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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-05 · Heft 32 (5.8.1904) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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37* Gruppen 4^—0 der Berufsstatistik, das ist in Landwirtschaft, Industrie und Handel kommen im allgemeinen auf 28,94 Prozent Selbständige 3,29 Prozent Angestellte und 67,77 Prozent Arbeiter. Bei den Juden dagegen gehörten 57,61 Prozent, also fast a/3 aller Erwerbstätigen der 'Klasse der Selbständigen an. Daraus erhellt deutlich, daß die Juden eine nach Selbstständigkeit ringende, vorwärts strebende Gruppe der Bevölkerung sind, ebenso wie für ihren bildungsdurstigen und höherstrebenden Sinn der Umstand Zeugnis ablegt, daß sie in verhältnismäßig so großer Zahl an den liberalen Berufen beteiligt sind. Auch ist uns allen wohl bekannt, daß selbst der ärmste Jude weder Opfer noch Mühe scheut, um seinen Kindern eine bessere Bildung zu geben, ihnen den Zugang zu höheren Lebensstellungen zu eröffnen. Und von gleichem Streben sehen wir selbst jene beseelt, die als arme, unwissende Geschöpfe aus dem Osten herpilgern. So besteht-beispielsweise in Frankfurt a. M. ein Mädchenktub, dessen Mitglieder, zu einem großen Teil Ealizierinnen, nach der harten Berufsarbeit des Tages sich 'mit Ernst und Eifer dem Studium der deutschen und fremder ^Sprachen hingeben und auf alle Weise sich Kenntnisse und Lebenswerte anzueignen suchen. So fühlen und sehen wir denn überall beim weiblichen Geschlecht ein starkes Verlangen nach Betätigung, eine große Sehnsucht nach freier und selbständiger Lebensführung und dementsprechend ein weit ausgreifendes Anwachsen der weiblichen Berufs- und Erwerbstätigkeit. Das ist eine Tatsache, an der auch die nicht rütteln können, die immer wieder oder immer noch das alte Lied singen, daß die Frau ins Haus gehöre. Nicht daß diese Biedermänner gegen Frauenarbeit an sich etwas einzuwenden hätten! Seelenruhig sehen sie es mit an, wenn die Heimarbeiterin sich von früh bis spät abrackert, um ein paar armselige Pfennige zu verdienen, wenn beim Bauhandwerk, in den Ziegeleien, auf dem Felde, der Frau die schwersten und ungeziemendsten Arbeiten zugemutet werden. Auch wird sich der Philister von echtem Schrot und Korn nicht groß aufregen, wenn er erfährt, daß 1895 etwa 85 000 Mädchen unter 14 Jahren und 122 000 Greisinnen über 70 Jahre als erwerbstätig ermittelt wurden. Wenn dagegen das Weib sich beifällen lassen will, in geistigen Wettbewerb mit dem Manne zu treten, ihm in den höheren Regionen den vielbegehrten Platz an der Sonne streitig zu machen, dann ist die vaterländische Gesittung in Gefahr, von der Zerstörung der Familie, der Vernichtung der .echten Weiblichkeit und Anmut gar nicht zu reden. Darnnl ist hier der Ort, einmal den Gründen nachzugehen, aus denen die sich ständig steigernde Erwerbstütigkeit der Frauen und all die ethischen Neuforderungen und Bestrebungen hecvorgehen, die das moderne Frauentum kennzeichnen. Nun ist ein Teil der Gründe so bekannt und so oft schon gewürdigt, daß es genügt, zusammenfassend darauf hinzuweisen: Die Maschine begann ihren Siegeszug durch die Welt. Ein Arbeitsgebiet nach dem anderen wurde und wird der hauswirtschaftlichen Tätigkeit entzogen. Es wäre heute eine durch nichts zu rechtfertigende Zeit- und Geldverschwendung, wollte man sich z. B. seine Seife oder feine Lichte selbst bereiten. Ja selbst die Hauswäscherei und Näherei, das Einkochen von Früchten und Gemüsen charakterisiert sich je länger je mehr als unnützer Zeit- und Geldaufwand, da die mit den besten maschinellen Einrichtungen arbeitenden Großbetriebe alle diese Dinge weit besser und auch — billiger besorgen und Herstellen, als man dies im einzelnen Hausbetrieb könnte. Die Konditorwaren beziehen die meisten auch bereits von auswärts, kaum daß noch da und dort