Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
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KW 376 besteht. Ein Kampf zweier im Innern grundverschiedener Nationalitäten, bei welchem jeder der in Betracht kommenden Faktoren nach bestimmten Prinzipien vorgeht resp. Vorgehen muß. Generell stehen sich nach ihm Deutsche und Polen gegenüber, die Gruppe der national gefestigten, durch keinerlei politische Bedenken auseinander zu bringenden Polen und die viel weniger geeinte, politisch gespaltene Gruppe der Deutschen. Herr Wendorff detailliert uns nun seinen Nationalitätsbegriff, und er kommt zu dem Schluß, daß 1. Abstammung und Blut, 2. Sprache, 3. Religion, 4. Sitten und Gebräuche, 5. Staatsangehörigkeit, 6. der freie Wille, vermögen das Nationalgefühl zu erhalten. Nach ihm sind die Juden unbedingt zu den Deutschen zu rechnen. Die Theorie ist nicht neu und sie ist ja auch allseitig anerkannt, aber es berührt uns danach doch eigenartig, daß derselbe Herr Wendorff nur von den deutschen'Juden Posens spricht. Sind die Juden also ein integrierender Bestandteil des Deutschtums, so ergibt sich daraus (auch für Herrn Wendorff), daß ihre Verminderung einen Rückgang des deutschen Elementes bedeutet. Vor Herrn Wendorff beliebten die diesem nahestehenden politischen Drahtzieher mit der Mär zu operieren, daß die Juden so wenig deutsch gesonnen seien, „daß sie aus Posen gingen, sobald sie - die Taschen genügend voll hätten." Heute wagen selbst die um Pückler nicht mehr solche Schauergeschichten zu verbreiten. Heute erkennt der konservative Landesökonomierat auch an, daß die Juden ihren Platz oftmals erst durch die zwingendste Notwendigkeit verlassen. Sehen wir unter diesem Gesichtspunkte die von Herrn Wendorff veröffentlichten Zahlen an, so ergibt sich daraus eine furchtbare Anklage gegen die.Ostmarkenpolitik. Im Jahre 1849 waren unter 1000 Einwohnern der Provinz 57 Juden, die Zähl fiel 1871 aus 39, 1900 aus 19. Wäre die Statistik genauer, so hätte man unschwer die Wahrnehmung machen können, daß jede Rettungsaktion für das Deutschtum unweigerlich zu der Zurückdrängung der Juden führte. Einen Beweis dafür liefert die Tatsache, daß in dem Regierungsbezirk Posen, wo entschieden mehr „gerettet" wird, der Rückgang ein stärkerer als in Bromberg war. Erklärungen für diese Wunderlichkeiten sind von mir schon oft genug an dieser Stelle gegeben worden. Herr Wendorff begnügt sich mit der Feststellung, „daß diese ungünstige Entwicklung (Verdrängung der Juden durch die Polen) wohl weniger eine Wirkung der geringeren Tüchtigkeit (der Juden) als eine Wirkung der „Jrnponderabilien" sei." Es ist schade, sehr schade, daß wir nichts näheres über die Ursache dieser Imponderabilien erfahren, denn es genügt nicht, zu wissen, daß der „kosmopolitische Deutsche, namentlich der neu hinzuziehende Beamte den nationalen Unterschied (nach der jüdischen Seite) nicht macht, weil er sich von dem zuvorsommenden, dienstbeflissenen Wesen des Polen bestechen läßt." Es genügt auch nicht zu wissen, „daß die Auswüchse des sonst so empfehlenswerten Genossenschaftswesens bisweilen die altangesessenen deutschen und jüdischen Gewerbe erschweren." In dieses Gebiet gehört noch vieles, sehr vieles, Mandarinentum und Geschäftsneid, Hurrahpatriotismus und Denunziantentum, Hervorkehrung von Aeußerlichkeiten und Profitwut. Das Register ließe sich bis ins Unendliche vermehren. Aber wir haben von Wendorff doch die neuerliche Bestätigung, „daß die Juden den Deutschen zuzurechnen seien." Es ist bezeichnend für die Zustände im Osten, daß alles und afle