Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228614--61007-3274807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
381 f i i i f ' •- Es ist nicht unmöglich, daß der Spott, mit dem Heine über die Synagogenreform des Hamburger Neuisraelitismus und über die „Tempeljaner" sich lustig machte, und durch den er sich die meisten seiner Hamburger jüdischen Freunde entfremdete, ihn auch mit Gumpel in Konflikt brachte, der damals Gemeindevorsteher war. Zum mindesten erschien ihm der Mann als der Typus der Gattung, "der sein Spott galt. Es kam dazu, daß er dadurch auch seinem reichen Oheim sich gefällig zeigte. Und so blieb Gumpel jahrzehntelang die Zielscheibe seines Witzes. Schon in der „Harzreise" wird der Mann erwähnt. Lazarus Gumpel hat sich gewiß sehr wenig um die Treue der Kostüme in den Theatern bekümmert, der Bankier Christian Gumpel aber beklagt sich mit Recht, daß ihm, wenn Maria Stuart eine Schürze trage, die schon zum Zeitalter der Königin Anna gehöre, dadurch alle künstlerische Illusion verloren gehe. Viel eher begreift man es, wenn Heine seiner Behauptung, daß ihm immer eine historische Begebenheit in den Sinn kam, sobald er einen Bekannten erblickte, als Illustration hinzufügt: „Begegnete mir der wohlgeputzte Bankier Christian Gumpel, so dachte ich gleich an die Zerstörung Jerusalems!" * Aber es gilt wohl als sicher, daß Lazarus Gumpel keine von den Eigenschaften besesfen hat, die Heine seinem Modell andichtet; höchstens einige kleine Eigentümlichkeiten nahm Heine aus der Wirklichkeit, alles übrige entsprang seiner Phantasie. Um so mehr aber müssen wir die realistische Kraft seiner Schilderung bewundern, die hier eine Gestalt geschaffen von so unmittelbarer Lebenswahrheit, daß sie fast wie eine photographische Reproduktion erscheint. Der Leser ist um so eher geneigt, zu dieser Annahme zu gelangen und um so zäher an ihr festzuhalten, je schärfer Umrissen, charakteristischer, prägnanter, mit einem Wort lebensvoller die Gestalten eines Dichters sind oder ihm zu sein scheinen. Friedrich Spielhagen hat einmal ausführlich erzählt, wie ihm die zweideutige Ehre ganz absonderlicher Kopistentreue von seinen lieben Adoptiv-Landsleuten, den Neuvorpommern und Rüganern beim Erscheinen seiner „Problematischen Naturen" mit rührender Einstimmigkeit zugesprochen wurde, während er doch die Personen, welche er mit so tadelnswerter Indiskretion abkonterfeit haben sollte, daß sie „mit Händen zu greifen" seien, im Leben nie gesehen hatte. Aber auch die Ansicht, daß der Dichter sich seine Gestalten aus der Luft greife wie der Prestidigiateur, trifft hier nicht zu. Es ist ja zweifellos, wie Spielhagen gleichfalls hervorhebt, daß der Dichter bei seiner Arbeit eine Gestalt, die er im Leben gekannt hat, vor seinem Geistesauge deutlich sieht; aber sie so, wie sie ihm die Wirklichkeit darbietet, in das Kunstwerk hinein zu nehmen, wird er sich hüten, falls er kein Handwerker, sondern ein Künstler, und um so sorgsamer, ein je größerer er ist. Die Konstruktion eines Kamels aus der Tiefe des Gemüts, ist nur ein Witz von Heine. Die Gestalt des Marchese Christoforo Gumpelino erhebt sich aber weit über das Niveau dieses Witzes, wenn wir daran denken, daß Heine in diesem Manne einen bestimmten Typus verewigen wollte. Es lag ihm daran, jene Hamburger Plutokratie zu treffen, der er so viel Böses nachsagt und die ihm auch viel Böses getan hat. Man muß sich nur an die Schilderung erinnern, die er in den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski von diesem Hamburger Gesellschaftskreise entwirft. Er erzählt dort, daß er nichts geringeres im Sinne habe, als einen „Ehrentempel Hamburgs" herauszugeben. In diesem Ehrentempel würde ja ohne Zweifel Christian Gmnpel eine