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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-29 · Heft 31 (29.7.1904) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
Seite 369 (sequence 9)
Language
German
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. ' : - - 369 - hingeben muß, sei es nun Liebe, Freundschaft, Arbeitskraft oder Geld. Ein Wert muß geschaffen werden, wenn man einen- .Gegenwert dafür eintauschen will, so daß wir wohl nicht fehlgehen, wenn wir als das ausschlaggebende Moment des Erwerbend das wertschaffende, ansehen. Die Frau aber schafft durch ihre Arbeit Werte, Gebrauchs- und auf vorgerückterer Arbeitsstufe auch Tauschwerte. Sie ist also erwerbstätig, lange bevor es ausgebildete Volkswirtschaften und volkswirtschaftliche Theorien gibt. * Was unterscheidet aber die heutige Erwerbsarbeit der Frau von jeder früheren? Wir sahen es schon, wenn wir es auch noch nicht klar formulierten. Früher, d. h. bis tief ins Mittelalter hinein, charakterisierte sich die erwerbende, oder, wie wir zutreffender sagen sollten, die hervorbringende Tätigkeit der Frau als hauswirtschastliche Arbeit, . während heute die Erwerbsarbeit aus dem Hause hinaus verlegt, der Produzent nicht mehr Besitzer und Verkäufer des Produkts, sondern lediglich Produktionswerkzeug, d. h- Lohnarbeiter ist. Sonach früher: produktive Arbeit im Haus, heute: Erwerbsarbeit, völlig. losgelöst vom Haus. Wir werden noch auf die inneren und äußeren Gründe dieser Umwandlung zurückzukommen haben, wollen aber vorab eine zahlenmäßige Grundlage für Art und Umsang der heutigen weiblichen Erwerbstätigkeit zu gewinnen suchen. Die Beruss¬ und Gewerbezählung von 1895 ergab, daß von 26 Millionen weiblicher Einwohner des Deutschen Reiches 6V4,b. h. also ein Viertel erwerbstätig waren. Und während die weibliche Gesamtbevölkerung seit 1882 um 14 Prozent gewachsen war, hatte sich die Zahl weiblicher Erwerbstätiger um 23V2 vom Hundert vermehrt. Die Landwirtschaft weist die größte Zahl weiblicher Erwerbstätiger aus. Doch ist die Anteilnahme der Juden an der Landwirtschaft eine so geringe, daß e.s nicht notwendig ist, näher darauf einzugehen. .Daß es so ist, ist, wie man weiß, nicht Schuld der Juden. Von. Hause, aus ein Volk von Ackerbauern, bei dem der Handel nur eine untergeordnete Rolle spielte, war den deutschen Juden jahrhundertelang jeder Landbesitz verboten. Im Handwerk bestanden, wie wir gesehen haben, ähnliche Schwierigkeiten, die in der Praxis selbst heute noch nicht ganz behoben sind und sich besonders dann geltend machen, wenn der jüdische Handwerker oder Industriearbeiter die Sabbatruhe einhalten will. Auch ist es nur selbstverständlich, daß eine Gemeinschaft, deren Arbeitsgebiet so lange Zeit hindurch systematisch eingeschränkt und die daneben noch gar oft um den Erfolg und Lohn ihrer Arbeit betrogen wurde, sich nur schwer und langsam zu derartiger Arbeit zurückfindet. . So kommt es, daß trotz der günstigen Entwicklung und segensreichen Tätigkeit der „Vereine zur Beförderung des Handwerks unter den Israeliten", der Anstalt zu Ahlem und ähnlicher Dinge mehr, der Anteil der Juden an der Landwirtschaft nur V2 Prozent der Gesamtbevölkerüng beträgt. Im ganzen wurden 1895 in Deutschland etwa 600000 Juden, gezählt, von denen 244 586 also 41 Prozent als erwerbstätig ermittelt wurden. Selbständige ohne Beruf wurden 39 870 gezählt. Das ist der beste' Beweis dafür, daß es trotz des den Juden nachgesagten Reichtums nicht allzu viele gibt, die so viel Besitz haben, um berufslos leben zu können, und andere, die trotz großen Reichtums nicht arbeitslos leben wollen. Ja, zählt man die Witwen und berufslosen weiblichen Haushalts- Vorstände ab, so bleiben nur noch 18 274 Berufslose aller Altersklassen übrig, von denen Tausende ihre Zeit und ihr Geld in den Dienst gemeinnützigen Wirkens