Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wort Und Tat den schier erlöschenden Funken zur neuen, Hellen Flamme entfachte; er hat keinen verzehrenden Brand gestiftet, aber das milde Feuer, das er entzündete, es hat dem Judentume frischen Lebensodem eingehaucht, und dies bleibt fein Verdienst, an dem nicht zu mäkeln uud nicht zu deuteln ist. Herzl war Jude und dabei ein ganz moderner Mensch. Wir Juden sind ja das Volk der Vergangenheit; es gibt keines, das so wie das unsrige immer auf feine Geschichte Hinweisen könnte und auch hinweist. Aber in der Vergangenheit allein lebt ein Volk nicht, und wäre es das größte. Eine Gemeinschaft, will sie, bestehen, bedarf einer Gegenwart und auch einer Zukunft. Es gibt wenige Juden, die dies so richtig erkannt und danach gehandelt haben wie Herzl. ' Glaubt man wirklich das Judentum aufrecht erhalten zu können, wenn man meint,' es decke sich sein Inhalt ganz mit alten und veralteten Gebräuchen? Oder meint man wieder andererseits, das Judentum sei gerettet, wenn man in schlecht verstandener Nachahmung fremder Bräuche dem alten Judentum ein neues, fadenscheiniges Mäntelchen umwirft? Mit anderen Worten: Ist wirklich der „religiöse Brauch" allein das Erhaltende im Judentum? Man antwortet mir darauf, das Judentum verkörpert die höchste sittliche Idee. Wir sind die letzten, die dies leugnen, oder dieser Behauptung widersprechen. Aber wir müssen doch zugeben, daß auch andere Konfessionen es sich nicht werden nehmen lassen, die höchsten ethischen Ideen zu verkünden. Dies alles erwägend, müssen wir.es als Verdienst Herzl anerkennen, daß er den Pulsschlag unserer Zeit fühlend, das nationale Moment besonders betont sehen wollte, daß er in einer Zeit, in der wir von allen Völkern und Parteien bekämpft werden, uns zürief: Helft euch selbst, und Gott wird euch helfen. Ob die Mittel, die er zur Heilung unserer Erkrankungen anwenden wollte, die richtigen seien, dies wollen wir hier nicht erörtern; es würde uns auch zu weit sühren. Wir denken aber, es ist bei einer Krankheit auch schon viel gewonnen, wenn der vernünftige Arzt erkennt, wie diese entstanden, welcher Art sie ist, und wie man sie bekämpfen kann. Und da hat sich Herzl als der denkende Heilkünstler gezeigte Er hat wohl eingesehen, was uns fehlt, er hat erkannt, daß es uns an Tatkraft mangelt, daß man mit dem Bekämpfen des Antisemitismus allein heute nicht auskomme, und es ein Selbstmord wäre, wenn wir nach dem Gesetze der Trägheit in den alten, ausgetretenen Bahnen weiter trotteten, da ja doch nicht alles schon aus dem Grunde gut ist, weil an ihm der Rost vergangener Zeiten haftet, er hat uns neue Bahnen gezeigt, hat uns auf die Gegenwart hingewiesen und der Zukunft nie verzweifelt. . Schon zur Zeit Ezechiels sagten viele in Israel: „Vernichtet ist unsere Hoffnung," und siehe, das Judentum besteht heute noch, fast 3000 Jahre nach Ezechiel. Und so wie damals spricht auch heute der Pessimismus unter uns, aber zu den Anhängern dieser Richtung hat Herzl nie gehört; in seinem Geiste und Herzen erlosch die Hoffnung auf eine starke Wiederaufrichtung Judas niemals. Solcher starken Optimisten bedürfen, wir in unfern Tagen. Freilich es wird viel auf den Kanzeln von der Zukunft des Judentums gepredigt, aber die guten Tage kommen nicht von selbst, man muß sie auch herbeiführen. Im Geiste Herzls wirken heißt nun, dem Judentum neue Wege bahnen. Eine Riesenarbeit, eine Heraktestat, aber doch eine solche, die sich vollsühren läßt. Es denke, dabei niemand an eine Rückkehr nach Zion. Dies