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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-22 · Heft 30 (22.7.1904) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
Seite 355 (sequence 7)
Language
German
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355knüpfen, während sie die so gewöhnliche aus Jesa. 40, 29 stammende Danksagung enthält: H3 |n3 ro‘T (Beendet mit Hilfe dessen, der dem Müden Stärke verleiht, und der Schwachen Kraft vermehrt). Prosessor Smend (Altt. Religion, S. 323, Anm. 2) doziert, daß Purim in späterer Zeit zu einem der höchsten Feste der Juden geworden sei; der hochangesehene Forscher, Prosessor Schürer, zählt Purim zu den sünf Festen des Jahres, und Bouffet (die Religion des Judentums im neutestam. Zeitalter 1903. cf. die treffliche Gegenschrift von Perles) druckt das neuerdings nach, ja spricht sogar von „Hauptsesten" — und nun ist die Sache wissenschaftlich erledigt: jeder Gelehrte, der von neuem darüber schreibt, kann sich auf seine Vorgänger berufen; ein Jude, der für solche Phantasien ein Lächeln hat, ist eben voreingenommen, unwissenschaftlich und darum ohne Recht auf eine Meinung. Als ganz charakteristisch erscheint mir ein Beispiel, das aus der eben zitierten Schrift von Perles entnommen ist. Bouffet (1903) beharrptet, daß man in der talmudischen Zeit am Sabbat Geldfammlungen für die Armen veranstaltet habe. Diese Wissenschaft hat er aus Winers biblischem Realwörterbuch. Winer seinerseits entnimmt sie der 1694 erschienenen Synagoge vetus der gefeierten Canpegius Vitringa, der die talmudische Quelle bietet: rDt2 2*12^ D2t2 2122 Hölp- Wenn nun ein jüdischer Theologe sagen würde: Was ihr da berichtet, das ist ja unmöglich. Am Sabbat haben die Juden des Talmud ganz sicher keine Geldsammlung vorgenommen, und unter rpt2 212 ist nicht „der Abend der Sabbat" auch nicht „der Vorabend", sondern einfach der Freitag zu verstehen — dann wird ihn jener vergleichende Religionshistoriker einfach ob seiner Befangenheit und Unwissenschaftlichkeit vordonnern: Ereb Sabbat heißt eben der „Abend des Sabbat" und aus der Vergleichung mit den Gebräuchen der christlichen Kirche ist zu entnehmen, daß man bei den Gottesdiensten Sammlungen für die Armen varnahm. Also abgemacht! — Und so erhält sich ein derartiger Fehler schon über 200 Jahre. An diese Beispiele wurde ich erinnert, als ich jüngst im „Zeitgeist", der wissenschaftlichen Beilage des „Berliner Tageblatts" einen interessanten Aussatz von Dr. Karl Dieterich, „Semitisches in der Kultur des späteren Griechentums" las. Im großen und ganzen zeugen die Ausführungen von tiefer Sachkunde und voller Vertrautheit mit dem Gegenstand — wenn auch einzelne von den angeführten Beispielen, wie von dem Helden, der Stricke zerreißt, nicht durchaus Entlehnung zu sein brauchen, vielmehr viel verbreitete, allgemein menschliche Anschauungen enthalten —; sowie er sich aber auf das Gebiet des Neujüdischen begibt, sogleich Passiert ihm ein bemerkenswertes Mißgeschick. „Läßt nun schon die ohne weiteres personifizierte Verwendung von Städten auf orientalischen Ursprung schließen, so kann darüber kein Zweifel mehr bestehen, nachdem man neuerdings ein hebräisches Klagelied auf die Zerstörung Jerusalems aus dem elften Jahrhundert entdeckt hat, das aus einem Wechselgespräch zwischen Jerusalem und Samaria besteht, und viel Ähnlichkeit hat mit dem auf den Fall von Byzanz. Jede der beiden Städte sucht auch hier die andere zu trösten, indem sie ihr eigenes Los als das schlimmere darstellt. Dreimal kehrt darin der Vers wieder: „Und Jerusalem