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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-05 · Heft 32 (5.8.1904) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
Seite 380 (sequence 8)
Language
German
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stolze Selbständigkeit hoch schätzen lehrt, zu der: der Berrrf die Möglichkeit vermittelt und die nur der kennt, der auf sich selbst und in allen Dingen für sich selbst steht. Und damit sind wir wieder zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen zürückgekehrt. Wir nannten die Patriarchalische Familie, wie sie in seltener Reinheit und Innigkeit im Judentum eine Verkörperung fand, ein verlorenes Paradies, zu dem kein noch so heißes Bemühen zurückführen könne. Wohlan denn! Errichten wir uns ein neues. Unser Fundament ist die Arbeits- und Berufstüchtigkeit aller. Unsere Bausteine seien Kraft und Tüchtigkeit, Wollen und Können; unser Mörtel sei die Liebe; die Krönung des Gebäudes aber und sein köstlicher Inhalt zugleich das, was wir mit so viel Recht als jüdisches Gemüt und jüdische Gemütlichkeit preisen. Müssen wir dann auch gleich alle, Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen, hinaus in den Kampf ums tägliche Brot, uns begleitet die Wärme herzinniger Liebe und Wertschätzung, die unser Heim zu einer Stätte des Friedens und Behagens macht. Nicht mehr Berechnung soll unser Haus aufbauen oder unseres Hauses Frieden stören. Wir wollen unsere Ehen schließen, wenn wir auch wissen, daß Kampf um des Lebens Notdurft unser Los sein wird. Und wir wollen draußen in der Arena des Lebens aus allen Kräften ringen und, wemüs just so kommt, auch raufen. Aber heimkehrend in die Familie, die aus einer wirtschaftlichen eine sittliche, d. h. also eine höhere Einheit geworden ist, soll uns die Sabbatlampe der Liebe, der Freude und des Friedens in unvergänglichem Glanze entgegenleuchten. Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste! . sei das Zauberwort, mit dem ein neues Geschlecht heranwächst zu freudiger Arbeit und arbeitsvoller Freude! Das Ardild drs Msrchelr Lumpelino. yladys Augen lachten wie Sonnenschein nach leisen: Regenschauer, und ihre gute Laune brach wieder leuchtend hervor, als John hereintrat, und mit dem steifsten Lakaienpathos Seine Exzellenz den Marchese Christoforo di Gumpelino anmeldete." So zu lesen in dem Capriccio von Heinrich Heine „Die Bäder von Lucca". „Soeben „wollte der Dichter eine Bemerkung machen, als die Tür sich weit öffnete, und zu meinem höchsten Erstaunen, mein alter Freund, der Bankier Christian Gumpel, mit seinem wohlhabenden Lächeln und gottgefälligen Bauche hereinwatschelte. Nachdem seine glänzenden breiten Lippen sich an Myladys Hand genugsam gescheuert und übliche Gesundheitsfragen hervorgebrockt-.' hatten, erkannte er mich — und in die Arme sanken sich die Freunde." Schade nur, daß an der ganzen Geschichte kein wahres Wort ist. Aber was tut das? Jeder erfreut sich doch an dem entzückenden Humor, den der Dichter über die Erscheinung des Marchese Gumpelino mit verschwenderischem Uebermut ausgegossen hat, und die Verse, die er an Lady Maxfield durch seinen treuen Diener Hyacinth sendet, sind ebenso populär geworden wie er selbst: „Die Tulpe ist unter den Blumen — was unter den Käsen der Strachino; — doch mehr als Blumen und Käse — verehrt dich Gumpelino!" Wohl jeder wünscht, nachdem er die betreffenden Kapitel in Heines „Reisebildern" gelesen, etwas Näheres über diesen Bankier Christian Gumpel zu erfahren. Hak er wirklich gelebt? Besaß er das Aussehen