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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-22 · Heft 30 (22.7.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 30. Berlin, 22. Juli 1904. Der Gemeindetzote. Beilsse zur „Allgemeinen Leitung drK Judentums lkorretponden?en und Nachrichten. Deutschland. — Berlin, 17. Juli. In der wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin hielt am 11. v. M. Herr Dr. Fiegel einen Vortrag über die Fortbildung des jüdischen Lehrers. Nachdem er im allgemeinen von der Weiterbildung des Lehrers gesprochen und dann besonders auf die des jüdischen Lehrers eingegangen war, hob er hervor, in welcher Weise der Verband der jüdischen Lehrervereine zu dieser Frage Stellung genommen, und wies die Angriffe, die die Vorschläge des Herrn Rektor Dr. Gutmann erfahren, energisch zurück. Weder der Kommission, die sich mit dieser Frage beschäftigte, noch Herrn Rektor Dr. Gutmann, führte der Referent aus, sei es in den Sinn gekommen, dahin zu wirken, daß das Quellenstudium, das Studium von Mischna und Gemarah, aufhöre. Und was das Studium der bibelkritischen Werke, die in der Denkschrift empfohlen seien, betreffe, so dürfe man zu den Lehrern das Vertrauen haben, daß sie Wahres von Falschem, unhaltbare Hypothesen von feststehenden wissenschaftlichen Ergebnissen werden zu unterscheiden wissen. Wer seine Religion im Herzen trage, werde durch kritische Betrachtungen über die Urkunden der Religion an seiner religiösen Gesinnung keinen Schaden nehmen. Es sei eine Geringschätzung des ganzen Lehrerstandes, wenn man dem jüdischen Lehrer, wie die Gegner der wissenschaftlichen Fortbildung wünschen, vorschreiben wolle, welches Buch er lesen dürfe und welches nicht. Herr Dr. Fiegel sprach noch sein Bedauern darüber aus, daß auch Kollegen jenen Feinden des Lehrerstandes Gefolgschaft leisten. Auch der Vorwurf, daß Herr Rektor Dr. Gutmann zu wenig Werke jüdischer Autoren genannt habe, sei hinfällig; denn die jüdischen Gelehrten hätten leider bis jetzt sehr wenig für die praktischen Bedürfnisse des Religionsunterrichts geschaffen. (?) Der Verbandsvorstand werde, so schloß der Vortragende seine Ausführungen, die Frage weiter unparteiisch behandeln und hoffentlich zu einem allseitig befriedigenden Resultate kommen. In der Diskussion wurde u. a. dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß die in dem Vortrage erwähnten Angriffe vom Verein aus eingehend widerlegt werden. Davon soll aber zunächst abgesehen werden. Ferner wurde von den in der Denkschrift empfohlenen Kursen zur Fortbildung der jüdischen Lehrer in den Religionswissenschaften gesprochen und ein Antrag: Der Verbandsvorstand solle ersucht werden, an den D. I. G. B. betreffs Einrichtung solcher Kurse heranzutreten, angenommen. Zum Delegierten für den Kasseler Verbandstag wurde der Vorsitzende Herr Rektor Dr. Gutmann gewählt. 8. Berlin, 17. Juli. Von dem Kammergerichtspräsidenten v. Schmidt entwirft die „Deutsche Jur.-Ztg." eine Charakterzeichnung, die ihn im vorteilhaftesten Licht erscheinen läßt. Es heißt da u. a.: „Einen unparteiischeren, persönlichen Einflüssen, besonders auch der eigenen Zu- und Abneigung weniger zugänglichen Präsidenten konnte man sich nicht denken. Er wußte wohl, daß das Staatsinteresse vor allen Dingen begabte Persönlichkeiten dem Staate zu erhalten gebietet, und er hat solche stets heranzuziehen und zu erhalten gewußt. So hat auch die Abstammung in seinen Erwägungen niemals eine Rolle gespielt." Das klingt ja sehr erfreulich, wenn auch vorsichtig statt „Konfession" „Abstammung" gesagt wird. Am- Ende haben auch die früheren Präsidenten des Kammergerichts auf die Abstammung nicht gesehen. Ein Jude hat es aber trotzdem noch nicht zum Kammergerichtsrat gebracht. s. Berlin, 17. Juli. Dem im Hererofeldzug gefallenen jüdischen Leutnant Bendix - widmet der frühere Kommandeur der Schutztruppe, Oberst Leut wein, in Nr. 79 des „Militär-Wochenblatts" vom 5. d. M. den folgenden ehrenden Nachruf: „Windhuk, den 24. April 1904. Am 13. März, im Gefecht bei Owikokokeru, fiel der Leutnant der Reserve, Bendix, vom Königl. Bayerischen 3. Pionierbataillon. Leutnant Bendix gehörte als Ingenieur zur Otowibahn- Gesellschast, und war erst seit wenigen Monaten im Lande, als der Aufstand ausbrach. Derselbe stellte sich freiwillig zur Verfügung und leitete zunächst den Wiederherstellungsbau der Eisenbahn. Zur Feldtruppe versetzt, fand er dann einen schnellen ruhmvollen Tod. Seine hervorragende Tüchtigkeit in seinem Zivilberuf und sein gefälliges, liebenswürdiges Wesen sichern ihm ein dauerndes Andenken bei der Schutztruppe. Im Namen der Offiziere und Sanitätsoffiziere der Schutztruppe: Leutwein, Oberst und Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe für Südwestafrika." 