Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-22 · Heft 30 (22.7.1904) · p. Seite 359

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
Seite 359 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228612--60975-3274773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Herrschen"? Nein. Er herrschte doch schon über ihn. Er wollte nur, daß er sich vor ihm bücken sollte . . . Nun?" „Wie vor dem gestrengen Herrn Bürgermeister," rief ein vorlautes Bürschchen, dessen Vater durch seine nie ausbleibenden Bücklinge vor höher gestellten Personen bekannt war. Wieder lachte die Kinderschar. Deborah trat hochaufgerichtet vor die Klasse und zwang die Unruhstifter durch ihren ernsten, Gehorsam fordernden Blick zu schweigen. Sie sah energisch und stolz aus mit diesem Zug von Willenskraft um den herb geschlossenen Mund. „Es ist jemand da, Fräulein," flüsterte ein kleines Mädchen in der vordersten Bank. Sie wandte sich um. Ein leichtes Lächeln glitt über ihr-- Antlitz. „Herr Kantor, Sie?" „Verzeihen Sie, Fräulein Herz, — es ist bald zwölf Uhr. — Und ich glaubte, ich dachte . . ." Er spielte nervös mit der Uhrkette. - „Ich hatte Ihr Klopfen überhört, da die Kinder laut lachten. Wollen Sie nicht weiter kommen." -*< „Ich möchte gern ein wenig zuhören!" „Bitte! — Also, meine Kinder, antwortet auf meine Frage. Mordechai sollte sich vor Haman bücken wie vor wem? —t- Hansa, weißt Du es?" . „Mordechai sollte sich vor Haman bücken wie vor Gott," kam die ruhige, sichere Antwort. „Gut. Zum nächsten Male lernt Ihr dasselbe noch einmal, aber gründlich. — Geht!" Gelbe, braune und dunkle Zöpfe jagten sich durcheinander, Püffe und Stöße, hastiges Flüstern und Kichern, — Schnattern wie Gänse, die ihrem Stall entlaufen, ein warmes Einpacken in die dicken Tücher, Mäntel, Kapuzen, so daß kaum die rosigen Nasenspitzen hervorlugen, ein „Adieu Fräulein, adieu!" und das junge, übermütige Volk trollte hinaus. Eine kleine Verlegenheitspause trat ein.' Deborah nahm ihre Bücher zusammen. „Mama ist leider ausgegangen. Sie müssen mit mir vorlieb nehmen. Bald saßen sie in dem traulichen Wohnzimmer, in welchem Ernst und Anmut geschäftig waren. Die hohen eichenen Bücherschränke, der Schreibtisch, das einfache Sofa und all die kleinen gehäkelten, gestickten und scheinbar bunt zusammengewürfelten Kissen, Deckchen, Vasen, Etageren mit niedlichem Krimskrams, der Blumenständer in blühender Pracht und das Klavier füllten - mit Nähmaschine und einem Lehnstuhle am Fenster das Ge- , mach aus. Ueberall waren Spuren geschickter, ordnender Frauenhände, alles sprach von Behagen, Schönheitssinn und Zufriedenheit. „Wie ist Ihr Befinden heute, Fräulein Deborah?" „Danke. Ich habe famos geruht und bin wieder ganz fidel." „Ich habe, Sie vorhin bewundert. Wie sehr doch die Kinder an Ihnen hängen!" „Ich habe sie auch sehr lieb und diese Liebe leitet mich bei meinen Handlungen. Man darf die Kinder nicht verwöhnen, aber hin und wieder muß man sie loben, damit sie nicht die Lust zur Arbeit verlieren. Heute haben sie sich übrigens nicht von ihrer besten Seite gezeigt. — — A propos. — Wie war es denn gestern Abend?" „Ganz nett, — hm, hm!" Sie lachte. „Wie gezwungen es klingt!" Er erschrak. „Nein, nein/ich wollte das nicht. Die Damen waren sehr liebenswürdig. Fräulein Ehone ist ein reizendes, kluges, lebhaftes -" „Aha! Sie zappeln schon im Netze," lachte sie spöttisch. Er flammte auf. „Fräulein Deborah?" „Mein Gott ja! Ich bin wirklich ungezogen gegen Sie und ich weiß selbst nicht, warum." Glühendes Rot bedeckte ihr hübsches Gesicht. Da klopfte es. Das wird Mama sein," sagte sie und ging,.um zu öffnen. Aber es war nicht Mama, sondern Else Morgenstern. . „Ah! Herr Kantor! Auch hier! Wie ist Ihnen denn der gestrige Abend bekommen? Sie haben natürlich einen Kater. Wenn man auch so viel Bier trinkt! — Laß nur, Liebe", wehrte sie Deborah ab, die ihr einen Sessel brachte. „Ich habe nicht lange Zeit. Wollte Dich nur bitten, mir einige von Deinen „Aufführungen" zu leihen. Ich hörte. Du hast einige, und wir sind eben dabei, für Purim etwas auszusuchen. Zuerst werden lebende Bilder gestellt — Purimbilder —, dann wird gesungen und zuletzt ein. Lustspiel aufgeführt. Dieses Mal wirst Du doch hoffentlich audf dabei sein, Debi, da das Trauerjahr vor einigen Tagen vorüber war. Darf ich Dich mit meiner Bitte belästigen?" Deborah schloß eine Schieblade ihres Schreibtisches auf und suchte einige kleine Hefte heraus. „Wollen Sie sich nicht setzen, Fräulein Morgenstern?" „Danke, danke, Herr Kantor. — Was sagen Sie denn 31t Rosas Klavierspiel und Magdas Klugheit? Sie zeichneten letztere außerordentlich aus, und sie selbst scheint ganz begeistert von Ihnen zu sein. Aber — Sie werden ja ganz rot, Herr Kantor! — Wir sind hier eine ganze Künstlergesellschaft. Sie müssen in den Bund ausgenommen werden. Einzelne sind jetzt verreist, wie Gertrud Dorn, meine Schwester Sarah und Martha Eschenbach. Die eine malt, die andere deklamiert und Martha kocht vorzüglich. Einige Herren haben wir auch. Mein spezieller Freund, Salomon Eisner — und in den umliegenden Fabriken sind ein paar nette, jüdische Ingenieure. Danke schön, Debichen, bist wirklich ein herziges Mädel. Ist sie nicht ganz famos, Herr Kantor? Hübsch zum Verlieben, nicht? — Wenn Du Herrn Kantor hättest gestern singen hören, ah — — oh! — Ich sage Dir, Cerim ist nichts dagegen! Unvergleichlich! Süperb! Wie sagt doch Schiller? — „Es schwinden jedes Kummers Falten, Wenn seines Liedes Zauber walten!" — Adieu, Liebste. Ich muß wirklich fort, grüße Deine Mutter schön und vielen Dank. Nicht wahr, Sie waren Opernsänger, Herr Berger? Wir schreiben es ganz groß auf die Progranune. Adieu, adieu!" Der arme, geängstigte Kantor hatte gerade noch Zeit, ein „um Gotteswillen nicht, Fräulein," zu stammeln. Lachend kam Deborah zurück, die den Gast hinausbegleitet hatte. Zwinkernd und lustig blinzelnd sah sie den geknickten Freund an. „Ein nettes, gescheidtes Mädchen, nicht wahr? Ist Ihnen unwohl, ein Brausepulver vielleicht?" Er wehrte matt ab. „Wieso ich heute zu der Ehre dieses Besuches komme, ist mir ein Rätsel. Sollten die Purimaufführungen der einzige Grund sein? —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.