die Festkuchen daheim bereitet und dann vom Bäcker gebacken werden. Auch bürgert sich allerorts mehr und mehr die Sitte ein, bei größeren Festlichkeiten einem geschickten Traiteur die ganze Veranstaltung einschließlich des Blumenschmucks der Tische 4C. zu übertragen. So wird das Gebiet hauswirtschastlicher Tätigkeit ein immer enger umgrenztes, und so wird eine Fülle von Arbeitskraft freigesetzt, die früher im Nähmen des Hauses Verwendung fand. Die will sich nun 'draußen betätigen. Sie will und sie muß. Denn was der Haushalt früher än eigenem Produkt hervorbrachte, das muß er nun von draußen hereinnehmen, er muß es kaufen. Besser, billiger wohl, als er selbst es zu erzeugen vermöchte, aber immerhin Nur gegen Geld. Dabei sind die Bedürfnisse, die Kulturansprüche mannigfachster Art ungemein gestiegen. Wir stellen ganz andere Ansprüche an Geräumigkeit und behagliche Ausstattung der Wohnungen als unsere Altvorderen. Äftr verlangen Kanalisation und Wasserleitung, elektrische Lichtanlagen, möglichst Zentralheizung u. drgl. m. i Wie soll das alles beschafft werden? Wir dürfen billig von denen absehen, die durch ererbten Besitz gesichert sind. Es sind ihrer nicht allzuviele, und ihnen gegenüber stehen die Massen jener, die ausschließlich aus den Ertrag ihrer Arbeitskraft angewiesen sind, gleichviel ob diese Arbeit mit der Hand öder mit dem Kopf geleistet wird. Unter solchen Umständen reicht gar bald die Arbeitskraft des Familienoberhauptes zur Erhaltung der Familie nicht mehr aus. Was liegt da näher als die freie Arbeitskraft der Söhne und Töchter, und 'schließlich auch der Ehefrauen zum Miterwerb heranzuziehen? Die Entwicklung ist denn auch tatsächlich längst die Wege gegangen, denen unsre theoretische Erwägung nun nachhinkt. Die Zahl der erwerbstätigen Ehefrauen ist von 700 000 im Jahre' 1882 auf 1 050 000 im Jahre 1895, also um volle 50 Prozent gewachsen. Und dabei sind, wie ganz besonders zu betonen ist, alle die nicht mitgerechnet, die im Geschäft des Mannes dauernd oder vorübergehend mithelfen, aber bei der Berufszählung nicht als Gewerbetreibende gemeldet wurden. Ihre Zahl ist bekanntlich nicht klein. So haben wir die Einengung des hauswirtschaftlichen 'Arbeitsgebietes auf der einen Seite, auf der anderen aber das „Muß" als Ursachen der gesteigerten weiblichen Erwerbstätigkeit kennen gelernt. Aber es gibt deren noch andere, die zum - Teil sehr materiell begründet, zu einem anderen Teil idealer Natur sind. Da ist vor allem eines: Die Ehemöglichkeit verringert sich von Jahr zu Jahr. Obwohl nämlich das Geburtenverhältnis ein solches ist, daß auf 106 Knäbennur 100 Mädchengeburten kommen, tritt im Laufe der Jahre, infolge der größeren Knabensterblichkeit das entgegengesetzte Verhältnis ein. Mit 15 Jahren stehen die Geschlechter schon - an Zahl einander gleich. Von da ab beginnt ein langsames U eberwiegen des weiblichen Geschlechts, so daß im ganzen der - Bevölkerung 1895 bei 25 409161 Männlichen, 26 361 123 Weibliche gezählt wurden, was einem Frauenplus von nahezu. 1 Million gleichkommt. Nach verläßlichen Untersuchungen (sie hier zu wiederholen, würde zu weit führen) bedeutet das, daß rund eine halbe Million Mädchen überhaupt nicht zur Ehe - gelangen können und dies selbst dann nicht, wenn alle ehe- - mündigen Männer heirateten- Aber das tun die bekanntlich nicht einmal. Teilweise aus Bequemlichkeit, teilweise aus Furcht, bei den so sehr gewachsenen Lebensansprüchen eine Familie nicht erhalten zu können, verzichten viele Männer auf ' die Eheschließung überhaupt, jedenfalls aber auf eine frühzeitige Eheschließung. Und dies trifft ganz besonders für die mittelbürgerlichen Gesellschaftsschichten zu, so daß es zunächst unklug " wäre, wollten die dieser Klasse angehörenden Mädchen sich allzufest darauf verlassen, daß sie einen Mann bekommen. Das

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