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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-22 · Heft 30 (22.7.1904) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
Seite 358 (sequence 8)
Language
German
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hielt, schrieb und worin er sich über die politischen, religiösen und sozialen Fragen des Staates, die alle Welt beschäftigten, ebenso eingehend wie unumwunden äußert. In der ersteren Stadt verkehrte er mit Vorliebe mit jüdischen Dichtern und Schriftstellern, wie Moritz Hartmann, I. Kaufmann u. a. Doch fand er nirgends Ruhe, weil die Sehnsucht nach seiner Frau und seiner einzigen Tochter Eleonore seine Seele quälte. Obschon er überall gefeiert wurde, fühlte er sich doch in der Ferne unbehaglich. Sein Sehnen geht nach der Heimat, nach der Geliebten, zu seinen Arbeiten. Auch in diesen Arbeiten erkennt man das lebhafte Interesse, welches Feuerbach trotz seines scharfausgesprochenen antitheologischen Standpunkts noch immer für das Judentum hegte. Von den großen jüdischen Philosophen war Feuerbach in erster Linie Baruch Spinoza ans Herz gewachsen. In seiner eingehenden Studie über ihrU) verteidigt er Spinoza mit aller Entschiedenheit gegen den Vorwurf des Atheismus, den man von gewisser Seite gegen ihn erhoben habe, indem er u. a. sagt: „Der Philosophie des Spinoza hat man bis zum Ekel oft vorgeworfen, daß sie Atheismus sei oder Pantheismus, im gewöhnlichen abgeschmackten Sinn, das Unendliche mit dem Endlichen identifiziere, verwechsle, das Endliche zum Unendlichen mache. Allein diese Vorwürfe sind zu grundlos, um sie einer besonderen Kritik zu unterwerfen; denn keiner hat mehr Existenz, mehr Realität, mehr Macht Gott eingeräumt als er, und keiner noch Gott so erhaben, so frei, so objektiv, so gereinigt von allen Endlichkeiten, Relativitäten und Menschlichkeiten gedacht als er . . . Verderbliche Grundsätze kann die . Philosophie des Spinoza nur entweder für den ganz gemeinen Haufen enthalten, der bloß aus Furcht vor Strafe und Aussicht auf Lohn, aus Gewinnsucht Gutes tut oder für die, die solche Sätze, wie das Gute und Böse ist nichts in den Dingen an sich Wirkliches, d. h. nach Spinoza nichts Absolutes, von der Idee und Anschauung der Substanz als Folgen für sich absondern." Im Uebrigen ruft er den Christen zu, wahre Liebe auch gegen Andersgläubige zu üben, Duldung und Humanität zu betätigen und zwischen Theorie und Praxis eine harmonische Vereinigung herzustellen! Ich schließe diese Skizze mit dem schönen Worte Ludwig Feuerbachs, das sein Menschentum so hell erleuchtet: „Wer nicht zu seinem eigenen Leben das Leben anderer Menschen rechnet, der ist ein wahrer Caspar Hauser in der Welt; er findet sich elternlos in sie, wie in eine Wüste ausgesetzt; er kommt sich selbst vor wie ein Pilz, der über Nacht aufgeschossen ist; sein Dasein ist ihm ein Rätsel . . . Der paradoxe Aphorismus unseres Lebens verliert nur seine fragmentarische Bedeutung, bekommt erst Sinn und Verstand, wenn er im Zusammenhang mit dem großen Text der Vergangenheit gelesen wird." msm Der tzghn im Sorbe. Humoreske von Anna Friedmann. IV. „Bravo! Ein Meisterstück," rief Herr Lewin, der eben den gewonnenen Betrag einstrich, worüber Herrn Chones Gesicht lang und länger wurde. Nur Herr Silberstein, ein