Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
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379 ist gewiß eine sehr nüchterne Erwägung, sie sollte aber trotzdem ängestellt - werden, wenn es sich um die Zukunstsfrage der Töchter handelt, Und sollte, wenn nichts anderes,-die berufliche Ausbildung begünstigen. Aber es gibt noch ein anderes ungleich idealeres Motiv: Unsere Zeit, die je° länger, je mehr die Bildung des Geistes und Herzens zum Allgemeingut zu machen sucht, sieht ein Geschlecht aufwachsen, das den Autoritätsglauben abgeschworen hat, das sich nicht mehr geduldig in Urvätersitte fügt, das nicht nur leiblich sondern auch geistig, nicht nur materiell sondern auch ideell auf eigenen Füßen stehen will. Und eine wachsende Zahl von Frauen lehnt es ab, sich in eine konventionelle Ehe zu retten. Aber bleibt ihnen ein Herzensbund versagt, so wollen sie doch nicht darauf verzichten, ihrem Leben einen vollen und reichen Inhalt zu geben, etwas in der Welt zu sein und zu leisten, ein tüchtiges und. von nutzbringender Arbeit ausgefülltes, zugleich vollständiges und unabhängiges Dasein zu führen.' Sie alle streben zum Beruf, sie alle begehren das Recht auf Arbeit, gleichviel, ob sie gegen Entgelt wirken oder ob sie, in materiell günstiger und gesicherter Lebenslage, ihre Zeit und Kraft in den Dienst gemeinnütziger und humanitärer Bestrebungen stellen. Die natürliche Folge all dieser zusammenwirkenden Faktoren war und ist, daß die sogenannten weiblichen Berufe der Erziehung, der Krankenpflege, der häuslichen Dienste rc. dem Andrange nicht mehr genügen, teilweise auch in ihrer heutigen Gestalt eine volle Befriedigung nicht gewähren, können. So sucht man denn mit Fug und Recht neue Berufe zu erschließen, alte Schranken und Beschränkungen hinwegzuräumen, und so sehen wir die Frau siegreich in alle Berufe eindringen. Bevor wir nun zum Schlüsse kommen, noch eine Unterfrage: Wir haben bereits darauf hingewiesen, welch tätigen Anteil die jüdische Frau an all dem Treiben und Blühen nimmt. Wir dürfen mit Stolz konstatieren, daß weit über ihre numerische Bedeutung hinaus die jüdischen Frauen ein opferwilliges und herzensfreudiges Fähnlein des Frauenheeres darstellen, kein Sonderfähnlein glücklicherweise, und daß sie ebenso bereit sind, sich für alles einzusetzen, was Frauen-, und darüber hinaus, was Menschheitsfache ist, wie sie, wenn es not tut, jede Last und Mühe der Erwerbsarbeit auf sich nehmen. Jüdische Frauennamen ertönen,, wenn die Besten der Nation aufgezählt werden, und auf dem Gebiet der Krankenpflege und Erziehung wie jeder geistigen oder sonstigen gemeinnützigen Tätigkeit können sie mit Ehren bestehen. Und mit Ehren wird da auch manche Frau genannt, die in schwerer Zeit;ba§ Steuer des Familienschiffes in eine starke und nimmermüde Hand nahm und es durch Klippe und Riff, durch Wetter und Sturm in den sichern Hafen des Gelingens, der Zufriedenheit und des Wohlstandes führte. Wie aber kommt es, so müssen wir fragen, daß man dieselbe Tätigkeit, die man schätzt und lobpreist, sobald sie etwa die Not der Witwe mit unversorgten Kindern oder der Frau des erwerbsunfähigen oder sonst untauglichen Mannes aufzwingt, mißachtet und ablehnt, wenn sie sich in Form der Berufswahl der Töchter vor Augen stellt? Warum schreckt man in so vielen jüdischen Familien davor zurück, die Töchter beruflich ausbilden zu lassen? Dw Antworten auf diese Frage sind recht betrübend, stellen sie doch der Einsicht vieler Eltern ein schlechtes Zeugnis aus. Da ist einmal die Furcht, der Kredit des Mannes könne notleiden, wenn man die Töchter Geld verdienen sieht. Da ist die noch schlimmere Furcht, die Heiratsaussichten der Töchter könnten sich