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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-29 · Heft 31 (29.7.1904) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
Seite 370 (sequence 10)
Language
German
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370 -.'vrr näheres Eingehen auf das Handelsgewerbe, und dies um so mehr, als sich gerade hier eine Reihe für die weibliche Erwerbstätigkeit und Leistungsfähigkeit geradezu typischer Merkmale feststellen läßt. Die Gesamtzahl der im Handelsgewerbe tätigen Weiblichen ist von 175000 in 1882 auf 365 000 im Jahre 1895 gestiegen. Der größte Teil davon findet sich mit 270 314. im Jahre 1895 gegen 147 452 im Jahre 1882 im Waren- und Produktenhandel. Betrachten wir die Zahlen im einzelnen, so machen wir eine betrübende Entdeckung. Sehen wir von den 127 000 weiblichen Geschäftsinhabern ab, die sich vorwiegend als Eigentümerinnen kleiner und kleinster Geschäfte (Alleinbetriebe, Hausiererinnen) qualifizieren lassen, so. finden wir nur 6776 weibliche gegen etwa 93 000 männliche Personen in leitenden kaufmännischen oder selbständigen Bureaustellungen. Das Gros der weiblichen Handelsangestellten, etwa 81 000 stark --- 62 Prozent, bekleidet untergeordnete Stellungen. Ebenso ist's bei den jüdischen Handelsangestellten. Auf 72 000 männliche Selbständige kommen nur 7000 weibliche. In leitender Bureau- oder Geschäftsstellung finden wir 1400 männliche gegen nur 663 weibliche Angestellte. Als Hilfs- und sonstige geschäftliche Arbeiter dagegen stehen 27 000 männlichen 10 604 weibliche, also über ein Drittel gegenüber. Hierhin gehört das ganze Heer der Verkäuferinnen, ein Teil der Comptoiristinnen rc. Wie kommt es, daß gerade die untergeordneten Stellungen so viel häufiger von Frauen ausgefüllt werden und weiter, daß diese Frauen nur ein Drittel bis die Hälfte der für Männer der gleichen Rangordnung üblichen Bezahlung empfangen? Es wäre hinfällig, wollte man sagen, daß die Frauen sich hier erst einarbeiten müßten. Das könnte für jede einzelne doch nur vorübergehend gelten. Nun sagen manche, daß die Frauen nur in untergeordneten Stellungen zu gebrauchen seien, und dies auch nur dann, wenn sie sich mit geringerer Bezahlung zufrieden geben. Wie kommt es aber dann, daß auch die in höheren Positionen befindlichen, allseitig und mindestens so wie ihre männlichen Kollegen befähigten Frauen sich mit einem weitaus geringeren Gehalt als diese begnügen müssen? Und wie stimmt ferner mit all diesen Erwägungen und Unterstellungen die Tatsache überein, daß nach Aussage vieler Geschäftsinhaber das weibliche Personal zu einem großen Teil ebenso Gutes leistet, ebenso sicher, selbständig und umsichtig arbeitet und in bezug auf Gewissenhaftigkeit, Fleiß und Pflichttreue das männliche sogar noch übertrifft? Zu einem großen Teil sagten wir; warum nicht überall, nicht wenigstens durchschnittlich? Wie kommt es, daß die nachweisbar vorhandene Befähigung nicht immer voll aüsgenützt, höhere Leistungsstufen nur schwer erreicht werden? Die Ursache erweist sich, wenn wir der Sache näher nachgehen, eigentlich als eine Häufung von Ursachen, als deren erste die ungenügende Vorbildung zu nennen ist oder vielmehr war. Denn in jüngster Zeit ist auf dem Gebiete der handelsberuflichen Vorbildung für Mädchen sehr viel geschehen. Poch entbehren wir zwar des obligatorischen Mädchen-Fortbfldungsunterrichts für Schulentlassene der Volksschulen; doch sind in eine Reihe von Städten Handelsschulen und Hochschulen für Mädchen gegründet worden, die sich eines regen Zuspruchs erfreuen und die Heranbildung einer Generation tüchtiger und leistungsfähiger Handelsangestellter verbürgen. Das find aber Erfolge, deren Eintreten in der Zukunft liegt, und die nur einem vergleichsweise geringen Prozentsatz