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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-05 · Heft 32 (5.8.1904) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
Seite 383 (sequence 11)
Language
German
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-383 Dann setzte sie hinzu: „Kommen Sie doch heute Abend zu uns,, und seien wir einmal recht lustig zusammen. Muttchen trägt noch ein gutes Teil dazu bei!" Wenn sich der grau bewölkte Regenhimmel Plötzlich mit lichtem Blau gefärbt und die Sonne goldene Strahlen herabgelächelt Hätte, sein Gesicht wäre nicht freudiger geworden als bei ihren Worten. „Wie gern," flüsterte er, ergriff die behandschuhte Rechte und — küßte sie! wirklich, wahrhaftig! Dann gab er seine Paketchen ab und ging. Vorbei der Schmerz, vorbei die Sorge! Frisches Grün, Frühlingswehen, Sonnensang!" „O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, Der ersten Liebe goldne Zeit, Das Auge sieht den Himmel offen, Es schwelgt das Herz in Seligkeit!" Purim mit seinen fetten, süßen Speisen, dem Jauchzen und Jubel, Scherz und Spiel war vergnügt und froh vorübergegangen und hatte mit seinen Bildern, den Aufführungen und Gesängen klingende Münze zur Wohltätigkeit und reichlichen Enthusiasnms eingebracht. Nach dem gemütlichen Abend bei Herz schwebte Leo Berger in sämtlichen sieben Himmeln, las abwechselnd das „Hohelied" und Heine, sang lustige Ueberbrettl- und Volksmelodien, kurz, er war in einer Stimmung, um die ganze große, frühlingsdurstige Welt zu umarmen. Außerdem schwamm er in dem goldglänzenden Meere des Ruhmes, dessen Wellen ihm bis an die Brust reichten, während über seinem Haupte eine unsichtbare Krone schwebte, deren einzelne Geschmeide sich, „Dank, Beifall, Unsterblichkeit" nannten- Darum durfte er den Kopf noch einmal so hoch tragen — — denn hinter die Kulissen hatte ja niemand geschaut. Da aber nichts auf Erden vollkommen ist, nicht einmal Gänsefleisch — denn es ist gewöhnlich zu fett — so ist es auch die Freude nicht! Also geschah es unserem Helden. Ein Tröpfchen Wermut siel in seinen Becher voll Rausch und Seligkeit. Deborah war nicht zu bewegen, den Maskenball zu besuchen. Faust-Leo mußte' aber erscheinen, wollte er nicht auf die, — von zarten Schönen eigenhändig gestickten — Kottillonorden und ein seltenes Amüsement verzichten. Außerdem würde es ihm wahrscheinlich sehr übel genommen werden, wenn er nicht erscheinen würde. Und den Grund hätten die lieben Freunde, die ohnedies gern beobachteten, — wohl bald entdeckt.-— Die ganze Welt ist ja eine Maskenbühne und Männer und Frauen oft treffliche Schauspieler. Es liegt in des Menschen Natur sich zu verstellen, sich anders zu geben, als er ist; die Wahrheit seines Seins und Empfindens nicht blvßzulegen. „Die Leute dürfen es nicht sehen, nur vor der Welt es verbergen!" Wie oft ist dieser Ausspruch die Richtschnur des Lebens! — Wozu eigentlich ein Maskenball? — ' — Flimmernder Kerzenschein ergoß sich in blendender Helle über eine phantastisch bunte Dekoration und Gesellschaft. Da waren Spanier, Türken, Dominos, polnische Juden. Pagen und' Zigeuner, altgeschichtliche Gestalten wie Ahaswer, Esther, Mordechai, Blumenmädchen, Schäferinnen, kurz alle denkbar möglichen Kostüme waren vertreten. Die Musik spielte einen rauschenden Strauß'schen Walzer, es wurde getanzt, geflirtet, gelacht und gescherzt. Bekannte suchten einander zu