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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-22 · Heft 30 (22.7.1904) · p. Seite 360

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
Seite 360 (sequence 10)
Language
German
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360 Nehmen Sie sich nur vor ih r in acht l Sie hat viel Temperament und ist etwas leichtsinnig. Jahrelang war sie mit einem Herrn intim, und ihre Verlobung schien sicher. Aber sie hat auch anderen ihre Gunst geschenkt, und so wurde nichts daraus." Dann fielen ihr Elses Worte ein: „Sie zeichneten Magda sehr aus, Herr Kantor!" und wie ein Schleier legte es sich um ihre Augen. Sie vermochte ihn nicht näher darüber zu befragen, trotz des Bundes, den sie geschlossen hatten. Bei ihrem letzten Besuche hatte auch Magda sehr viel von dem jungen Mann gesprochen, von.seiner Bescheidenheit und Zurückhaltung, von seiner Bildung und seinem schönen Gesänge. — Sie konnte sich kaum aufrecht erhalten. — Da vernahm sie seine Stimme: „Fräulein Deborah, ich muß schon gehen. So gern ich möchte, — ich kann nicht länger bleiben. — Adieu, mein Fräulein". „Adieu, Herr Kantor". Sie berührte kaum seine Hand, und als er sie deshalb verwundert ansah, schlug sie die Augen nieder. Kaum war er draußen angelangt, da begegnete ihm die Hausfrau. „Ach, Herr Kantor! Bitte, treten Sie noch einmal ein. Ich habe mich schon so lange auf Ihren Besuch gefreut. — Debi, komm, nimm mir Hut und Mantel ab." Deborah eilte herbei und beschäftigte sich liebevoll mit ihr. Bald saß Mama mit dem seinen, blassen Gesicht und den dunklen, klugen Augen im Korbstuhl und plauderte interessiert und lebhaft, während Deborah sich um das Mittagessen kümmerte. „Wie gefällt es Ihnen bei uns? Nicht wahr/ es lebt sich ganz nett hier, wenn man nur einigen angenehmen Verkehr hat. Ich höre, Sie sind oft bei Silbersteins und Chones. Ganz liebe Mädchen. Debi kommt allerdings wenig mit ihnen zusammen. Das arme liebe Kind ist sehr geplagt und fast nur mit mir alter Frau zusammen. Sie sagt, ich wäre ihre liebste und beste Freundin". — Sie fuhr mit der Hand über die Angen. — „Nun ja, ja; aber ein junges Mädchen muß doch Verkehr Pflegen mit Altersgenossinnen. — Manchmal besuchen wir Lewins; d i e kenne ich, solange wir hier wohnen, und wir verleben manchen gemütlichen Abend." „Da stinune ich Ihnen bei, Frau Kantor. Gemütlich ist ist es bei Lewins immer! Ich beabsichtige heute, mit ihm und Herrn Chone einen kleinen Skat zu spielen." — Ihr Gesicht trübte sich. „Früher, als mein Seliger noch lebte, kamen oft die Herren zu uns zum Skat, — aber jetzt . . . Wie, Sie wollen wirklich fort, Herr Kantor? Aber auf baldiges Wiedersehen!" — (Fortsetzung folgt.) Sxrechsgal. Geehrter Herr Redakteur! ie Nr. 26 der Allgemeinen Zeitung des Judentums enthält einen Artikel, in dem mir ein Vorwurf daraus gemacht wird, daß ich in meinem Vortrage „über das Verhältnis der Frauenbewegung zu den politischen und konfessionellen Parteien" auf dem Berliner Frauenkongreß der jüdischen Konfession nicht gedacht habe. Ich bedauere diesen Vorwurf, muß ihn aber als ungerechtfertigt entschieden zurückweisen. Mein Thema waren die Beziehungen der Frauenbewegung zu den im Reichstage und in den Landtagen vertretenen, teils rein politischen, teils politisch-konfessionellen Parteien, also dem Konservativismus, dem Liberalismus, der Sozialdemokratie, dem Zentrum und seinem bedeutend schwächeren Gegenstück, dem evangelischen Klerikalismus. , Eine jüdische „Partei" ist meines Wissens nicht vorhanden, wie hätte ich sie künstlich konstruieren können? J - Da ein Lasker, ein Bamberger zu den führenden Geistern des Liberalismus gehören, da die Sozialdemokratie mit den Namen Marx, Lassalle unauflöslich verknüpft