Handelsbeflissener zugute kommen werden, wenn schon die Tatsache, daß in weit größeren: Maße als früher die Eltern sich zur beruflichen Vorbildung der Töchter für verpflichtet halten, als günstiges 'Zeichen anzusprechen ist. Ihnen gegenüber steht jenes andere weibliche' Rekrutierungsmaterial des Handelsstandes, das sich erst dann dazu entschließt, einen Beruf zu ergreifen, wenn der Heiratsanschluß versäumt oder durch besondere Vorkommnisse die elterliche Vermögenslage erschüttert wurde. Da wird sich denn mit der notdürftigsten Vorbildung in den sogenannten Pressen begnügt oder im Vertrauen aus etwaige Schulkenntnisse gleich irgend eine untergeordnete Stellung angenommen. So hat man wohl einen Unterschlupf, eine notdürftige Versorgung gewonnen, sich aber allermeist auch selbst den Weg der höheren Leistung, des Emporsteigens versperrt. Aber auch vielen von denen, die von Haus aus für den Beruf bestimmt und vorbereitet werden, fehlt es an dem nötigen Streben und der rechten Freudigkeit. Sie müssen, das ist alles, betrachten dies häßliche Muß als Durchgangsstation und warten sehnsüchtig auf den Prinzen, der Aschenbrödel erlösen und zum Altar führen soll. Und kein versöhnender Sonnenschimmer vergoldet diesen Zwang. Gleichviel was sie leisten und wie sie es leisten: ihre. Entlohnung bleibt hinter der der männlichen Kollegen zurück. Auch kann die kaufmännische Angestellte nur selten darauf rechnen, bei aller Tüchtigkeit zu wichtigen, verantwortlichen und dementsprechend bezahlten Posten zu gelangen. Zu alledem kommt ein anderes: Für den jungen Mann ist das Handelsgewerbe Lebensberuf. Er darf hoffen, zu immer höheren Posten aufzusteigen oder eines Tages durch Heirat oder eigenes Können zur Selbständigkeit zu gelangen. Auch ist der „hoffnungsvolle" junge Kaufmann überall gern gesehen und als präsumtiver Freier hochgeschätzt. Wie anders das junge Mädchen! Nur in den seltensten Fällen kann sie ein Aufsteigen erhoffen. Sie muß darauf gefaßt sein, sich lebenslang mit untergeordneten Stellungen bei kläglicher Bezahlung zu behelfen. Und wie merkwürdig! Wie bezeichnend für die Unlogik, ja Unmoral unserer gesellschaftlichen Begriffe und Satzungen! Derselbe Vorgang beruflicher Ausbildung und Betätigung, der für jeden normalen Knaben und Mann selbstverständliche Lebensvoraussetzung Und Grundlage ist, setzt das Mädchen gesellschaftlicher Minderachtung ja Aechtung aus. Die Tochter aus guter Familie, die sich dem kaufmännischen Beruf zuwendet, kann sicher sein, fortan von einem Teil ihrer Bekannten und sogenannten Freunde geschnitten und übersehen zu werden. Dasselbe Mädchen, das man verhätschelte und anbetete, solange es eine unnütze Zier- oder gar Schmarotzerpflanze im Garten der Menschheit war, wird zum Gegenstand mitleidigen Achselzuckens, sobald sie sich entschließt, ein arbeitsames und nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft zu werden. Wieviel Charakterstärke, wieviel moralischer Mut gehört unter solchen Umständen oft dazu, seinen eigenen aufrechten Weg selbständiger und ehrlicher Arbeit zu gehen! Und welche Veranwortlichkeit erwächst hier den Eltern und allen jenen, die der Gesellschaft Sitte und Gesetz diktieren! Veraltetem Vorurteil zum Trotz sollten die. Ettern auch den Töchtern, allen Töchtern eine mit ihren Fähigkeiten und Neigungen übereinstimmende Berufsbildung zu teil werden lassen. Sie sollten sie lehren, die Ehe als das Wünschbare und Mögliche, den Beruf aber als das Unerläßliche anzusehen und ferner, daß jede Arbeit gleich schätzenswert und ehrenvoll sei, ob sie sich nun in den Höhen lichter Kunst nnd Wissenschaft oder in den Niederungen, vollziehe, wo der harte Kamps um das tägliche Brot zum Austrag gebracht wird. (Schlus; folgt.)

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