daher ohne Zweifel der Mitwirkung der Vorstände, und zwar in tunlicher Beschleunigung, von vornherein versichert halten. Ebenso werden die Lehrer, deren Persönliches Interesse auch, abgesehen von demjenigen, der Allgemeinheit, ganz besonders in Frage steht, sicher bei der Auskunft überall zu Diensten stehen. Die in dem Zirkular gestellten Fragen belaufen sich auf 16 und umfassen die Fragen nach Existenz von konfessionell-jüdischen Schulen) deren Frequenz, Anzahl der Lehrer, den Charakter der Schule, ob öffentliche oder Privatschule, die Höhe der Aufwendungen für die jüdische Schule aus Mitteln der jüdischen Gemeinde) der politischen Gemeinde, staatlicher Beiträge und eventuell solcher aus anderen Quellen. Daran schließen sich noch die Fragen, ob die Beibehaltung oder Beseitigung der betreffenden konfessionellen jüdischen Volksschule wünschenswert sei und aus welchen Gründen, ob am Orte nichtkonfessionelle Volksschule.n bestehen, an denen jüdische Lehrer auch in anderen Fächern als jüdischen Religionsunterricht unterrichten; welches diese Anstalten sind und wie hoch die Zahl solcher Lehrer und der diese Anstalten besuchenden Kinder ist. Zum Schluffe enthält das Zirkular die Anfrage: welche Mißstände bestehen, deren Abstellung ' bei Gelegenheit des in Aussicht, stehenden Schulunterhaltungsgesetzes zu erstreben wäre. $ Die Toten wie die Lebenden haben in dieser Woche Zeugnis für unsere Sache abgelegt. Wenn es jeden glaubenstreuen Juden auf das Schmerzlichste berühren muß. Tag für Tag neue Berichte über Abfall, Verrat und Fahnenflucht zu vernehmen, so werden sicher Beispiele von Charakterfestigkeit und Treue in dieser schlimmen Zeit sein Herz wieder erheben. Solcher Beispiele haben wir in dieser Woche zwei weithin leuchtende aufzuführen. Das eine ist das des berühmten Pathologen Professor Karl Weigert, der trotz aller Verlockungen seinen Glauben nicht wechseln wollte, obwohl er persönlich einen völlig freien Standpunkt einnahm, und der, als er nach dem Tode seines Lehrers und Vorgänge^, der sich selbst die Lehrkanzel durch das sacrificio dell’ inlellelto. erkauft hatte, als Jude nicht zu dessen Nachfolger ernannt wurde, ohne Zögern seine Stellung aufgab und einige. Zeit ohne jedes, offizielle Amt blieb. Das andere Beispiel ist das eines jungen noch nicht dreißigjährigen Mannes, der durch rastlosen Fleiß, durch eine Arbeitskraft, die karnn eine Grenze kennt, sich mühsam eine achtunggebietende Stellung errungen und nun auf Anregung des Kaisers und durch den einstimmigen Beschluß des Kollegiums zum ordentlichen Professor ernannt wurde. Es ist dies Dr. G e o rg Schlesinger. In