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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-05 · Heft 32 (5.8.1904) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
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374 * Die Gräueltaten von Kischinew wurden von Plehwe be^ - günstigt, wie erst kürzlich in Königsberg wieder festgestellt wurde, viele behaupten sogar, veranlaßt, um die Jugend, welche wegen der unmenschlichen Verfolgung der Juden-sich der revolutionären Bewegung anschloß, in ihren Glaubensgenossen zu strafen. Der dirigierende Senat in Petersburg selbst hat diese aktive Teilnahme v. Plehwes an der Inszenierung der Massen-' morde von Kischenew sestgestellt. In der Verhandlung über' die Beschwerde der Juden von Kischenew gegen den ehemaligen Gouverneur von Bessarabien, General v. Raaben, erklärte der Senat in den Gründen der Zurückweisung der Beschwerde wörtlich r „Der Senat findet sich inkompetent, über die Handlungen zu urteilen, welche der Leiter der inneren Angelegenheiten aus Gründen der Staatsraison beging..." Selbst die scheinbar menschlicheren Verfügungen Plehwes in der letzten Zeit sind zweideutiger Art gewesen. Er verordnete, die Juden in ihren bisherigen Wohnorten im Innern des Reiches bis ans weiteres zu belassen, ein geheimer Erlaß aber verfügte, daß die Belastung der Juden in ihren Wohnorten von dem Gutdünken der Behörde abhünge. Plehwes letzte Tat war noch eine antisemitische Maßregel. Er unterdrückte vier hebräische Zeitungen in Petersburg, wodurch 300 Juden brotlos wurden. Dann verfügte er, daß alle unbeschäftigten Juden aus Petersburg in die Absperrungszone zu schicken seien. Mehrere Deputationen stellten ihm vor, daß die Vertriebenen ihre lebenslänglichen Freundschaften aufgeben und ihren Ruin auf sich nehmen müßten, während 1500 Personen ihrer Familien mit ihnen hungerten. Plehwe blieb unbarmherzig. . . . So war seine ganze Judengesetzgebung. Es widerstrebt uns, in diesem Augenblicke, sie in ihrer vollen Bedeutung zu charakterisieren. Aber die Weltgeschichte wird darüber ihr Urteil sprechen. . Gleichwohl erfüllt es uns mit Genugtuung, daß der Mordanschlag gegen den Minister Plehwe nicht aus den Kreisen etwa hervorgegangen ist, dieer am meisten bedrückt, am heftigsten verfolgt hat. Das Gekläffe der antisemitischen Presse, die gar zu gern eine Mitschuld der Juden konstruieren möchte, wird ja heute von niemanden mehr beachtet. Sie selbst würde wohl heimlich den auslachen, der sie und ihre Reden ernst nähme. Eine düstere Tragik liegt über dem großen Zarenreiche. Zwei feindliche Gewalten ringen dort auf Tod und Leben miteinander, während der Feind in nimmer endender Schlacht dein Riesen immer neue Wunden schlägt. Tausende tapferer jüdischer .Krieger befinden sich in den Reihen des russischen Heeres; nur ein kleiner Teil der jüdischen Jugend kämpft unter der Fahne des Aufruhrs. Wie leicht würde es einem energischen, vorurteilslosen und aufgeklärten Manne werden, auch diesen kleinen Teil der jüdischen Bevölkerung wieder zu treuen und mutigen Söhnen des Vaterlandes zu machen, das solcher jetzt und in Zukunft gar sehr bedarf. Aber wird ein solcher Mann der Nachfolger Plehwes werden? Diese Frage schwebt heute auf aller Lippen. Alle aufrichtigen Freunde Rußlands können nur wünschen, daß Plehwes Nachfolger ihm nicht gleiche, weder im Leben noch im Tode, und daß bald ein Retter konnne diesem Lande und diesem Volke. Die Woche. Berlin, 2. August. „Wer wird der Geprellte sein?" so fragte der berühmte Münchener Nationalökonom Professor Lujo Brentano in der Wochenschrift „Freistatt" angesichts der deutsch-russischen H an d el svertr ag s v e rh an dlu n g e n. Der Verfasser knüpfte' daran Betrachtungen, die - auch für uns sehr lehrreich sind. Bekanntlich sind' die Verhandlungen in der