Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- Seite 365 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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das Gotteswort, das gebetete und gelesene und ausgelegte Wort der Schrift, konzentrierten, nicht um ein feierliches Priesterzeremoniell; es war dadurch Wirklichkeit geworden die Mahnung des Hosea: -.Lasset uns der Lippen Frucht als Opfer darbringen." Der Tempel war also gewissermaßen untergegangen, noch bevor er zerstört worden; die Synagogen dagegen haben sich zu immer größerer Bedeutung entfaltet und sind von unzerstörbarer Kraft, weil und solange sich hier alles um den Herzensdienst des Gebetes und um den Glaubensdienst der Lehre bewegt. Darum zwar können und werden wir Zions nimmer vergessen, aber nicht, weil der Tempel auf ihm stand, sondern weil von dort und nur vott dort — nicht von Babel, wie die Modeweisheit behauptet — die Lehre ausging in alle Welt und das Wort Gottes unter alle Völker. Die Sehnsucht aber nach dem Wiederaufbau des Tempels im alten Stil und Sinn ist nichts als eine romantische Schwärmerei, Der alte Tempel zu Jerusalem als die einzig legitime Opferstätte, und die einzige würdig und wirkliche Behausung Gottes, repräsentiert eine längst untergegangene und längst überwundene Kulturstufe. Darum haben auch unsere größten Weisen wie z. B. R. Jochanan ben Sakkai und R. Akiba nach den Berichten des Talmuds selber seinen Verlust als solchen nicht eigentlich ernstlich und schmerzlich empfunden; sie haben mit Recht sich und andere darüber zu trösten gewußt durch den prophetischen Gedanken, daß Wohltun besser ist als alle Opfer und durch die rabbinische Anschauung, daß das Studium der Thora alle Gebote auswägt und daß beides, Liebe sowohl wie Lehre, unabhängig von dem Bestände des Tempels. Anders dagegen und ernstlicher ist das Streben nach Wiederherstellung eines jüdischen Staates, der ja mit dem Tempel zugleich unterging. Denn dieses Streben, das in dem Zionismus mächtig wieder ausgelebt, aber vor kurzem in Theodor Herzl einen seiner wackersten und begeistertsten Vorkämpfer verloren, der auch da, wo man seine Ideen nicht teilt, ungeteilte Anerkennung finden wird ob der heißen Liebe und Hingebung, mit der er der Sache seiner Brüder zu dienen suchte, dieses Streben, sage ich, ist ja durch eine wirkliche Notlage hervorgerufen. Denn abgesehen davon, daß auch bei uns zu Lande nicht alles zum besten bestellt ist, so dürfen wir doch niemals vergessen, daß der erschreckend überwiegende Teil der ausländischen Glaubensgenossen noch in Druck und Elend, in Finsternis und Barbarei schmachtet, in Unsicherheit und Gefahr, in fast mittelalterlichen Zuständen und Verhältnissen. Wer aber Ernst macht mit seinem Judentums, der muß vor allen für diejenigen, die um seinetwillen leiden, ein Herz haben, wie der so allgemein betrauerte Urheber und Leiter dieser Bewegung. Damit freilich soll nicht gesagt sein, daß diese Bewegung wirklich zum Ziele führt; sie ist zwar berechtigt und nützlich, soweit sie sich und andere für die Leidensgenossen wie überhaupt für das jüdische Bewußtsein und Interesse erweckt und erwärmt, aber sie erscheint uns bedenklich, da wo sie die rauhe Wirklichkeit durch leider allzulange schon gehegte Illusionen zu meistern und zu bessern sucht und die Leidenden mit unerfüllbaren Hoffnungen nährt und vertröstet. Denn ein Traum ist und bleibt die Idee eines jüdischen Staates; seit dem Untergang desselben ist Israel ganz und gar, ausschließlich im Religiösen ausgegangen, aber auch von vornherein war es so sehr auf die Religion augelegt und gerichtet, daß das Nationale dagegen verschwand. Bedenken wir doch nur das eine: Was war es denn, wofür von jeher die größten feiner Männer und Helden am meisten gekämpft und gelitten? Religion und Moral, Lehre und Gesetz. Diese Tatsache kann kein Mensch leugnen oder aus der Welt schaffen. Einem Jeremias sogar war. die nationale Selbständigkeit gleichgültig, wenn nur die religiöse Reinheit gewahrt blieb; einem Jochanan ben Sakkai lag nach dem Falle Jerusalems nichts so sehr am Herzen als — die Gründung einer Schule. Es ist nun einmal nicht anders: Propheten und Schriftgelehrte — nicht Staatsmänner und Kriegshelden — haben unser Schicksal bestimmt und uns ihr Siegel ausgeprägt. Mit solchen Männern aber und solcher Anlage und solchen Ideen kann man wohl herrliches in der Religion leisten, aber keine Staaten gründen! Und das sollten wir jetzt aus einmal können? Das, was von vornherein nur schwach in uns angelegt war und was dann durch die ganze geistige Richtung und Entwicklung, die wir genommen, und durch die Leidensgeschichte, die wir durchgemacht, naturgemäß nur schwächer noch werden mußte, dazu sollte plötzlich nach einem zweitausendjährigen Ruhen die Kraft ausreichen?! Das kann man nimmermehr glauben, es sei denn, daß man an Wunder glaubt. Dazu konunt, daß diejenigen, die eines jüdischen Staates am meisten bedürften, mit einer Zähigkeit am Alten und Gesetzlichen haften, die ja gewiß von Charakterstärke zeugt, aber an Gesetzen, die schon an und für sich jede staatliche Gründung und Selbständigkeit und Stärke unmöglich machen, jede weltlich nationale Zivilisation ansschließen. Darum wäre auch vom Standpunkt des Zionismus aus nichts dringender notwendig als eine derartige religiöse Umgestaltung, die es den betreffenden Glaubensgenossen ermöglicht und erleichtert, sich mehr als bisher der modernen Kultur anzuschließen und anzupassen, dort wo sie leben, oder wenn es sein muß, sich auch in fremden Ländereien, aber mit Erfolg anzusiedeln, ohne dabei das Wesentliche ihrer Religion einzubüßen. Denn daß der Kern des Judentums auch bei der radikalsten Aenderung seiner äußeren Formen sich erhalten läßt, beweist am schlagendsten der 9. Ab. Wenn selbst aus den Ruinen jenes Heiligtums, mit dem das alte Israel alles Heilige und Göttliche verband und unlösbar verbunden glaubte, neues religiöses Leben zu erblühen vermochte, so würde auch sicherlich in unserer Zeit gerade durch neue zeitgemäße Um- und Ausgestaltung, Vereinfachung und Verinnerlichung die Triebkraft des Religiösen, das nun einmal unser Lebenselement und Daseinsberechtigung ist/ unsere Einsicht und Weisheit in den Augen der Völker, neue Blüten und Früchte zeitigen. Das Streben danach ist nicht zu hoch und nicht zu fern, nicht im Himmel und nicht jenseits des Meeres, kein Traum und keine Utopie, sondern ein Ziel, aufs innigste zu wünschen und eine Sehnsucht nach Zion, die wir überall- und jeden Augenblick erfüllen können, nicht nur zu unserem Heile, sondern auch zum Wohle des Landes, in dem wir wohnen und mit dessen Wohlergehen auch das unsrige verknüpft ist. Lrirk aus Lom. Rom, 13. Juli. ie „Universita Israelitica“, wie sich unsere jüdische Gemeinde mit mehr Stolz als Berechtigung nennt, hat in ihrer wechselreichen Geschichte einen Ehrentag zu verzeichnen.