jammert: Zerstört sind meine Paläste; Und Zion spricht: Mich hat Gott verlassen." Wie diese Elegien zu den Griechen gelangt sind, mag man daraus ersehen, daß in der jüdischen Gemeinde der Insel Korfu noch im 16. Jahrhundert solche Lieder auf den Fall Jerusalems gesungen wurden, wie eine Anzahl davon bezeugt, die in griechischer Sprache mit hebräischen Lettern geschrieben sind." Soweit Dr. Dieterich! Wie mag diese profunde Gelehrsamkeit wohl manchem ein Lächeln äbgenötigt haben! Die Techensche aufgefundene Machsorhandschrift in einer neuen Auflage! Selbstverständlich haben wir unseren alten, lieben Bekannten, die Elegie des Salomo b. Gebirol jnj-| ^ip vp1fclt2 vor uns, die „neuerdings entdeckt wurde", die „noch im 16. Jahrhundert in Korfu gesungen" wurde. Der christliche Gelehrte brauchte natürlich nicht zu wissen, daß diese seit Jahrhunderten bekannte Elegie auch heut noch in dem Ritus für den 9. Ab sich findet, und unzählige Mal in den Gebetbüchern auch in deutscher Sprache mit hebräischen Lettern gedruckt wurde, obgleich eine Anfrage an irgend einen, nur ein klein wenig in der jüdischen Literatur bewanderten Juden, Gelehrten oder Laien, ihm die Aufklärung hätte bringen können. Aber Werke wie Karpeles „Zionsharfe", wo er die Dichtung auf S. 41, oder Brauns „Geschichte der Juden und ihrer Literatur", wo er sie auf S. 76 des zweiten Bandes finden konnte — ganz abgesehen von Geigers Salomo Gebirol — hätte er schon zu Rate ziehen dürfen. Sehr großes Gewicht will ich dieser Entgleisung nicht beigelegt wissen, aber sie ist wieder ein Beweis, wie die Kenntnis der jüdischen.Literatur auch von denen, die sich mit ihren Nachbargebieten befassen, als quantile negligeable betrachtet wird- und daß die Klagen, die seit säst hundert Jahren darüber angestimmt werden, auch heut noch ihre Berechtigung haben. Der Altmeister Zunz stimmt im Jahre 1818 diese durch eine große Anzahl von Beispielen belegte Klage an, und wiederholt sie 1868. David Kaufmann erneuert sie 1886 und begründet sie wiederholt in glänzenden, kritischen Essays in der „Monatsschrift" (36. 1894, S. 379, und 1895, Seite 145: „Die Vertretung der jüdischen Wissenschaft an den Universitäten"), und vor kurzem erst lieferte die treffliche Streitschrift von Perles gegen Bouffet neue Belege. Daß diese Klagen bald werden verstummen dürfen, wagen wir noch nicht zu hoffen; aber unsere Glaubensgenossen sollten daraus eine Mahnung ziehen und sie beherzigen, durch eingehende Kenntnis der jüdischen Literatur gegen falsche Auffassungen und einseitige Darstellungen sich zu wappnen. Ludwig Fenrrbsch in leinen Sr?iehungen?um Judentum. Von Dr. Adolph Kohut. ß udwig Feuerbach, der große deutsche Denker, der radikale Philosoph, war im Gegensatz zu Arthur Schopenhauer und anderen Philosophen des 19. Jahrhunderts keineswegs ein Gegner des Judentums, vielmehr zeigte er im Leben sowohl wie in seinen Schriften so manche Sympathie für dasselbe. Anläßlich seines Säkulartages (28. Juli) dürfte daher eine Betrachtung über diese Beziehungen des berühmten Denkers zum Judentum von allgemeinem Interesse sein. Der in Landshut in Bayern geborene Feuerbach erhielt seine Gymnasialbildung in Ansbach. Die erste während dieser seiner Jugendperiode mit Entschiedenheit hervortretende Richtung seiner Studien galt nicht so sehr der Wissenschaft oder gar der Philosophie, sondern mehr der Religion. Infolge dieser Richtung machte sich der Jüngling die Religion zum Ziel und Beruf seines Lebens und bestimmte sich daher zu einem Theologen.

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