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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-29 · Heft 31 (29.7.1904) · p. Seite 364

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
Seite 364 (sequence 4)
Language
German
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— 364 daß in betreff der Fremden — es handelt sich dabei, immer um im Lande geborene Juden, denn es heißt ja ausdrücklich, daß sie dem Rekrutierungsgesetz genügt Haben müssen — das neue Gesetz im Vergleich zum alten einen Schritt nach rückwärts bedeutet. Dies muß ganz besonders gegenüber gewissen Aeußerungen mancher Personen hervorgehoben werden, die'in der Behandlung der Juden Rumäniens eine Besserung, entdeckt haben wollen. Es wohnen jetzt auf dem Lande ungefähr 50 000 Juden, von denen ein großer Teil durch das neue Gesetz' schwer getroffen werden dürfte, denn mit keinem Wort wirb' im Gesetz erwähnt, daß die bereits in den Gemeinden wohnenden Fremden nicht gestört werden sollen. Im Gegenteil besagt ein Zirkular des Ministers des Innern an die Präsekten: „In Verbindung mit der Konstituierung der Gemeinden steht die Frage der Niederlassung der Fremden in den Gemeinden, über welche Art. 5 handelt. Indem ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Bestimmungen dieses Artikels lenke, ersuche ich Sie, Maßregeln zu treffen, damit dieselben bis zu ihrer ausführlicheren Erklärung durch ein öffentliches Reglement, so, wie sie im Gesetz enthalten sind, zur Anwendung gelangen." Dies ist doch wohl deutlich genug. & Die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner hat diesmal in Louisville getagt. Außer verschiedenen Anträgen und Vorschlägen von mehr lokaler Bedeutung ist einer von allgemeinem Interesse lebhaft debattiert worden. Derselbe betrifft die Gründung einer jüdischen Synode für Amerika. Es wurden dabei folgende prinzipielle Punkte aufgestellt: 1. Die amerikanisch-jüdische Synode soll aus der Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner und der Vereinigung der amerikanischen Judengemeinden bestehen. 2. Keiner der beiden konstituierenden Körperschaften soll durch diese Verschmelzung ihre besondere Aufgabe verlieren oder an ihren sicheren Rechten Einbuße erleiden. 3. Die Synode soll aus einem Fünftel der Mitglieder der Konferenz und aus einer gleichen Anzahl von Laien aus der Vereinigung bestehen, zwei Drittel der Synodenmitglieder sollen die Stimmenmajorität bilden. 4. Die Synode soll alle fünf Jahre zusammentreten, um wichtige Fragen zu erörtern, die ihr von der Konferenz oder der Vereinigung vorgelegt wurden. 5. Die Synode soll ein Exekutiv-Komitee haben, bestehend aus dem Präsidenten, der ein Mitglied der Konferenz sein muß, 5 Mitgliedern der Konferenz und 4 Mitglieder der Vereinigung. Eine Einigung ist selbstverständlich diesmal noch nicht erzielt worden. Aber es ist nicht ausgeschlossen, daß die Idee zur Ausführung gelangt. * Eine neue jüdische Kolonie soll in Brasilien begründet werden. Nachrichten aus der großen deutschen Kolonie Blusenau in Rio Grande do Sul wissen über eine von der J. G. A. dort geplante jüdische Kolonie folgende interessante Details zu melden: Die Kolonie, welche den Namen „Philippson" führen wird, ist in der vom Uruguay durchzogenen Provinz Rio Grande do Sul und zwar in der Nähe der 25 Kilometer von Santa Maria entfernten Station Pinhal der Eisenbahn Santa Maria-Pasfo Fundo gelegen. Bereits im Jahre'1900 hatte die 4. G. A. eine Sachverständigenkommission nach Rio Grande do Sul entsendet, um zu untersuchen, ob die Provinz für jüdische Kolonisationszwecke geeignet ist. Die