und die Eigenschaften, die Heine ihm andichtet? Oder wer hat dem Dichterzu dieser klassischen Gestalt Modell gesessen? Eine erschöpfende Antwort auf diese Frage ist.bisher noch nicht gegeben worden. Man "weiß nur aus'der Heine-Biographie von Adolf Strodtmann, daß ein Bankier. Lazarus Gumpel unweit des Landhauses von Salomon Heine in Ottensen gewohnt und den Millionär gern in allem nachgeahmt habe, wofür ihn dieser oft und weidlich gefoppt hat. Die beiden Nachbarn lebten mit einander in einer Art harmlosen Krieges. Jeder suchte dem anderen allerhand Schabernack anzutun, und Salomon Heine fühlte sich aufs ergötzlichste divertiert durch das drollige Zerrbild seines Rivalen, das sein Neffe in den „Bädern von Lucca". aller Welt vor Augen gestellt hatte^ Das ist alles! Aber es genügt nicht, um die Wißbegierde derer zu stillen, die etwas näheres über. das Urbrld des Gumpelino erfahren wollen. Ich will es versuchen, in folgendem zusammenzustellen, was ich zum Teil unter der Mithilfe freundwilliger Hamburger Lokalhistoriker darüber eruiert habe. Lazarus Gumpel wurde im Jahre 1770 zu Hildesheim geboren, wo seine Familie seit langen Jahren ansässig war. Ob er auch mit einem Paar Lederhosen und 16 Groschen in der Tasche nach Hamburg gekommen ist, wie die Fabel von jedem reichen Manne so gern erzählt, ist nicht bekannt; wohl aber ist bekannt, daß er sich durch seinen Geschäftssinn, durch seinen Fleiß und -durch seine Redlichkeit sehr bald emporgearbeitet und in den zwanzigerJahren schon eine ansehnliche Rolle an der Hamburger Börse gespielt hat. Er besaß eine hübsche Villa zu Neumühlen, die sogar in der „Auswahl der schönsten Landhäuser in Hamburgs Umgebung" abgebildet ist. Das Landhaus steht, wie ich höre, noch heute unverändert. Durch das Vertrauen seiner Mitbürger wurde er in den dreißiger Jahren in den Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Hamburg berufen. Er begründete das sogenannte Lazarus Gumpel-Stift zu Freiwohnungen für unbemittelte Mitbürger im Jahre 1838, eine Stiftung, von der es heißt, daß sie lange „die beliebteste unter allen Hamburger wohltätigen Privatanstalten" gewesen ist. Lazarus Gmnpel starb am 10. November 1843 nach langer und schmerzhafter Krankheit. Er scheint ein sehr einfacher, aber braver Mensch gewesen zu sein. Im übrigen war er ziemlich unbedeutend, denn während sonst in der jüdischen Gemeinde gerade die Wohlhabenden in den Vorstand oder in den Verwaltungskörper von Wohltätigkeitsstistungen und Vereinen gewählt wurden, fehlt Gumpels Name überall, ganz im Gegensatz zu Salomon Heine. Und doch scheint es, als ob er in der Tat diesem stark nachzuahmen gesucht habe. Auch von ihm existieren Brustbilder, Medaillen rc. wie von Salomon Heine. Seine Frau, die ursprünglich den Namen Sophie hatte, nannte sich Esperanza. Nur die Wohltätigkeit war bei ihm nicht Nachahmung, sondern kam ihm aus dem Herzen. Im Verein für Hamburgische Geschichte befindet sich noch ein hebräisches Gedicht, das dem Andenken des Stifters der Freiwohnungen zur sünfundzwanzigjährigen Jubelfeier gewidmet worden ist. Es llarltet in deutscher Übertragung: „Liebe als Zierde, als Ruhm sind dein Teil, Gabst uns mit Pietät ein Liebesmahl; Drum rühmen dich, verkünden dein Heil, Die du gestützt, geholfen — in großer Zahl.", Lazarus Gumpel war, wie es heißt, ein orthodoxer oder doch zum mindesten ein positiv gläubiger Jude. Er liegt auf dem Friedhof vor dem Dammtor begraben und seine Descendenz hat sich vom Judentum nicht losgesagt.

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