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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-08-05 · Heft 32 (5.8.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 32. Berlin, 5. August 1904. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Rbonnementspreis: Durch Buchhandel,. Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Uarpele». Begründet von Rabbiner 2>** Ludwig Philipps»«. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresie: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin» Klkhwe. Berlin, 2. August. 3n furchtbarer Weise ist in Erfüllung gegangen, was der bis vor kurzem allmächtige Mann im Zarenreiche sich gewünscht hat, als er vor zwei Jahren die Nachfolge des ermordeten Minister Sipjagin antrat. Er flehe zu Gott, sagte Herr v. Plehwe damals, daß es ihm beschieden sein möge, dem Beispiel Sipjagins zu folgen. Was bisher an Nachrichten über die Ermordung Plehwes durch eine Sprengbombe am 28. v. M. vorliegt, läßt nicht bezweifeln, daß er wie sein Vorgänger und wie so viele andere vor ihm ein Opfer der revolutionären Partei in Rußland geworden ist, die, zu schwach, um die stumpfen Massen zur Erhebung gegen das herrschende System der Willkür zu bringen, Schrecken zu verbreiten und durch eine fortgesetzte Reihe von Attentaten die Regierenden einzuschüchtern und zur Umkehr zu bewegen sucht. Plehwe war die Verkörperung dieses Systems. Er war durchdrungen von der unglückseligen Lehre Pobedonoszews, daß der Bau des heutigen Rußlands nicht anders zu erhalten sei, als getragen von den beiden traditionellen Säulen der Autokratie und Orthodoxie; er glaubte wohl auch als Patriot zu handeln und eine Pflicht zu erfüllen, wenn er j e d e s Mittel für gut und erlaubt hielt, das geeignet schien, Angriffe aus diese Leiden Grundprinzipien abzuwehren; und unter dieser Voraussetzung entbehrt sein Tod auch nicht jener Tragik, welche jedes Sterben für eine Ueberzeugung umgibt. Aber weder die menschliche Teilnahme für das Opset noch der natürliche Abscheu vor dem niedrigsten aller Verbrechen, dem Meuchelmord, kann darüber täuschen, daß die von einem Fanatiker verübte Tat mehr war als die Ausgeburt eines entarteten Geistes, daß in ihr die Frucht einer bösen Aussaat, ein Teil jener Katastrophe zu erblicken ist, von der vor den Augen der Welt Rußland jetzt heimgesucht wird. Man müßte blind sein, um nicht zu sehen, daß die Kette von Attentaten, welche die neueste Geschichte Rußlands wie ein blutiger Faden durchzieht, keine zufällige Erscheinung ist. Wer es nicht ohnedies wußte, den haben die Nachrichten, die seit Jahren Woche für Woche über die dortigen Verhältnisse gebracht wurden, darüber belehrt, daß sich in ihr ein wilder, von beiden Seiten schonungs- und rücksichtslos geführter Kampf zwischen dem unterdrückten Menschenrecht und der durch keine Verfassung und kein Gesetz beschränkten Willkür der Regierenden vollzieht. Wir müssen von unserm Standpunkte aus nicht erst ausdrücklich betonen, welches unsere Gesinnungen gegenüber dem Mittel des politischen Mordes sind; wem immer gegenüber von diesem Mittel Gebrauch gemacht wird, wir können es nur stets von neuem aufs tiefste beklagen, wenn die Waffe des Mörders Einfluß aus den Gang der Entwicklung gewinnen will. Aber neben dieser generellen Klage wird , gerade in so traurigen und aufregenden Momenten, wie der gegenwärtige, auch die Erinnerung an all die Schilderungen wachgerusen, welche von jeher über die inneren Zustände Rußlands im Umlauf sind, und unter welchen gerade die Juden jenes Landes seit jeher am meisten zu leiden haben. Kein Zweifel, die Ermordung Plehwes ist ein neues Symptom der tiefen Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Zuständen, welche in ganz Rußland herrscht und durch die schweren Mißerfolge auf dem ostasiatischen Kriegsschauplätze naturgemäß noch gesteigert wird. Der so schrecklich aus dem Leben geschiedene Minister hat sehr viel dazu beigetragen, diese Unzufriedenheit zu verstärken. Er verschloß sich hartnäckig allen, auch den bescheidensten und gerechtesten Forderungen, welche auf eine Aenderung des russischen Regierungs- und Verwaltungssystems gerichtet waren. In ihm verkörperte sich das System des Festhaltens an den starren Formen der Autokratie; er schloß jedes Fenster des russischen Staatsgebäudes, damit kein freier Luftzug aus dem Westen hereindränge.. Sein Ideal war die Unterdrückung der Geister, und so lange er im Amte war, duldete er nicht die leiseste Regung, die sich gegen dieses Prinzip auslehnte. Durch mehr als zwei Jahre hat er nach diesem Grundsatz gewaltet, und man darf wohl sagen, daß er einer der meistgehaßten Männer im heutigen Rußland war. Finnen und Polen, Armenier und Juden wurden von ihm unterdrückt, zurückgesetzt, ihrer verbrieften Rechte beraubt. Aber während er die drei erstgenannten Völker nur politisch drangsalierte, hat er die Juden am meisten bedrückt und ihrer menschlichen Rechte beraubt. Seit Jgnatiew war in Rußland kein Minister am Ruder, der so hart und rücksichtslos gegen die Juden vorging, wie Plehwe. Und . genau wie Jgnatiew suchte er jede neue Gewalttat durch irgend eine Phrase zu beschönigen, und wenn es not tat oder wenn die europäische Presse gar zu viel Lärm machte oder wenn eine neue Anleihe in Sicht war, durch irgend eine geringfügige Konzession vergessen zu machen. Einem Toten soll man nur die Wahrheit nachsagen. Deshalb muß es ausdrücklich betont werden, daß die russischen Juden kaum je einen gefährlicheren ' Gegner gehabt haben als den Minister v. Plehwe. Schon in der Pahlenffchen Kommission zur Judengesetzgebung, deren tätiges Mitglied er war, hat Plehwe immer die schärfsten Maßregeln vorgeschlagen, war er unermüdlich im Ersinnen neuer Beschränkungen und Quälereien für die Juden. Als er Minister wurde, begann er seine Ideen und Vorschläge in ein System zu bringen und in die Wirklichkeit zu übertragen. Sein Vorbild war dabei Jgnatiew — und man muß sagen, daß es ihm gelungen ist, das würdige Vorbild womöglich noch zu übertreffen. 1 J". ' $ ■ i' ■•A

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