nach Unterstützung rufen. Ein Kampf spielt sich dort ab und die Regierung gewährt deshalb manches, was anderwärts nicht gewährt werden dürfte. Alles soll anders werdenalles, alles — nur die Imponderabilien bleiben bestehen. Die Imponderabilien, die Herr Wendorff nicht zu charakterisieren wagt und die sich, aber doch gegen eine Gruppe von Einwohnern richten, „die — um mit Wendorff zu reden — den Deutschen zuzurechnen sind." Herr Wendorff schließt mit einem warmen Appell, „die Parteiungen auflösen zu lassen, auf daß die große Einigkeit endlich einmal Platz greife." Herr Wendorff soll es sich nur gesagt - sein lassen, daß politische Einigungen sich dann nur wirksam inszenieren lassen, wenn auch mit gleichem Maß gemessen wird — politisch und wirtschaftlich. xd. löriek aus Velterreich. Juli 1904. ir stehen unter dem Eindruck des Todes Theodor Herzls. An einer Bahre, und insonderheit an den Bahre eines solchen Mannes, schweigen alle kleinlichen Kämpfe, die das Leben der Menschen verbittern, verstummen Neid, Haß, Mißgunst, Eifersüchtelei und Verkleinerungssucht. Wir betrauern aufrichtig den Tod dieses Mannes, der nur allzufrüh dem Judentum entrissen, wurde. Dem Judentum sagen wir, und nicht einer bestimmten politischen Richtung im Judentum, d?r er den Namen und ihre wahre Bedeutung gegeben. Was Herzt aus der Welt der Gedanken in die der Tat übertrug, das lebt ja zu allen Zeiten in dem Herzen eines jeden wahren Juden, und mit dieser Idee wird das Judentum fortleben. Eine Gemeinschaft, die sich selbst ausgibt, wird gewiß zu den verlorenen gerechnet werden müssen; Ermattung und Erschlaffung des Gedankens an die Zukunft bedeutet für sie Selbstentmannung, und aus dieser Erschlaffung hat Herzl Israel emporgerüttelt, und das ist das unvergängliche Denkmal,, das er sich selbst errichtet. Man mag über Herzl denken , wie man will, das wird ihm jedermann ins Grab Nachrufen müssen: er hat in uneigennützigster Weise für sein Volk gekämpft, er gehört zu den Großen, die für eine Idee mit der ganzen Wucht ihrer Persönlichkeit eintraten; er war ein wahrer Aristokrat des Geistes, man fühlte, um mit Nietzsche zu sprechen, wenn man sich ihm näherte, das „Pathos der Distanz", das wahrhaft gewichtige Männer rings um sich verbreiten. Er hat auch das Geschick der Großen gehabt, er wurde wenig verstanden und vielfach verkannt. Aber eines muß doch von diesem Glücklichen gesagt werden: Er wurde wohl von niemand an gefeindet. Gehässigkeit wagte sich an ihn nicht'heran. Jeder fühlte es, hier sei uns ein Mann erstanden, der alle persönlichen Vorteile hintansetzte, nur um seinem Volke zu dienen. Er ist frühzeitig gestorben, und es'mag. der Gedanke ein verlockender sein, es habe ihm das Bewußtsein das edle Herz, gebrochen, daß er seine gewaltige Idee nicht zur Ausführung.) bringen werde; was er aber in seinem kurzen Leben geleistet, es genügt, ihm die Unsterblichkeit zu sichern. Herzl hat dem^ Zeitbewußtsein einen neuen Inhalt gegeben, wenn auch die- Ideen, die er erweckte, zum eisernen Bestände des Judentums zu allen Zeiten gehörten. Die Führer des Judentums, oder diejenigen, die es sein sollten, haben sich an diesem arg versündigt. Sie überhörten den Flügelschlag neuer Zeiten, .Ae merkten es nicht, oder wollten es, sei es aus Trägheit, seines aus Indolenz, nicht merken, wie die Zeit mit eisernem Tritte über unser Judentum wegzuschreiten begann. Wütende Bekämpfung von anßen, Kleinlichkeit und Fäulnis im Innern drohten dem erschlafften Körper des Judentmns Verderben und Untergang zu bereiten: da war es Herzl, der durch Schrift,