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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-29 · Heft 31 (29.7.1904) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
Seite 371 (sequence 11)
Language
German
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Der tzshn im Sorbr. Humoreske von Anna Friedmann. V. Frau Herz trippelte geschäftig hin und her, nachdem ihr Besuch gegangen war. Sie deckte den Tisch, Packte die mitgebrachten Sachen und Pakete aus, — Stickereien und Handarbeiten, die sie noch arbeitete. Es war eine Hundearbeit, mühsam und schwer, dazu wurde sie schlecht bezahlt. Aber ehe sie abhängig war, wollte sie lieber arbeiten und selbständig sein. Deborah machte jedesmal neue Einwendungen und wollte nicht erlauben, daß ihr zartes Muttchen sich noch anstrenge; nur der Versicherung, es mache ihr Vergnügen, gab sie nach. — „Wie erhitzt Du wieder bist, mein Liebling," sagte sie jetzt zu der eintretenden Tochter, deren Wangen wie Pfirsiche glühten. Eine Locke fiel ihr in die Stirn und gab dem feingeschnittenen Antlitz einen neuen Reiz. Ihre Bewegungen waren ruhig, sanft und anmutig. Wohlgefällig betrachtete sie die Mutter. „Warum bist Du nicht mehr hereingekommen, Kind? Ist ein netter Mensch. Er gefällt Dir wohl nicht?" examinierte Frau Herz, als sie ein verdächtiges Zucken der Oberlippe wahrnahm. „Mir? Was liegt daran? — Iß nur die Suppe, Muttelchen, — gute Täubchensuppe, und dann gibt es noch etwas besonders Gutes, — „Tag- und Nachtspeise," — Tine hat sie bereitet." Tine war die langjährige, treue Köchin, — Mädchen für alles. „Heut' Nachmittag muß ich 'mal zu Lewins gehen, es sind solch liebe, alte Leute, nicht Mama? Ich wollte ihr noch das Muster bringen für die neue Nähtischdecke. — Nein, nein, sprich lieber nicht, Muttchen, Du verschluckst Dich zu leicht." Schweigend wurde das Mahl' verzehrt. Darauf räumte Tine ab, eine komifche Alte mit einer Haube und aufgestreiften Aermeln. „Na, so 'was! Hat die Frau Kantor wieder reine nischt gegessen! Nee, Fräuleinchen, das möcht' ich nich' zugeben. Auf kein' Fall nich!" Lachend hörte Frau Herz diese unzufriedene Bemerkung des treuen Faktotums und nahm sich richtig noch ein Stückchen Mehlspeise, die Trine extra fein und süß gemacht hatte. „Frau Kantor muß doch gepflegt werden," brummte sie vor sich hin. „Denn das Fräulein — die! Herr Du meine Güte! Die ißt auch täglich Kartoffel und Schur (ein oberschlesisches Gericht) wenn es sein muß. — Ja, ihr Fräulein!" Mit befriedigtem Stolze trabte sie lächelnd in ihr Reich zurück, wo. sie unumschränkte Herrscherin war. Bald war es mäuschenstill in der Wohnung, denn Frau Kantor hielt ihr Mittagsschläfchen. Die Proben waren in vollem Gange. Eine Geschäftigkeit und Aufregung machte sich in allen bekannten Familien bemerkbar. Die Post schmunzelte vergnügt. So viele Pakete, Bestellungen und Korrespondenzen hatte sie schon seit langer Zeit nicht zu befördern. Das Originellste war nicht originell, das Auffallendste nicht auffallend genug. Und Wochen hindurch wurde musiziert, deklamiert, konferiert, gestritten, geklatscht, beleidigt und mit tränenden Augen Versöhnung gefeiert. „In dem Schweiße deines Angesichtes sollst du Theater spielen!" Leo Berger schwitzte gewöhnlich, wenn er von einer Probe abgemattet, geärgert, mürbe gemacht, nach Hause kam. Er