gestellt haben. In der Industrie finden wir 23 598 Juden =1,1 Prozent als Selbständige, d. h. also als Betriebsinhaber. Dagegen als Angestellte und Arbeiter nur 3 vom 1000 der hier Erwerbstätigen. Die Mehrzahl der industriellen jüdischen. Unternehmer und Arbeiter haben wir in der Industrie der Nahrungs- und Genußmittel mit IV2 Prozent, der Bekleidung und Reinigung mit 1,2 Prozent zu suchen. Es handelt sich dabei um 13 000 bezw. 18 000 Glaubensgenossen, die in der Zigarrenarbeit, bezw. der Schneiderei und Schuhmacherei beschäftigt sind und zwar zu einem recht beträchtlichen Teil als Unternehmer, eine Sache, die im sozialökonomischen Sinne erwünscht, doch vom Standpunkt der Sozialethik lebhaft bedauert werden muß, da die hier vorwiegend übliche Heimarbeit und das Zwischenmeistertum die Ausbeutung in ihrer schlimmsten Form im Ge-. folge haben. Man sollte daher in jüdischen Kreisen' diesen Dingen eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuwenden und vor allen Dingen eine allgemeinverbindliche Regelung und Verbesserung der Verhältnisse innerhalb der Heimarbeit anstreben, im Sinne der Beschlüsse des Heimarbeiterschutzkongresses, der im März dieses Jahres in Berlin tagte. Es ist möglich, daß das durchgreifend und ausreichend nur auf Grund internationaler Vereinbarungen geschehen könnte. Das wäre aber um so begrüßenswerter, als in anderen Ländern die Zahl der Juden gerade unter diesen ausgebeutetsten der Ausgebeuteten eine erschreckend große ist. Und die der Jüdinnen natürlich auch. Wir finden diese in besonders großer Zahl unter den Diamantarbeitern Hollands. Aus einzelnen Zweigen, so aus der Rosenschneiderei, haben sie infolge ihrer Bedürfnislosigkeit und der schlechteren Bezahlung, die sie sich demzufolge gefallen ließen, den männlichen Arbeiter völlig verdrängt. In engen, schlecht gelüfteten Räumen von früh 6 oder 7 bis um Mitternacht und manchmal bis 2 Uhr früh arbeitend, geben sie sich je nachdem mit 6 bis 8 Gulden wöchentlich zufrieden^ Im Ostende Londons hausen weit über 10000 jüdische Konfektionsarbeiter und -Arbeiterinnen. Ebensoviele rechnet man auf die Schuhkonfektion. Alles Elend des berüchtigten Sweating-Systems, von dem zuerst die Londoner Pall Mall Gazette im Jahre 1893 so grauenhafte Bilder entrollte, haben diese Unglücklichen durchzukosten. Neben unregelmäßiger Arbeit und ungemessener Arbeitszeit eine Bezahlung, die, wie man zu sagen pflegt, zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist. In Wohnhöhlen, die mephitische Dünste aushauchen und sich als Nährboden ansteckender Krankheiten erweisen, führen diese Elenden ein völlig menschenunwürdiges Dasein. Jetzt erst, und zwar veranlaßt durch das drohende Fremdengesetz, tut das englische Judentum Schritte, um gesündere Behausungen für das Ostend-Judentum zu schaffen und den Erct|3 be§ „Foreigners Lan" hintanzuhalten. Nicht anders sieht es in den Vereinigten Staaten, in Algier, Rußland re. aus. Ungemessene Arbeitszeit, elende Löhne, Not und Entbehrung jeder Art machen die jüdischen Industriearbeiter und -Arbeiterinnen zu dem gedrücktesten Proletariat, das die Erde trägt. Wir kommen nunmehr zum Handelsgewerbe. An ihm, der einzigen Hantierung, die ihm jahrhundertelang gestattet war, ist das Judentum naturgemäß am stärksten beteiligt und zwar mit 133 451, das ist also mehr als der Hälfte aller jüdischen Erwerbstätigen. Und während die Juden nur stark ein Prozent der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung darstellen, partizipieren sie am Handel mit 5,71 Prozent der gesamten handeltreibenden und -mit 62,28 Prozent der erwerbstätigen jüdischen Bevölkerung. Die jüdischen Erwerbstätigen weiblichen Geschlechts sind im Handelsgewerbe mit 31,34 Prozent vertreten. Dieser große Prozentsatz rechtfertigt wohl ein

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