war auch nicht der einzige Gedanke, der Herzl ganz erfüllte. Was er wollte, bestand darin, die Juden zur Arbeit zu erziehen. Man hat sich an uns schwer versündigt, indem man uns nur auf bestimmte Wege und Richtungen hindrängte. Geschäft und geistiges Proletariertum sind die Gebiete, die man so gern den Juden anweist. Wir müssen zeigen, daß auch der Jude ein Recht aus andere Arbeit hat. Es wird freilich noch lange dauern, ehe die Sünden und Fehler alter Zeiten durch eine Regeneration des Judentums im modernen Sinne werden verwischt werden. Aber zweifeln daran dürfen wir nicht, daß es geschieht, und jeder das unsrige dazu beitragen, daß es bald geschieht, müssen wir auch. „Lernen und Arbeiten", dies ist der Inhalt des modernen Judentums, und dies hatte auch Herzl im Sinne, als er sein Volk auf die Bebauung des mütterlichen Bodens hinwies. Nur durch Arbeit werden die schweren Krankheiten geheilt werden, die dem Körper des Judentums anhaften. Dies war Herzls Idee. Beten ist gewiß der Ausdruck frommer Gesinnung, aber Arbeiten der frischer, .jugendlicher Tatkraft. Wir können es nicht glauben, daß mit Herzls Tode auch seine Idee tot sei. Nur vor einem möchten wir warnen:. Man höre nicht aus die Worte derjenigen, die da laut hinausschreien in das Getöse d.es Tages, sie verfolgen die Ziele des edlen, verewigten Mannes, während sie nur ihre eigenen, nicht sehr reinen Vorteile im Auge haben. Andererseits wieder mögen Herzls Rufe nicht verhallen, seine Taten die ewigen Bausteine sein für die Neuausrichtung des schadhaft gewordenen Hauses. Jwri. Die Milche JFrau im Erwerbsleben. Von Henriette Fürth. II. ir haben gesehen, daß auch in den Niederungen der Arbeit Juden in beträchtlicher Anzahl zu finden sind und wollen nun, bevor wir zur allgemeinen Würdigung unseres Gegenstandes kommen, einige Zahlen nachtragen. In der Landwirtschaft wurden 2163 männliche bei 1208 weiblichen Berusstätigen gezählt, die Industrie wies 1895 35 630 männliche und 10 363 weibliche Juden auf, der Handel 114 328 männliche und 19 123 weibliche, als Lohnarbeiter wechselnder Art finden wir 207 Männer und 682 Frauen. Dagegen gehören 12 888 Männer und 1753 Frauen den liberalen Berufen an, während bei den häuslichen Diensten das Verhältnis gerade umgekehrt ist und auf 6298 weibliche Bedienstete nur 73 männliche kommen. Die geringe Zahl von Frauen im liberalen Beruf erklärt sich unschwer dadurch, daß die Freigebung des Universitätsstudiums in Deutschland, soweit überhaupt vorhanden, noch jungen Datums ist. Eine erneute Berufszählung, die vielleicht in Bälde zu erwarten ist, dürste hier ein wesentlich verschiedenes Resultat ergeben. Auch ist ferner zu berücksichtigen, daß einer der liberalen Berufe, denen sich Frauen von jeher mit Vorliebe zugewandt haben, der Lehrberuf,. für jüdische Mädchen mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft ist. Man erinnere sich nur der Vorgänge an Berliner Volksschulen und der Tatsache, daß in einer Zeit, die an chronischem Lehrermangel leidet, die jüdischen Lehrerinnen vergeblich auf etatmäßige Anstellung warten und selbst im Zentrum der Simültanschulen erst dann zur Aushilfe herangezogen werden, wenn keine, aber auch gar keine Möglichkeit vorliegt, eine christliche Lehrkraft zu bekommen. Doch: trotz alledem! Derartige Widerstände und Zurücksetzungen haben unser Volk niemals vom Vorwärtsstreben und Vorwärtsschreiten zurückhalten können. Das beweisen die glorreichen Namen in Kunst und Wissenschaft, das beweisen für die Massen die nüchternen Zahlen der Statistik. In den