abgelaufenen Woche zu Ende geführt und eine völlige Einigung ist erzielt'worden. Es werden auch übereinstimmend ist der Presse schon die einzelnen Punkte genannt, über die man sich geeinigt hat. Als letzter wird erwähnt, daß Rußland Zusicherungen gemacht habe hinsichtlich „veterinär-polizeilicher Erleichterungen im Grenzverkehr zwischen Rußland und Deutschland". Das ist alles. Von irgend welchen Erleichterungen für die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens in Rußland ist nicht die Rede. Die deutsche Reichsregierung hat ja im Reichstag zugesagt, für bessere Behandlung jüdischer Reisenden in Rußland einzutreten! Jetzt war die Zeit und die Gelegenheit gekommen, das Versprechen einzulösen. „Die sogenannte Kleinarbeit ist glatt erledigt worden", so heißt es in einem offiziösen Bericht über dre Verhandlungen. Ist darunter auch die Frage zu verstehen, von de» jetzt so hartnäckig geschwiegen wird? Nun, wir wollen abwarten. Wir sind ja ans Warten gewöhnt — und selbst eine negative Beantwortung unserer Fragen urrd Beschwerden wird uns kaum eine große Enttäuschung bringen. . * Ein kleines Beispiel für die große Keckheit, mit der von gegnerischer Seite unwahre Nachrichten, die die Juden verdächtigen sollen, in die Welt gesetzt werden, können wir wieder einmal unseren Lesern vorführen. Bekanntlich haben in der vorigen Woche die Bombenfnnde in Triest allgemeines Aufsehen erregt. Ein antisemitisches Blatt in Wien stellte sich alsbald mit der Nachricht ein, daß der „jüdisch-irredentische Turnverein Societa ginnaslica“ die Stätte dieser unheimlichen Funde sei. Die jüdische Presse sei bemüht, „diese Gegenstände als harmlose Feuerwerkskörper hinzustellen". Dem gegenüber wird uns von durchaus unterrichteter Seite aus Triest vom 2.7. v. M. folgendes mitgeteilt: „Es ist eine freche Lüge, die Behauptung aufstellen zu wollen, das; jener Verein jüdisch sei — sämtliche Verhaftete sind katholisch, die Leitung christlich, Beamte und Diener christlich. Der Verein ist allerdings nicht antisemitisch und gehören auch Juden demselben, an. Das' ist alles, was man dem Verein als solchen na'chsageu kann. Aber auch nicht ein einziger Jude ist bisher der Teilnahme an jenem Verbrechen beschuldigt." ' 2 . Zur Revision des Dreyfus-Prozesses macht die „Neue Freie Presse" einige interessante und neue Mitteilungen: - „Die republikanischen Journale beklagen sich, das; die Untersuchung gegen die vier, schwerer Fälschungen beschuldigten Offiziere des alten. Generalstabes unter Einflüssen von dem Militärgouverneur von Paris nahestehenden Personen leide. Insbesondere General Plagnol, welcher in Rennes eine schändliche Rolle im Verein mit dem nationalistischen Deputierten Jules Auffray gespielt, bemüht sich, daß die Untersuchung dem Hauptmann Cassel abgenommen werde. Heute ist Auffrah, der damalige Berater der Generalstabspartei von Rennes, Verteidiger von d'Autriche, und General Plagnol ist Chef des Generalstabs und Vertrauensmann des Gouverneurs von Paris, Generals Dessirier. General Dessirier, wird hervorgehoben, schenke den aus früheren Treibereien bekannten Offizierenseiner Umgebung Gehör, um auch in diesen; .Falle wieder die Wahrheit zu vertuschen! Wie es scheint, wird dies nicht möglich sein, da der die Untersuchung führende Hauptmann Cassel mit aller Energie, vorgeht. Inzwischen sind' die vier Offiziere vorläufig ~ freigelassen worden. Durch den Zwischenfall wird der Abschluß des Revisionsverfahrens des Falles Dreyfus verzögert. Die Untersuchung des Kassationshoses ist noch nicht abgeschlossen und dürste noch zwei Wochen in Anspruch nehmen. Da im August die Gcrichtsserien beginnen, wird der Kassationshof nicht vor Ende Oktober die Sitzung der vereinigten Kammern abhalten können, in welcher

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