war Regisseur, Theaterdirektor, teilnehmendes Mitglied. Er verteilte die Rollen, sang mit Rosa ein Duett und mit ihr und Salomon Eisner ein Terzett; er spielte noch den galanten Liebhaber einer Witwe,. wobei er sich Magda Chone buchstäblich zu Füßen legte. Den Prolog sprach Sarah Morgenstern, die inzwischen mit ihren Freundinnen zurückgekehrt war. Else dagegen wirkte in einem der lebenden Bilder mit. Es war unangenehmes .Tauwetter eingetreten, — „es regnete Bauernjungen", wie ein schöner Fachausdruck besagt. — Und wozu dies alles?-Leo dachte manchmal wirklich ernsthaft darüber nach. Manchmal besonders, wenn er eine unbezwingliche Sehnsucht nach ein paar braunen Augen empfand und in. seinem Innern sang: , Zwei dunkle Augen, Ein purpurner Mund Sind all' mein Glück Zu jeder Stund. Er verwünschte oft die Proben, die ihm zu wenig Zeit ließen, um diesen Wunsch der Erfüllung nahe zu bringen. Sie machten ihm nicht wenig Sorge — die Proben. Und. nicht immer wurde ihm gedankt. Unzufriedenheit, unangenehme und unvorhergesehene Zwischenfälle erschwerten ihm seine Aufgabe. — Deborah hatte ebenfalls mehr zu tun, sie gab öftere Handarbeitsstunden, um kleine Purimarbeiten fertig zu stellen und arbeitete selbst an kleinen Geschenken für ihre verheirateten Geschwister. — In dieser Zeit vollzog sich durch das seltene Beisammensein eine leise Entfremdung. Außerdem wurde dem jungen Mädchen von allen Seiten über ihres Freundes intimen und lebhaften Verkehr mit Magda allerhand zugeflüstert, so oft, daß sie selbst mehr dahinter versteckt glaubte, als wirklich daran war, In einer kleinen Stadt wird ja, sozusagen, aus einer Fliege leicht ein Elephant gemacht. Wenn sie ihn traf, eilte sie schnell, auf seinen Gruß nur sehr-flüchtig dankend, vorüber. Er fand sie verändert und schlecht aussehend. In ihm aber wuchs das Unbehagen, und die seelische Verstimmung vertiefte sich. Wozu hat er sich einen unnützen Sorgenballast aufgebürdet?! Tat er es des Beifalls wegen? Tat er es im Dienste seiner neuen Gemeinde, in der Sorge um ihr Amüsement? Oder vielleicht um des öfteren Zusammenseins mit den jungen Damen willen, die ihn so reizend auszeichneten? Um die Mütter zu gewinnen? Ja, wozu also? — Ein „Hahn im Korbe" wird nicht viel gefragt, sondern mit dem Strome mitgeschwemmt. Er hat sich in Geduld zu fassen, wie seine holdseligen Hennen auch über ihn verfügen, er muß sich gedulden, bis sie den Deckel lüften, wenn er nicht eben selbst-dazu den Mut hat. Seine amtlichen Geschäfte nahmen ebenfalls einen Teil seiner Zeit in Anspruch. Seine innere Unruhe wuchs mit jedem Tage, und furchtbare Bilder ängstigten ihn bei Nacht. Wahrlich, ein bedauernswerter Zustand! > Dazu kam noch die Frage: Welches Maskenkostüm zu dem Balle, der sieben Tage nach Purim — am Sabbat Abend in Szene gesetzt werden sollte. Domino, Pierrot, Page — alles teuer zu bezahlende, zu bekannte Kostüme! Etwas Originelles, Apartes mußte es jedenfalls sein und die Hauptsache war — billig! Er dachte nach, er grübelte —'und er fand. Faust!! -r- Im. Faustkostüm, bestehend aus Schlapphut und Talarmantel, würde ihn kein Mensch erkennen — und er würde Aufsehen erregen! Er wäre vor Freude über diese Idee beinahe bis an die Decke gesprungen, wäre ihm nicht noch zur rechten Zeit ein-

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