bedeutende Stelle eingenommen haben. Der edle Marchese hat, wie gesagt, mit Lazarus Gmnpel in der Hauptsache so gut wie gar nichts gemein. Und doch unterliegt es gar keinem Zweifel, daß der letztere ihm Modell gestanden. Man muß Heine zugestehen, daß er sein Modell gründlich studiert und dieses Studium mit seinem Herzblut bezahlt hat; denn aus dem Kreise der Gumpelinos kam alles, was ihm sein Hamburg, das ihm früher als ein Elysium galt, später jahrelang zu einem Tartarus machte. Man begreift es deshalb auch, wenn Strodtmann wahrscheinlich nach Privatmitteilungen berichtet, wie empfindliche Leute es Heine sehr verübelten, daß er einen Mann wie den Bankier Gumpel „aus purem Mutwillen" lächerlich gemacht habe. Bor allem aber nahm dieser selbst Heines Späße sehr übel. auf. Hören wir, was ein zuverlässiger Zeitgenosse und Freund des Dichters, nämlich August Lewald, in seiner „Aquarelle aus dem Leben" Bd.Vl S. 47 darüber aus eigener Erfahrung erzählt: „Bekanntlich war man der Meinung, daß Heinrich Heine mit seinem Gumpelino einen bekannten Hamburger Bankier gemeint habe. In der Tat hatte er aber nur den Namen Gumpel von ihm entlehnt, im übrigen ist auch nicht das Geringste in Heines Schilderung, daß zu jener Meinung Veranlassung gegeben haben könnte. Die Sache machte indes großes Aufsehen, denn Herr Gumpel ist ein schwerer Mann - an der Hamburger Börse. Er selbst,, obgleich er wohl wußte, wie wenig er dem Heineschen Ideal gleiche, scheint die Sache übel zu nehmen; so zog er sich z. B. auch von mir zurück, seitdem er von meinem näheren Verhältnis zu Heine Kunde bekam. Nun traf es sich aber oft, daß Salomon Heine in Gegenwart Gumpels gewisse Stellen aus den Reisebildern anzog und sich an der Verlegenheit seines Neffen weidete, die dieser nicht verbergen konnte." August Lewald war im Jahre 1829 ein vertrauter Freund Heines. Er kannte also die Verhältnisse, und seine Aeußerungen dürfen auf Zuverlässigkeit Anspruch erheben. Ein nicht minder treuer Freund Heines war in jenen Jahren der taube Maler Johann Peter Lyser. Auch seine Mitteilungen sind, so viel ich bis jetzt kontrollieren konnte, durchaus wahrheitsgetreu. Nun fand ich vor kurzem in einer längst verschollenen Wiener Zeitschrift „Der Salon", herausgegeben von Siegmund Engländer (Wien 1847) die folgende Erzählung, welche interessante Streiflichter auf die Beziehungen Heineszu Gmnpel und auf gewisse Charaktereigenschaften des letzteren werfen, die mit denen des Marchese Gumpelino doch mehr Ähnlichkeit haben, als man nach dem Urteil August Lewald s anzunehmen berechtigt wäre. Es. sind „Miniaturen" aus dem Schriftstellerleben, die Lyser in jenem Aussätze zeichnet. Schon die erste beschäftigt sich mit unserem Helden, und ich zitiere hier wörtlich die ganze Geschichte: „Der durch seine Sonderbarkeiten bekannte Kaufmann G.... l in Hamburg besaß auch die seltene Sonderbarkeit, Künstler und Schriftsteller protegieren zu wollen, und bei seinen vielen splendiden Gastereien mußten immer einige derselben erscheinen. G . . . . l verstand weder von der Kunst noch von der Literatur das mindeste, ihn „jammerte" aber, wie er sagte, „das arme Pack", und so lud er es ein, „daß es sich einmal bei ihm satt äße." Natürlich mußten diese so aus „Barmherzigkeit" Geladenen dafür „ihre Faxen" zur Unterhaltung der übrigen Tischgesellschaft produzieren. Die Sänger mußten singen, die Schauspieler deklamieren, die Schriftsteller Toaste improvisieren oder Geschichten erzählen, und die Maler den oder jenen aus der Versammlung skizzieren. Leider gaben sich die meisten dazu her, denn Champagner und Austern sowie die köstlichen Seehummer . fehlten bei keinem Gastmahl, welche G . . . . l gab, der andern ausgesuchten Speisen nicht zu gedenken.