großer, hagerer, zugeknöpfter Herr, blieb in seiner unerschütterlichen Ruhe. „Sie sind eine Künstlerin, Fräulein Rosa." „Wundervoll aufgefaßt," so bekomplimentierte man die Virtuosin allgemein. „Ach, ach! Das ist zu viel des Lobes," flötete diese. „Jetzt müssen Sie etwas zum besten geben, Herr Kantor!" „Ach ja, bitte!" schallte es durcheinander. Er widerstrebt, er läßt sich nicht erweichen. „Ich danke, — ich — es tut mir leid, — ich bin nicht bei Stimme." Der volltönende Alt der Hausfrau schneidet weitere Bitten kategorisch ab: „Nun ist auch genug geklimpert. Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen, meine Herrschaften! — Wir wollen Vergnügungen arrangieren, und zwar für den Purimtag eine Wohltätigkeits- Soiree und einige Tage nach Purim einen Maskenball. Vom Frauenverein aus. Meine Kolleginnen und ich. Dazu bedarf ich Eurer und auch Ihrer Hilfe, Herr Kantor! Aber noch nichts ausplaudern, reinen Mund halten, — Else, Magda!" Sie hob drohend den Zeigefinger. Alle waren verwundert, sprachlos. Doch nachdem die erste Bestürzung nach dieser granatengleich einschlagenden Nachricht gewichen war, begann eine Sturmflut von Erörterungen, Fragen und Meinungen, daß Leo Berger gleich einem Küchlein unter die deckenden Flügel Frau Eva Lewins flüchtete, die ihren Stempel oder ihr Veto nur durch bescheidenes Ja — oder Nein kund tat. Ihm wurde heiß, fast schwindlig; sein Kopf brannte. Endlich hielt er es nicht mehr aus. „Wollen Sie nicht mit uns zusammen gehen?" schmachtete die blonde Else mit kokettem Augenaufschlag, als sie vernahm, daß er sich zurückziehen wolle. „Es tut mir leid, mein Fräulein, aber ich-ich habe noch eine Verabredung." „Ah! wirklich? - Schade!" „Erkälten Sie sich nur nicht," rief die vorsorgliche Hausfrau, „und kommen Sie recht zwanglos wieder. Meine Rosel kann Sie ja auf dem Pianino begleiten. Und nicht wahr. Sie helfen uns bei den Proben?" „Gewiß, gewiß!" versicherte der Kantor; er empfing noch verheißungsvolle Blicke, die zärtlichsten Händedrücke und eilte endlich nach zahllosen Bücklingen in die freie Luft. Hu! wie es ihn fröstelte und schauerte! Eine bleiche Mondsichel hing am weißschimmernden Himmelsmeer. Auf den Dächern blendete der Schnee, leichenhafte Blässe, silberfarbene Oede ringsumher. Gelbleuchtender, flackernder Laternenschein huschte an den Straßenecken hin und wieder und bewegte sich unruhig auf dem grauweißen, flockigen Teppich, welcher die Steine bedeckte. Leo hatte heute mehr als gewöhnlich getrunken und die frische Kühle tat ihm wohl. Der Abend zog noch einmal an seinem Geiste vorüber. Magda hatte ihn ausgezeichnet und sie gefiel ihm. Nur das Pincenez störte ihn, die rasche, unruhige, etwas nervöse Art ihrer Bewegungen und ihre modernen Ideen. — Nein, — die entsprach nicht seinem Ideal vom Weib! * „Nun, sage mir Dore, warum hat wohl Haman den Mordechai stürzen wollen?" klang die helle Stimme Deborahs durch das große, kahle Schulzimmer. „Er, — er" — stotterte die Kleine. „Sprich langsam und deutlich," mahnte die junge Lehrerin. „Er wollte selbst herrschen!" Ein schallendes Gelächter der übrigen Kinder begleitete diese naive Antwort. Streng verwies es Deborah, konnte aber selbst nicht umhin zu lächeln. h Ludwig Feuerbachs sämtliche Werke, Band IV, S. 375 ff.

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