Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Gemeindevorstand hatte in den letzten Tagen den König Victor Emanuel eingeladen, den neuen, soeben vollendeten Tempel zu besuchen. Der edle und durchaus vorurteilslose Fürst nahm auch die höfliche Einladung an, und am 2. d. M. erhielt der Präsident der jüdischen Gemeinde die erfreuliche Anzeige, daß am nächsten Morgen um 8 Uhr der König den Tempel besuchen wolle. Diese freudige Nachricht erfuhren auch die angesehensten Personen der jüdischen Gemeinde, diejenigen, welche hervorragendere Aemter bekleideten, die Bauleiter und Verwalter von Ehrenämtern. Die wenigen Gemeindearbeiter, die in dem dem Tempel benachbarten Straßen beschäftigt waren, arbeiteten fleißig die Nacht hindurch, um Ordnung auf den Wegen zu machen und dieselben mit Kies zu bestreuen. Die außergewöhnliche Emsigkeit der „terrazzieri capitolini“ erregte den Verdacht der Bevölkerung, die in den noch vorhandenen Wohnungen des alten Ghettos zerstreut waren, und alsbald herbeieilte, um die Ursache des ungewöhnlichen Treibens zu erfahren. . Die Freude unter den Mitgliedern der Gemeinde war groß, als sie von dem unerwarteten Besuche im neuen Tempel erfuhren. Männer, Frauen und Kinder drängten sich vor dem Gelände, welches das großartige Gebäude umgibt. Die Wache war beschäftigt, den Weg für die königlichen Wagen frei zu halten. Unter den Anwesenden waren: Der Präsident der Gemeinde Advokat Cav. Serena, de r ehrwürdige Leopold Torloni Professor Sorani, Ritter v. Esdra, Professor Benedetto Ponte : corvo, Ritter v. Ascarelli, Professor Settimio Piperny, der Schatzmeister Advokat Tabet, die Ritter v. Prato und v. Molco, - Herr Giuseppe Sormani, der Komtur Ottolenghi, die Ritter v. Campagni Bei und v. Modigliani, die Ingenieure Costa und Armanni (die Architekten des Tempels), der Oberrabbiner Professor Bittorio Castiglioni, Professor Segre, der Komtur Bittorio Rava, Ritter v. Scazzochio, Ingenieur Pagliacozzo, der'Maler Brugnoli und viele andere. Die Spannung in der Menge war aufs höchste gestiegen, als man um 8 Uhr den Hufschlag von den Pferden der? Kürassiere vernahm, die den Wagen des Königs geleiteten Der Zug durcheilte die langen Reihen und nach wenigen Sekunden hielt er vor dem Gitter. Es ertönte ein langer, enthusiastischer Beifallssturm, und die Menge brach in den Ruf aus: „Eviva il re!“ Der König, der die Generalsuniform trug, verließ die Kutsche, gefolgt vom ersten Adjutanten General Brusati und anderen Herren des Gefolges. Während die Menge mit ihren begeisterten Jubelrnfen fortfuhr, wurde der König vom Präsidenten der Gemeinde und anderen angesehenen Mitgliedern begrüßt. Hierauf begann die Besichtigung. Der König, der sich eines blühenden Aussehens erfreut, sprach freundlich mit all den Personen die ihn umgaben, betrachtete die Architektur des Gebäudes aufmerksam und bewunderte die von Brugnoli und Broschi ausgeführten Dekorationen. Cav. Sereni hielt nunmehr folgende Ansprache an den König. „Der heutige Tag wird für uns unvergeßlich sein. Wir sprechen Eurer Majestät unseren tiefsten Dank aus für das, was Sie uns heute erwiesen haben, und für all das, was unser Stamm dem erhabenen Hause von Savoyen schuldet." „Es bedarf keines Dankes/ entgegnete der König, „ich freue mich sehr darüber, daß ich zu Ihnen gekommen bin." Dann begehrte er Auskunft über den Grund, der zu dem Gebäude verwendet wurde, das ans dem alten . Ghetto