von der Kommission mitgebrachten Nachrichten lauteten sehr günstig. Der Boden sei überaus fruchtbar und das Klima das gleiche wie etwa in Portugal, wo die Juden bekanntlich viele Jahrhunderte lang in sehr großer Zahl gelebt haben. Im Jahre 1902 kam Herr Lapine, der frühere Verwalter einer großen jüdischen Kolonie in Argentinien, nach Rio Grande do Sul, um da ein größeres Terrain zu erwerben.' Es gelang ihm in der Nähe von Pinhal ca, 5000 Hektar Land zu kaufen und von der Regierung zahlreiche wichtige Privilegien zu erhalten. Auch die Eisenbahngesellschaft gewährte-den zukünftigen Kolonisten wesentliche Konzessionen hinsichtlich der Frachttarife. Die Kolonie ist im Norden der Provinz auf einem Plateau gelegen und hat völlig ebenen Boden, der sich zum Getreidebau vortrefflich eignet. Jeder Kolonist erhält ein Haus, Ackergeräte und Vieh sowie Saaten und 25 Hektar guten Getreidebodens nebst einer eigenen Waldparzelle. Letztere darf er nur zu Heizzwecken benutzen, aber niemals abholzen. Schon seit April 1895 sind zahlreiche Arbeiter damit beschäftigt, den Boden zu ebnen und Zufahrtstraßen zu der zukünftigen Kolonie auszubessern. Die Kolonie Philippson ist für 80 Familien berechnet. mm** Die Sehnsucht nach Lion. Nachklänge des neunten Ab. Von Dr. Jelski-Berlin. IVine alte Sage berichtet, daß zur Zeit des römischen, im 4. Jahrhundert lebenden Kaisers Julian, der von der Kirche wegen seines Rücktritts zum Heidentum den Beinamen Apostata erhielt, und der die Anregung zum Wiederaufbau des Zionstempels gegeben hat, aus dem Tempelberge ein unterirdisches Feuer hervorbrach, und alle die Arbeiter tötete, die m'it der Grundlegung beschäftigt waren. In dieser Sage spiegelt sich die Wahrheit wieder, daß die Weltgeschichte das Weltgericht ist, daß es Trümmer gibt, die man nicht aufbauen darf und Ruinen, deren Wiederherstellung eine Sünde wider den heiligen Geist fortschreitender Entwicklung, eine Verkennung und Verleugnung der Geschichte ist. Gott selber — so lehrt unsere Sage — wollte keinen Tempel mehr aus Zion; denn er war ja im Laufe der Zeit durch das Wirken der Propheten aus einem Volkszu einem Weltengott geworden, dem selbst Himmel und Erde zum Wohnsitz nicht genügten. Ja, die Zeit war gekommen, da der Tempel mehr ein Hemmnis denn ein Hebel der Entwicklung zu werden drohte. Schon den Propheten war es ein stetes Aergernis, daß das Volk mehr auf sein Heiligtum als auf den Heiligen Israels baute, auf den lebendigen Gott, daß es in dem Heiligtum selber sein ganzes Heil eingeschlosfen und versichert glaubte, in ihm eine Garantie gegen alle Gefahren, einen Ersatz für alle Frömmigkeit und eine Sühne für alle Sünden erblickte. Darum suchte Jeremias, der die erste Tempelzerstörung nicht nur voraussagte, sondern auch erlebt hat, dieses trügerische Vertrauen seines Volkes auf das Bauwerk seiner eigenen Hände zu zerstören; er schleuderte ihm die harten Worte entgegen: „Ist denn das Haus, das den Namen Gottes trägt, zu einer Räuberhöhle geworden? Ich werde mit ihm verfahren, wie einst mit dem zu Silo." Und als das Ende auch des zweiten Tempels gekommen war, da hatte sich der ganze Tempelkultus innerlich bereits überlebt. So wenig wie Gott von jeher Gefallen gefunden hatte an blutigen Opfergaben, so wenig fanden es jetzt die Menschen, zumal Israel, das nicht nur aus der Not eine Tugend machte, sondern wirklich in dem Gebete einen mehr als vollwertigen Ersatz des Opfers erblickte. Denn'schon vor der Tempelzerstörung hatten sich Synagogen im Lande gebildet, die den ganzen Gottesdienst um

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