erkennen, die Paare wurden mit „Konfetti" überschüttet und die zierlichen Papierwurfgeschosse bildeten einen großen Teil der Unterhalhaltung. Es war ein lustiges, lebhaftes Durcheinander; fortwährend wogten noch neue Masken hinein, der Saal füllte sich mehr und mehr. — In einem schwarzen Talarmantel. den weichen, schwarzen Filz auf dem Haupte, schritt grübelnd unser Faust durch dieses buntscheckige, buntfarbige, Lust verkündende Gewoge. „Prinz Karneval schwingt sein Szepter, was sucht Faust, der Grübler, hier?" fragte eine bekannte Stimme hinter ihm. Er erkannte, sich umwendend, Else, welche in dem reichverzierten - Kostüm einer Sultanin von einer Schar Verehrer umgeben, an ihn herankam. „Ich ergründe den Ernst und die Lust. Ich studiere und genieße, — weißt Du dies nicht, holde Schöne des Morgenlandes? Ich suche und . . ." Da löste sich aus einer benachbarten Gruppe etwas Weißes, Zartes, Feines — „Gretchen" mit weißen, lustigen Bauschärmeln und kurzem Röckchen trat sittsam heran. „Da hast Du ja Deine Partnerin, ernster Grübler. Dieser müssen wir Dich abtreten. — Locke ihn nur ins Netz, den finsteren Gesellen, der so . . ." „Teuflisch schön ist," siel die verstellte Stinune Gretchens ein.. „Rosa Silberstein" — dachte Leo und sein Herz zog sich vor Weh zusammen. Mein schönes Fräulein, darf ich's wagen. Euch Arm und Geleit anzutragen? Aber echt gretchenhaft antwortete die Schöne. Bin weder Fräulein noch schön, Kann ungeleitct weiter gehn!" Wie niedlich sie war, graziös nnd anmutig. Rosa Silberstein mit ihren schnellen, ungeschickten Bewegungen? Sie nahm nun trotz des Widerspruches seinen Arm, und am Büffett hob ein Glas des reinsten goldhellen Rheinweins die Lebensgeister. Uebermut und Frohsinn lachten in jeder Ecke, während der „Torero" seine eigenartigen Melodien ertönen ließ. Ein prickelnder, entzückender Reiz glomm in dem licht- und farbengefüllten Saale und teilte sich den Menschen mit. Auch unser Paar wurde davon ergriffen, — sie tanzten. Sie, die anmutige Schlanke tanzte unvergleichlich. Es war ein Wiegen, ein Schweben über der Erde, ein Befestigen des Erhabenseins über Druck und Zwang. Er führte sie dann zu einem der trauten Winkel, die von grünen Schlingpflanzen umgeben, verlockend einluden. Doch als sie die verstellenden Zweige auseinanderbogen, entfuhr ihnen ein Ruf des Erstaunens. Da saß ein Teufel, Mephisto, wie er leibte und lebte. „Willkommen, mein schönes Paar! Wollt Ihr in diesem paradiesischen Winkel Küsse tauschen? Mephisto beschützt Euch!" „Mephisto?" lachten Beide. „Der trennt ja die Liebenden!" „O! Um sie noch eher zusammen zu führen!" Sie flohen in das Gewühl zurück — der Teufel folgte ihnen ungesehen. „Ich glaube, ich sah ihn schon einmal hinter uns," flüsterte Gretchen. „Er kommt mir so sonderbar vor, ich mag ihn nicht!" „So will ich Euch trennen! Komm, Gretchen,' tanz mit mir!" Der Teufel umfaßte sie, und ehe Leo sich besinnen konnte, waren sie verschwunden. Unaufhörlich dachte er, wer unter diesen beiden Masken wohl versteckt wäre. „Du tanzest nicht, Faust? Komm, laß Altertum und Neuzeit, Geschichte und Sage sich verbinden!" Er wandte sich um. Königin Esther stand vor ihm. „Ich bin bereit, edelste Frau. Willst Du es mit einem Jünger der Neuzeit versuchen?" Er tanzte.mit der schlanken Gestalt davon. Er tanzte wild, leidenschaftlich, rasend.

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