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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-29 · Heft 31 (29.7.1904) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
Seite 362 (sequence 2)
Language
German
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seinen Taufschein und seiner Eltern, Großeltern und Urgroßeltern rc. arische Geburtsatteste mit ins Bad nehmen wollen und können und so den antisemitischen Gästen bekannt machen, daß keine Anrempelungsgesahr besteht. Aber wer selbst durch unzweifelhaft germanisches Aussehen, durch gänzlich christliche Vor- und Stammnamen, vielleicht sogar noch durch Stand und Beruf ganz sicher ist. wird auch noch vielleicht gut tun, Sommerfrischen zu vermeiden, in welchen er Gesahr laufen könnte, Zeuge von Radauszenen zu sein und als solcher in gerichtlichen Nachspielen figurieren zu Müssen.. Unbedingt meiden müßten solche Kurorte Christen, die Jüdinnen zu Frauen haben oder Christinnen, die mit Juden verheiratet sind. Denn die gerade könnten etwas, besonders Schönes erleben; es sei denn, daß sie aus Rücksicht auf die Herren Antisemiten für die Dauer der Kur eine Scheidung belieben, die freilich nicht wenigen Patienten während einer Kur besonders unangenehm sein dürfte und mindestens nicht unerhebliche Mehrkosten verursachen müßte. Jedenfalls aber werden Juden gut tun, ehe sie ihren.Sommeraufenthalt irgendwo nehmen, nicht nur den Arzt, das Kursbuch und den Bädeker zu konsultieren, sondern auch sich sorgfältig zu erkundigen, wo die antisemitisch infizierten Bäder und Sommerfrischen liegen und welche Hotels und Pensionen jüdische Gäste nicht aufnehmen. Freilich verbieten manchmal Gesundheits- und zuweilen auch Geldrücksichten, allzu wählerisch und zimperlich zu sein. Muß ein Jude, der auf Rügen wohnt, wo verschiedene Badeorte als antisemitisch verrufen sind, ein Seebad in der Ferne aufsuchen, obwohl ihm seine Vermögensverhältnisse Sparsamkeit zur Pflicht machen? Man denke, das ostpreußische Seebad Kranz und das westpreußische Zoppot wären antisemitisch, dann müßten Juden in Ostpreußen eine weite Reise unternehmen, um nicht mit den Antisemiten in Kollision zu kommen; oder hätte nicht die Polizei die Pflicht, in Badeorten besonders streng aus eine Art Gottessrieden während der Badezeit zu halten? In Karlsbad, wo es eine ganze Anzahl antisemitischer Hotels gibt, hat der Statthaltereirat Dr. Maurig' den antisemitischen Gast- und Schanklokalwirten, die in ihren Lokalen Tafeln mit der Aufschrift „Juden haben keinen Zutritt" und Juden, die doch die Lokale besuchten, Getränke, Gläser mit der Aufschrift „Nur für Juden!" vorsetzten, unter Hinweis auf die durch die Konzession ihnen auferlegte Verpflichtung, Gäste ohne Unterschied der Konfession und Nationalität zu bedienen und unter weiterem Hinweis auf das Strafgesetzbuch Mores zu lehren versucht. Das gilt aber nur für Karlsbad. Wir dächten, man hätte auch bei uns das größte Interesse, der Spezialität antisemitischer Bäder und Sommerfrischen ein Ende zu machen. Wir sprechen jetzt nicht bloß im Interesse jüdischer oder judenähnlicher Patienten und Erholungsbedürftiger, sondern für alle. Es ist vorgekommen, daß Katholiken in protestantischen und Protestanten in katholischen Bädern belästigt wurden, wenn auch nicht in dem Maße, wie es Antisemiten, welche den Gipfel der Rohheit erklommen zu haben sich rühmen können, Juden gegenüber sich erlaubt haben. Der Staat, der arme Kranke versichert, das Reich, in dessen Interesse die versicherten Kranken ohne Unterschied der Konfession in Bäder geschickt werden, haben ein dringendes Interesse daran, daß Patienten ungestört Ruhe und Erholung dort finden, wohin ihre Aerzte sie schicken, die ja nur nach medizinischen und auch wohl ökonomischen, nicht