22 Berlin, 17. Juli. Aus dem Jahresbericht der Berliner Judenmifsion ist der „Vofsischen Zeitung" der nachfolgende Satz beachtenswert: „Von den 58 Katechumenen schieden im Laufe der Zeit ihrer 13 aus, zumeist weil sie mit der Dauer des Unterrichts und mit dem positiven Bekenntnis der Mission nicht einverstanden waren. Einem Juristen verweigerten wir die Taufe, weil er sich außerstande erklärte, das apostolische Glaubensbekenntnis als sein Bekenntnis abzulegen. Er ist bald danach von einem anderen Berliner Geistlichen, der daran keinen Anstoß (im Bericht gesperrt) nahm, dennoch getauft worden, ein betrübendes Beispiel für den Widerstreit der Meinungen, der gegenwärtig die evangelische Kirche durchzieht." Die „Voss. Ztg." ist darüber empört, daß liberale Geistliche nicht das Recht haben sollen, jeden Uebertretenden ohne das Apostolikum aufzunehmen. Sie meint: „Auch in der Mission scheint man zu nehmen, wo was zu holen ist, wie bei den Kirchbauten." Wörtlich dasselbe könnte man aber auch vielleicht von jenen liberalen Geistlichen sagen. Berlin, 17. Juli. Im Stadttheater in Moabit feierten vor kurzem die hier ansässigen Kreise russischer Studierender ihr Sommerfest durch eine russische Theateraufführung des Schauspiels „Die Juden", das den namhaften russischen Dichter Tschirikow zum Verfasser hat. Das Drama führte uns in lebensvoller Darstellung in eine Stadt des jüdischen Ansiedlungsrahons im nordwestlichen Rußland und spielt in der Gegenwart unter dem Eindruck der furchtbaren Greuel in Kischinew, die auch hier ihre Fortsetzung finden und in denen die handelnden Personen teils durch die heranstürmende Rotte des Pöbels, teils freiwillig ihren Tod finden. Das Stück ist ein Tendenzstück, aber es spiegelt fein psychologisch die unter den Juden herrschenden Strömungen wieder. Alle diese gehetzten und gequälten Menschen stehen unter dem Banne der seit Jahrhunderten auf ihnen lastenden Verfolgungen im heiligen Rußland, der unter der Asche glimmenden Gefahr, mühsam erworbenes Gut und Leben fortwährend aufs Spiel setzen, Kinder, Eltern und Freunde verlieren zu müssen, sobald wieder einmal die niedrigsten Instinkte des Pöbels gegen sie aufgestachelt werden. Und in diese Atmosphäre sind vom Dichter der jüdische Uhrmacher Frenkel, der Vertreter des alten jüdischen Glaubens, hineingestellt, dessen Kinder, ein Sohn und eine Tochter, die als sozialistische Studenten wegen Beteiligung an den Unruhen relegiert, wieder daheim in den alten Kreis kommen, über den sie schon hinansgeschritten zu sein wähnten. Hier treffen sich die Gegensätze mit Nachmann, dem neurasthenischen jüdischen Jugendlehrer der Tochter, der, unerwiderter Liebe zu ihr entsagend, sein ganzes Denken und Fühlen dem Zionisnms weiht und der zu beweisen sucht, um wieviel elender noch der Jude um seines Glaubens nnd seiner Rasse willen dasteht als der elendeste Proletarier. Da ist auch der Typus des christlichen Studienfreundes des Geschwisterpaares gezeichnet, seine Liebe zu der Tochter des Alten, die, dem Vater geoffenbart, diesen zur Verzweiflung bringt; das Charakterbild des jüdisch-sozialistischen Arbeiters und des armen Gehilfen des Uhrmachers, der sich an der Ekstase des Zionisten begeistert und in seinem armseligen Dasein den -schönen Traum der jüdischen Auswanderung nach Palästina träumt, des jüdischen Arztes, der als Cyniker die Lebensmaxime predigt, daß der Jude reich zu werden strebe, damit die anderen sich vor ihm bücken. Unter diesen Erörterungen, denen es freilich an dramatischer Entwicklung gebricht, vollzieht sich die Katastrophe, der alle zum

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