Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
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über die Revision entschieden werden wird. Wenn die Revision ausgesprochen und eine neuerliche.Verhandlung vor einem anderen Kriegsgericht angeordnet werden sollte, dann wird die Kriegsgerichtsverhandlung nicht vor Ende des Jahres stattfinden, in jedem Fall wird der Sommer keine Entscheidung in der Revisionsfrage bringen." & In Rumänien sieht man infolge der äußersten Dürre wieder einer schlechten Jahresernte entgegen, was die bereits so mißliche Lage der Juden nur noch verschlimmern und eine Auswanderung Hervorrufen würde, wie man sie im Jahre 1899 erlebte. Uebrigens werden die gegen die rumänischen Juden getroffenen Ausnahmemaßregeln nicht wenig dazu beitragen, dieselben zur Auswanderung zu bewegen. Die Negierung steht den inländischen Juden nämlich immer noch feindlich gegenüber. So belief sich z. B. die Gesamtzahl der ihnen im Laufe der Session gewährten Naturalisationen auf 19. Außerdem lasten auf den Juden unzählige Ausnahmemaßregeln. Neulich teilte der Minister der Domänen den Handelskammern mit, daß Reifende, welche bei Privatleuten Offerten machen, als Hausierer zu betrachten sind und als solche vor Gericht geladen werden sollen. Durch diese Verfügung werden ganz besonders die jüdischen Kleinhändler getroffen. Die Handelskammer von Braila, die sich über eine Gesetzvorlage betreffs Förderung der Nationalindustrie auszusprechen hatte, schlug folgende Umgestaltung des Artikel 7 vor: Geschäftsreisende oder Vertreter einer Firma müssen ausschließlich Rumanier oder Naturalisierte sein und vorzugsweise unter ehemaligen Schülern aus den Gewerbeschulen gewählt werden. ' Ferner wird mitgeteilt, daß infolge der schrecklichen Armut der Eltern, welche die auf den Fremden lastende Schulsteuer zu entrichten außer Stande sind, die Kinder zu Tausenden darauf verzichten müssen, das Zeugnis der 4 Elementarklassen zu erlangen. Mancher Schüler muß nämlich 40 Francs Schultaxe zahlen; die weniger Begünstigten haben nur die Hälfte zu zahlen. Nun hat aber eine solche Maßnahme äußerst schwere Folgen, da keiner in Rumänien ein Handwerk üben kann, der nicht die vier Elementarklassen absolviert hat. Dieser Sachlage einigermaßen vorzubeugen, sandte das Zentralkomitee der Alliance Jsraelite Universelle Gelder zur Entrichtung der Schultaxe für eine beträchtliche Anzahl Kinder. $ Eine der letzten Regierungsmaßnahmen des russischen Ministers v. Plehwe war, wie aus Petersburg gemeldet wird, folgende: Die russische Negierung, welche mit Anleiheabsichten umgeht, empfindet nun offenbar die russenseindliche Stimmung, die in Amerika seit Kischenew herrscht, als eine große Störung. Auch hier in Berlin haben sich übrigens die russischen Funktionäre, die zu den Handelsvertragsverhandlungen hierher gekommen waren, mehrfach dahin geäußert, daß die russische Regierung durchaus nicht antisemitisch sei, und daß sogar Juden als Beamte funktionieren. Um nun auch die Amerikaner davon zu überzeugen, daß die russische Regierung trotz der Metzeleien von Kischenew durchaus nicht antisemitisch ist, hat Herr v. Plehwe angeordnet, daß sich ein jüdischer russischer Beamter, ein Herr Wilenko, demnächst nach den Vereinigten Staaten begeben soll, um die Amerikaner davon zu überzeugen, wie gut es den Juden in Rußland geht. Die Amerikaner werden dem Herrn aber nicht auf den Leim gehen. Als provisorischer Stellvertreter Plehwes hat der bekannte Geheimrat Durnowo die Leitung des russischen