dadurch verschlechtern. Das sind Auffassungen, die auch sonst noch die wunderlichsten Blüten treiben. So wird die jüdische Hausfrau, und wäre sie noch so fleißig, gröbere Hausarbeiten nur insgeheim betreiben. Sie wird sich Hüten, ihre Treppe selbst zu kehren oder aufzuwaschen, Fenster zu putzen oder ihren Kinderwagen selbst auszufahren. Tut sie das aus Bequemlichkeit? Manchmal ja. Recht häufig ist aber auch die Furcht, für weniger wohlhabend gehalten zu werden, die Angst, es könne einer auf die Vermutung kommen, sie wäre nicht imstande, eine Hilfskraft zu bezahlen. Und so bei den Töchtern, dieweil doch nichts törichter sein kann, als solche Furcht. Gewiß, es mag Laffen geben, die ein Mädchen darum nicht heiraten,^ weil „es ins Geschäft geht". Der junge Mann aber, den es lohnt, sich zum Schwiegersohn zu wünschen, wird sich freuen, wenn er eine Frau bekommen kann, die im Leben ebenso zu Hause ist, wie in Salon und Küche, da eine gute Erziehung das eine tun, aber darum keineswegs das andere lassen wird. Der verständige junge Mann wird lieber eine beruflich und hauswirtschaftlich vorgebildete tüchtige Frau nehmen, als ein Zierpüppchen, das bestenfalls etwas konversieren und feine Stickereien anfertigen kann. Wir haben gehört, daß der Mann oft auf die Ehe verzichtet, weil er fürchtet, den übertriebenen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können. Wie anders . wäre das, wenn er hoffen dürste, in der Frau eine anspruchslose, auch in der Not des Lebens zuverlässige Gefährtin zu.finden! So liegt in der richtigen Würdigung der Berufsfrage zugleich ein gut Stück planmäßiger und vernünftiger Erziehung, das besonders wir Juden uns zu eigen machen sollten, da gerade wir, wenn wir anerkannt und geachtet sein wollen, danach trachten müssen, nicht ebensoviel, sondern mehr zu leisten, als unsere Mitbürger. „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muß." Dehnen wir diesen Imperativ auch auf unsere Töchter aus. Daß der Knabe irgend einen Beruf ergreift, ist selbstverständlich. Vom Mädchen erwartet man, daß es sich im Hause umtue und dann heirate. Wir sahen, daß das leichter gesagt als . getan ist, und weiter, daß die hauswirtschaftliche Arbeit das Leben des Mädchens nicht mehr ausfüllen kann. Hält man nun trotzdem an dieser Art Lebensführung als der für die Mädchen aus guter Familie allein zulässigen fest, so verdannnt man, nicht mit Vorbedacht, wohl aber in sträflicher Gedankenlosigkeit, die Töchter zu einem zwecklosen und unnützen Leben, dem als einzige Erlösung der Ehehafen winkt. Und darum der tolle Sturm auf die Ehe, die unbegreifliche und widrige Jagd auf den Erstbesten. Mit diesem. Verdammungsurteil soll die Ehe an sich nicht angetastet werden. Ist die Ehe das, was sie sein sollte, der auf gegenseitiger Hochachtung und inniger Liebe beruhende Lebensbund, dann ist sie zugleich des Lebens höchste und schönste Erfüllung und den Werten, die das Weib als Gattin und Mutter der Menschheit zu geben hat, ist nichts anderes gleichzusetzen. Aber nicht die Furcht vor einem verkümmerten, zwecklosen Dasein oder die Sorge ums liebe Brot sollte das Mädchen zur Ehe bestimmen, sondern die Erkenntnis, daß das Opfer ihrer beruflichen Selbständigkeit reichlich ausgewogen wird durch das innere Glück, das ihr zufällt, durch den großen und schönen Wirkungskreis, den die Ehe mit ihren Rechten und Wichten dem rechtgearteten Weibe eröffnet. Es ist unsere heilige Pflicht, unsere Töchter so zu erziehen, daß sie die ganze Größe und Fülle dieser wie jeder anderen Lebensaufgabe erfassen lernen. Und wahrlich, nicht der schlechteste Teil der Vorbereitung auf eine wahre Ehe dürfte der sein, der sie den Eheschacher verachten und die