nach konfessionellen Erwägungen raten. Staat und Reich haben ein Interesse daran, daß nicht Ausländer in deutschen Badeorten molestiert werden, und vielleicht internationale Konflikte dadurch heraufbeschworen werden. . Die deutsche Nation endlich hat ein Interesse daran, daß sie nicht zu-denen gezählt werde, die ungastlich selbst Kranken und Schwachen gegenüber ist. Man mag mit den antisemitischen Flegeleien das Jahr hindurch sich auseinandersetzen wie man will und mag, den im Kampfe ums Dasein Verwundeten, den von der Natur Niedergeworfenen muß derselbe Schutz, gewährt werden, den selbst heidnische Völker, wenig zivilisierte Länder im Kriege verwundeten Feinden, die ihnen eben noch mit der Waffe in der Hand gegenüber gestanden haben, im männermordenden Kriege gewähren. Wir schämen uns der Antisemiten, aber der antisemitischen Sommerfrischen könnten sich selbst die Antisemiten schämen, so gering der ihnen gebliebene Rest, von Schamgefühl auch sein mag. Bis es aber anders geworden ist, meide jeder Jude diese antisemitischen Badenester. * j Dir Woche. Berlin, 26. Juli. Die antisemitischen Blätter werfen in der parlamentarischen Ferienzeit wehmütige Rückblicke auf die abgelaufene Session. Erreicht haben sie tatsächlich nichts Positives; sie haben nichts gehindert, nichts gefördert. Und so fürchten sie mit Recht, daß ihre Anhänger hald einmal fragen werden: Wie lange noch? Auch die Umwandlung in eine sog. „Mittelstandspartei" dürfte ihnen den gewünschten Erfolg kaum bringen. Schon vor acht Jahren begründete der damalige Reichstags-Abgeordnete Dr. Paul Förster seinen Austritt aus der deutsch-sozialen Reformpartei mit den Worten: „In der sozialen Politik fehlt es nur noch an der rechten Stellungnahme und an der rechten Auslegung unseres vorläufig brauchbaren, indes doch nicht ausreichenden Programms. Mittelstand und Mittelstand, darauf sitzen wir fest, ohne daß recht ersichtlich wird, was wir wollen und was wir nicht wollen. . . . Demgemäß wird unsere Bewegung auch im Lande keine rechten Fortschritte machen. Stillstand 'und Mangel an Leben überall! Oder zuviel Leben, das heißt oberflächlicher Radau mit verbrauchten Schlagworten!" Es ist seither nicht besser, eher schlimmer geworden. Weder der Mittelstand noch die deutsch-nationalen Handlungsgehilfen wollen von den Antisemiten fürder gerettet werden. Mit der Ritualmordsäbel ist auch kein Geschäft mehr zu machen, seit die Geschäftsantisemiten erfahren mußten, daß ihre „geniale Geistesarbeit" nicht nur von den Herren Lustmördern gewürdigt wurde, die nach ihrer eingehenden Belehrung den unglücklichen Opfern regelrecht die Kehle durchschnitten, um durch einen „Schächtschnitt" den Verdacht von sich auf die Juden zu lenken, sondern auch von anderen Verbrechern, welche die Spuren ihrer Taten durch „eine fachmännische Leichenzerstückelung" zu verwischen gedachten. Den norddeutschen Antisemiten ist insbesondere durch eine Wendung in der traurigen Konitz-Affäre zunächst die Lust vergangen, über gruselige Geschichten von verschwundenen Kindern, Schächtschnitten, blutleeren Leichen u. dgl.- zu phantasieren, während sich einzelne rückständige süddeutsche Antisemiten noch in der neuesten Zeit im „Bayerischen Vaterland" gestatteten, das Verschwinden von vier Kindern „den Juden" in die Schuhe zu schieben, und von der Wiederauffindung der im Münchener Polizeibericht erst als „abgängig", dann als „ermittelt" gemeldeten Lieblinge keine Notiz zu nehmen. Dabei ist im eigenen Lager beständiger Bruderzwist. Nicht drei von den Führern sind untereinander einig. Und auch in der parlamentarischen Partei bestehen große Differenzen über Ziele und Zwecke des Antisemitismus. Was bleibt also" noch übrig?

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