Ministeriums des Innern übernommen. Durnowo, ein Bruder des ehemaligen russischen Ministers des Innern und des Präsidenten des Ministerkomitees, welcher im Vorjahre ans seiner Reisenach Berlin im Eisenbahnzuge einem Schlaganfalle erlag, war bisher der erste Gehilfe, des ermordeten Ministers v. Plehwe. Seinen politischen Anschauungen nach ist er streng konservativ. Er stand in den letzten Jahren Plehwe sehr nahe und teilte seine politischen Anschauungen vollkommen. Es dürste sich aber hier nur um die provisorische Uebernahme der Leitung des Ministeriums handeln; die Ernennung Durnowos zum Nachfolger des ermordeten Ministers dürste .kaum erfolgen, weil Durnowo eine zu pronozierte politische Gestalt ist, welche die Traditionen Plehwes verkörpert. Unter den gegenwärtigen russischen Staatsmännern gibt es nur einen, der fähig wäre, die Erbschaft anzutreten, um Rußland seinen gegenwärtigen Wirren zu entreißen. Dieser Staatsmann ist Witte. Auch in Rußland wird das Attentat allgemein verurteilt, aber nicht wenige Stimmen werden laut, welche das furchtbare Schicksal des Ministers als selbstverschuldet bezeichnen, und _ selbst konservative Blätter halten es für dringend, notwendig, daß in Rußland für Gerechtigkeit und Freiheit endlich, eine Bahn geschaffen werde. & Die beiden großen politischen Parteien Amerikas haben ihre Kandidaten für die im November dieses Jahres stattfindenden Präsidentenwahlen nominiert. Beide Parteien haben in ihren Programmen die unbedingte Zulassung amerikanischer Juden in Rußland gefordert, ohne die Sache selbst zu nennen, indem sie sich nur auf das Prinzip beschränken. Das Programm der Republikaner, deren Wählerversammlung am 22. v. M. in Chicago stattgefunden hat, haben wir bereits mitgeteilt. Die demokratische Partei, deren Konvent am 10. v. M. in St. Louis abgehalten wurde, ist noch entschiedener. In ihrem Programm heißt es: „Wir verbürgen uns, auf billigem gesetzlichen Schutz aller unserer Mitbürger, sowohl itnsJnlande als im Auslande zu bestehen, und alle Maßregeln zu ergreifen, welche ihnen, seien sie eingeboren oder naturalisiert, ohne Unterschied/der Rasse und des Glaubensbekenntnisses den gleichmäßigen Schutz der Gesetze und den Genuß aller Rechte und Privilegien sichern sollen,- die ihnen unter bcu bestehenden Freundschaft- und Handelsverträgen zustehen. Wo unter den bestehenden Verträgen das Recht des Reifens und des Anfenchaltetz''/amerikanischen Bürgern versagt wird, oder wo amerikanischen Pässen in irgend einem Lande wegen Rasse oder wegen Glaubensbekenntnisses Anerkennung versagt ist, befürworten wir das Eintreten in Verhandlungen mit den Regierungen solcher Länder, um durch Vertrag die Abstellung solcher ungerechter Unterscheidungen durchznsetzen. Wir verlangen, daß auf der ganzen Welt der Besitz eines amerikanischen Passes als Zeugnis angesehen werde, daß der Betreffende ein amerikanischer Bürger ist und ihm die gebührende Behandlung zuteil werde." Der Lsmpk um Me Orovin? Dolens Zahl der Flugschriften „über den Kampf um die Provinz Posen" ist wiederum um eine vermehrt worden, die uns in mehrfacher Hinsicht interessieren nmß. Einmal der allgemeinen Tendenz wegen, dann aber auch, weil hier zum erstenmal von dem Verfasser — einem guten Konservativen — die Folgen der sogenannten Hebungspolitik in bezug auf das Fortkommen der Juden geschildert wird. Der Landesökonomierat Wendorff, der Autor der qu. Schrift, stellt sich zunächst auf den Standpunkt, daß um die Provinz Posen ein Kampf zwischen den Polen und den Deutschen