entstand. „Obwohl nur undeutlich, erinnere ich mich doch noch, daran," sagte der König. . Er lobte die Architektur, drückte den Baumeistern Costa und Urmanni sein Wohlgefallen aus und beglückwünschte die Künstler, die mit so gewähltem Geschmacke den Tempel geschmückt, haben.. ' Der Monarch erstieg sodann, die wenigen Stufen, die zur Bundeslade hinaufführen und wendete sich an den Oberrabbiner mit den Worten: . „Hier liegen wohl die mit kostbaren Stoffen bedeckten Bibeln und Gesetzestafeln? Ich habe das auf meiner Orientreise in Salonichi und in Jerusalem gesehen." Nachdem der König vom Präsidenten in den Ratssaal geführt wurde, verlangte er von Professor Castiglioni die Üebersetzung einer hebräischen Inschrift, die also lautet: „Jede Versammlung, welche Gutes will, gelangt zum Guten!" Bei dem Besuche der Galerie richtete der König neue Worte des Lobes über den Wandschmuck an Brugnoli. Sodann weihte er mit seiner eigenhändigen Unterschrift das. Besucheralbum ein und setzte neben seinem Namen, das Datum des 1. Juli, verbesserte aber seinen Irrtum durch eine deutliche 2. Auf die Frage, ob alle Israeliten die hier und da im Tempel ausgezeichneten Verse fließend lesen könnten, erwiderte der Oberrabbiner: „Nein, Majestät, das Hebräische wird bei uns weniger gepflegt, als das Lateinische bei denanderen Italienern." Der König, der sich wiederholt seiner Reise nach Jerusalem erinnerte, schilderte den beim Besuche der .doriigen Tempel empfangenen Eindruck, die einen anderen, düsteren Charakter als der in Rom befindliche haben und erzählte von der großen Judengemeinde in Salonichi, die ihm einen überaus herzlichen Empfang bereitet habe. Sodann erkundigte er sich nach den Gebräuchen, die bei der Gemeinde herrschen, nach dem Namen des Gemeindevorstehers, und ob die römische Gemeinde die größte in Italien sei. Sereni antwortete, bei der Wahl herrsche das demokratische System, aber es gäbe auch ein besonderes Wahlrecht, das zu einem kleinen, monatlichen Kontribut verpflichtet. Nach einigen leutseligen Bemerkungen verabschiedete sich der Herrscher und bestieg den Wagen. Die Eingeladenen riefen begeistert: „Es lebe der König!" und die Menge stimmt diesem Rufe lebhaft und enthusiastisch bei. Die Beifallsdemonstration war großartig. Dieser Sturm rauschte ununterbrochen und folgte dem König bis zur Via Arenula. Namentlich unsere alten.Tempelbesucher waren tief gerührt. Es war dies das erstemal im Laufe von Jahrhunderten, daß ein König, das Haupt der großen Nation, hier die Synagoge besucht hat. Nach der Abfahrt des hohen Besuchers durchbrächen die Neugierigen die Reihen der Wachen, drangen in dem Tempel vor und schritten mit Ungestüm zur verfrühten Einweihung des Gebäudes. Der leere Saal füllte sich in einem Augenblicke mit Scharen von Männern und Frauen, die entzückt von der Bauart der neuen Synagoge waren, von der ich nun eine kurze Schilderung geben will. Die Demolierung des alten Ghettos und die Regulierung des Lungotevere machten es notwendig, alles Unschöne, Störende aus der Umgebung niederzureißen, wenn auch das überaus reiche Gebäude der fünf „Schulen" dabei war, wo die Juden seit Jahrhunderten ihre Gebete verrichteten. Im Jahre 1900 wurde eine Konkurrenz für das Projekt des Baus ausgeschrieben, welches bestimmt war, den alten Tempel zu ersetzen. Es wurden die Entwürfe der Architekten Maggi, Armanni und Costa auserlesen,, von welchen jedem eine Prämie