Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 29. Juli 1904, 68. Jahrgang. No. 31. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 2H. Redakteur: Gustav rttarpele». Begründet von Rabbiner S«- Ludwig Phittpxson. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Untilkmitilche Lader und Sommerkrilchen. Berlin, 26. Juli. llgemein wird anerkannt, daß in unserem rastlosen Zeitalter allen, die vom Kampf ums Dasein mehr als jemals ermüdet zusammensinken, eine sommerliche Erholung in einem dazu geeigneten Orte eine unbedingte Notwendigkeit ist, sollen sie nicht ganz zusammenbrechen, frühzeitig dem Siechtum verfallen und ihre Familien ohne Stütze zurücklassen. Zu denen, die am angestrengtesten, am fleißigsten arbeiten, gehören — wenn auch viele, die nur ganz bestimmte Arbeit für Arbeit halten, es nicht Wort haben wollen — die Juden. Vielleicht machen gerade die Arten ihrer Beschäftigung, zu welchen sie durch von ihnen nicht gewollte und nicht verschuldete Umstände hingedrängt worden sind, mehr als andere die Muskeln möglicherweise mehr anstrengende Beschäftigungen für die meisten Juden eine Erholung sogar ganz besonders nötig. Die Männer, die den ganzen Tag hinter dem Ladentisch, im Kontor, am Schreibtisch und die, wenn auch nur wenige Stunden, an der Börse „arbeiten", machen Aufregungen durch, von denen der Ländmann, der in Gottes freier Natur arbeitet, der Handwerker und der Industriearbeiter sich nichts träumen lassen. Ihnen tut wahrlich eine Erholung not, selbst wenn sie über keine der zahlreichen Krankheiten und Gebreste zu klagen haben, denen alle Staubgeborenen, ob sie diesem oder jenem Glauben angehören, nach den Gesetzen der konfessionslosen Natur ausgesetzt sind. Darum hat uus von allen Ungeheuerlichkeiten, die der Antisemitismus im deutschen Vaterlande erzeugt hat — und es gibt deren mehr als zu viel, und manche recht schändliche — keine mit solcher Empörung erfüllt, als die Stempelung gewisser Bäder und Sommerfrischen zu antisemitischen. Man sollte glauben, diese Orte müßten, wie einst die im Pentateuch vorgeschriebenen Zufluchtsstätten selbst den Mördern, wie der Altar und die Tempel der Heiden den schlimmsten Verbrechern Schutz gewährten, so allen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, die nur müde oder gar krank, für Geld und gute Worte das Recht, frische Luft zu atmen, heilbringendes Wasser zu trinken, den Frieden der Natur zur Beruhigung ihrer Nerven zu genießen erkaufen möchten, ohne weiteres offen stehen. Die Antisemiten haben es anders gewollt. In derselben Zeit, in welcher-alle nur einigermaßen von der Kultur beleckten Völker selbst ihren verwundeten Feinden die Wohltat des Roten Kreuzes, der ärztlichen Pflege in dem sonst alle Zivilisation auf den Kopf stellenden, alle Gesetze umstürzenden Kriege zu teil werden lassen, verschließen sie im friedlichen Kampfe zusammengebrochenen Mitbürgern, die wie sie und vielleicht oft mehr wie sie, dem Staate dienen und nutzen, roh, brutal die großen Apotheken der Natur. Es ist wohl noch nie einem Antisemiten eingefallen, von antisemitischen Apotheken zu träumen. Es dürste auch schwerlich geduldet werden, wenn etwa der einzige Apotheker eines Ortes an Juden Medikamente nicht verkaufen wollte, weil er Antisemit ist oder seine antisemitische Kundschaft es verlangt. Die von der Natur geschaffenen Llpotheken aber sind sie ruchlos und vermessen genug, antisemitisch abzustempeln. Es mag vielleicht gesetzlich noch weniger als das „Kauft bei keinem Juden" das „Verkauft an keinen Juden" angefochten werden können. Es mag sein, daß die Direktion eines einer Privatgesellschaft gehörenden Badeorts berechtigt ist, Juden direkt oder indirekt von dem Besuch dieses Ortes sernzuhalten. Da wir Freizügigkeit haben, wird ein direktes Verbot wohl nur in den seltensten Fällen angängig sein. Aber die Antisemiten wissen sich zu helfen. Sie beschmieren die Badezellen, die Tische und Wände in den Hotels mit so gemeinen Bildern, Worten, antisemitischen Sinnsprüchen, daß nicht nur Juden, sondern allen anständigen Menschen der Aufenthalt verleidet wird. Und wer von den jüdischen Badegästen etwa nicht sehen will, der bekommt^ durch die unflätigsten Zurufe zu hören, und wer auch nicht hören will, der bekommt^ wohl gar auch zu fühlen; denn die Antisemiten sind gelehrige Schüler des Dreschgrafen, wenn sie überhaupt erst zu lernen brauchen .und nicht schon von Natur so veranlagt sind, daß sie, geht einer nicht willig, ja selbst wenn einer willig geht, Gewalt brauchen. Es ist begreiflich, daß unter solchen Umständen Juden es vorziehen, alle antisemitisch gebrandmarkten Bäder und Sommerfrischen zu meiden. Wer sich während seiner Badekur, in der seiner Erholung gewidmeten Zeit nicht unangenehmen, widerwärtigen, vielleicht sogar die Kur nachteilig beeinflussenden Aufregungen aussetzen will, wird natürlich gut tun, solche Kurorte zu meiden. Und zwar gilt das nicht nur von Juden. Es ist nicht selten vorgekommen, daß Christen, ja sogar Antisemiten wegen ihrer schwarzen Haare, wegen ihrer vermeintlichen Judennase, die aber gar keine Judennase ist und nach einer in Newyorker Hospitälern aufgenommenen Statistik bei Nichtjuden häufiger vorkommt als bei Juden, wegen ihrer vermeintlich jüdischen Physiognomie, mit der aber viele Ausländer, so Franzosen, Italiener, Spanier behaftet sind, wegen ihres vermeintlich jüdischen Namens, obwohl es auch, sogar -sehr hochstehende christliche Träger der. Namen Simon, Blumenthal, Rosenberg rc., für Juden gehalten und danach behandelt, d. h. angerempelt, beleidigt und selbst durchgeprügelt worden sind. Es wird natürlich nicht jeder Christ