ist, so erscheinen auf politischem Gebiete jedem Unbefangenen unsere jüdischen Mitbürger als völlig, mit dem nationalen deutschen Leben verwachsen und darin aufgegangen. Sie sind ganz natürlicherweise in verschiedenen Parteilagern vertreten. Ebenso ist uns in der Frauenbewegung das Zusammenarbeiten mit ausgezeichneten und hochbegabten jüdischen Frauen von jeher eine selbstverständliche Sache gewesen. Die deutsche Frauenbewegung hat das Glück gehabt, eine Fanny Lewald, Jeanette Schwerin, Henriette Goldschmidt zu den ihrigen zu zählen; und nichts lag mir ferner, als ihre großen Verdienste, ihren maßgebenden Einfluß aus irgend einem Prinzip mit Stillschweigen zu übergehen. Sie gehörten eben zur interkonfessionellen Frauenbewegung; in meinem Vortrage fehlte die sachliche Veranlassung, sie zu erwähnen. Wäre diese interkonfessionelle Frauenbewegung noch heute einheitlich, ungeteilt und von jeder religiösen Färbung frei, wie sie es bis vor kurzem war, so wäre auch von einer Beziehung zum christlichen Klerikalismus nichts zu sagen gewesen. Seit einigen. Jahren aber hat sich eine selbständige evangelische und eine selbständige katholische Frauenbewegung unter klerikaler Mithilfe gebildet, welche beide das konfessionelle Prinzip an die erste Stelle setzen und von ihm eine Art Gegensätzlichkeit zur interkonfessionellen Bewegung herleiten. Sollten sich jüdische Frauen ebenfalls zu einer eigenen Bewegung zufammenschließen — und wie ich höre, ist diese Absicht aufgetaucht — so wäre von diesem Momente an auch eine ausgeprägte politische Beziehung zur jüdischen Konfession als solcher geschaffen. Vorher aber fehlte sie vollständig; und ich hätte gar nicht gewußt, auf welches Tatsachenmaterial hin ich einen Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Frauen unserer Bewegung hätte konstatieren sollen. - Meine Ausführungen bedeuteten also nicht, wie der erwähnte Artikel annimmt, den Ausschluß, sondern in allerhöchstem Grade den selbstverständlichen Einschluß des jüdischen Elementes in die deutsche Frauenbewegung; und wenn Leute im Saale anwesend waren, die „verwundert" und „unwillig" zugehört haben, so hat ihnen eben die Kenntnis der politischen Situation gefehlt, deren Darstellung mir aufgetragen worden war. Dessen bin ich gewiß, daß alle unsere jüdischen Mitarbeiterinnen, die einerseits den Geist der deutschen Frauenbewegung kennen, andererseits aber auch wußten, wovon in dem Vortrage die Rede sein sollte, mich nicht mißverstanden haben. Hochachtend Jka Freudenberg. * Geehrter Herr Redakteur! ^hre Ausführungen in Nr. 26 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (Seite 302) über die Graf Douglassche Rede im Abgeordnetenhause erinnert mich an eine Episode, die sich vor allerdings etwa 25 Jahren in einer amtlichen Kreislehrerkonferenz im Regierungsbezirk Kassel zugetragen hat. Ein Lehrer, der auf regierungsseitige Veranlassung ein Referat darüber hielt, was die Schule zur Bekämpfung der Umsturzideen tun könne, forderte u. a., der Lehrer sei ein Charakter. In der Debatte schlug ein Geistlicher vor, zu sagen, der Lehrer sei ein christlicher Charakter. Einer der vier bei der Konferenz beteiligten jüdischen Lehrer trat jedoch scharf gegen diese Forderung auf, selbstverständlich unter Berufung auf seine Konfession, und schlug vor, es bei der Forderung des Referenten zu belassen oder — wenn das nicht genügend erscheine — zu sagen, der Lehrer sei ein religiöser Charakter. Der letztere Vorschlag fand denn auf besondere Empfehlung des den Vorsitz führenden Königlichen Kreisschulinspektors und eines weitern Geistlichen einstimmige Annahme. Borken, 1. Juli. m. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwih in Berlin.

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