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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-07-22 · Heft 30 (22.7.1904) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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354 .— aus, und diese sind in jeder Richtung sehr freisinnig und bringen dasselbe Resultat zum Vorschein, das die modernen Kritiker der Bibel zu erzielen streben. Er gesteht zwar ein, daß das Judentum etwas mehr als ein bloßer philosophischer Theismus ist, und glaubt auch an die Inspiration der Propheten, aber er verwirft alle rabbinischen Verbote, die den sozialen Umgang mit Nichtjuden erschweren oder gar unmöglich machen, und namentlich sind dies die Speisengesetze. Viel konservativer jedoch sind die Anschauungen hinsichtlich der letzteren Gesetze und solcher, die das jüdische Zeremonialfystem bilden, die in Reverend Mr. Josephs Buch zum Vor-. schein kommen. Das Buch ist, was Inhalt und Sprache betrifft, höchst anziehend, und macht auf den Leser einen bleibenden Eindruck. Da die ganze englisch-jüdische Literatur kein ähnliches literarisch-religiöses Produkt aufzuweisexl hat, so dürfte „Judaism as Creed and Life“ jüdischen wie nichtjüdischen Lesern recht lange als eine belehrende und höchst interessante Lektüre dienen. Denn darin werden sie ohne besondere Geistesanstrengung alles Schöne und Erhabene im Judentum vorgesührt finden, was der Verfasser seit einer Reihe von Jahren, wie eine unermüdlich fleißige Biene, aus, den Blumen und Blüten der althebräischen und rabbinischen Literatur gesammelt und zum allgemeinen Nutzen verwertet hat. — . u Im laufenden Heft der „ Jewish Quaterly Review“ veröffentlicht Mr. Elkan Adler (ein jüngerer Bruder des englischen Chief Rabbi) einen von ihm in Spanien aufgefundenen und. in spanischer Sprache abgefaßten Brief, der den berühmten Menaffeh Ben Israel zum Autor hat, und dessen Existenz bisher unbekannt war. ° Der fragliche Brief ist an einen nichtjüdischen Gelehrten adressiert und enthält einige längere Bemerkungen über biblische Chronologie, die heutzutage von kaum irgend welchem Interesse sind, doch kommen zum Schluß manche autobiographische Einzelheiten vor, die wissenswert sind. Namentlich erfahren wir daraus, daß Menaffeh Ben Israel nicht in Amsterdam, wie allgemein angenommen wirdsondern vielmehr in Lissabon geboren wurde, von wo aus dessen Eltern, um den grausamen Verfolgungen der Inquisition zu entgehen, sich nach dem freier gesinnten Holland geflüchtet haben. Ebenso erwähnenswert ist ein längerer Artikel, der in derselben Review erscheint, und der einen älteren Bruder des englischen Chief Rabbi, nämlich Mr. Marcus Adler, zum Verfasser hat. Der Artikel hat den bekannten Rabbi Benjamin Tudela und dessen interessante Reisebeschreibungen zum Gegenstand, Welche letztere nach drei Handschriften und älteren Druckwerken vom Autor neu bearbeitet und mit einer englischen Uebersetzung versehen wurde, wovon in der Review, vorläufig blos ein Teil abgedruckt ist. Mr. Adler bemerkt in diesem seinen Artikel, daß Mr. Raymond Beazleh, der Verfasser eines vor einiger Zeit in London erschienenen Buches, das „The Dawn of Modem Geography“ betitelt ist, darin die Verdienste hervorhebt, die sich der genannte jüdische Reisende des Mittelalters um die Verbreitung der älteren geographischen Kunde erworben hat. Daß die „Reisebeschreibung" sich von jeher einer ' großen Popularität erfreut haben muß, beweist der Umstand, daß schon im Jahre 1840 etwa dreiundzwanzig Ausgaben und Übersetzungen davon vorhanden waren, deren Zahl seitdem bedeutend gewachsen ist. Chriltliche Gelehrte und die jüdische Millrnlchskt. Von Dr. S. Freund-Ostrowo. er Streit um Babel und Bibel ist noch nicht verstummt, aber in friedlichere Bahnen geraten. Die Bestürzung, die Delitzschs erster Vortrag heraufbeschworen hatte, hat einer ruhigeren und besonneneren Auffassung Platz gemacht; und so mancher Jude, der im ersten Augenblick durch die Sicherheit, mit der jene Behauptungen aufgestellt wurden, sich verblüffen ließ, hat inzwischen erkannt, daß bei aller peinlichen Gewissenhaftigkeit und sprichwörtlichen Gründlichkeit, die den deutschen Professorenstand anerkanntermaßen auszeichnet, doch auch manche Behauptung eines deutschen Professors dringend der Anzweiflung und Nachprüfung bedarf. Als ich kurz nach der Veröffentlichung des Delitzschffchen ersten Vortrages einen gebildeten Glaubensgenossen warnte, das alles für bare Münze zu nehmen, was übereilter Forschermut — oder soll ich sagen Forscherwut? — im Bunde mit einer gewissen Sensationssucht dafür ausgab, da merkte ich Wohl, wie der andere im Herzen a priori auf Seiten der Gegner stand, und sich dachte, daß ein ernsthafter, hervorragender Gelehrter nicht solch umwälzende Behauptungen öffentlich aufstellen würde, wenn er sie nicht strikt beweisen könnte, und daß der Kampf dagegen Wohl eher aus theologischein Vorurteil, als aus wissenschaftlich begründeter Ueberzeugung fließe. Dieselbe Erfahrung mag vielleicht auch so mancher andere gemacht haben, und darum halte ich es für nicht ganz verdienstlos, auch auf einem anderen Gebiete — wo die Nachprüfung viel leichter ist — darauf hinzuweisen, wie oft verdiente Gelehrte und hervorragende, anerkannte Forscher sich auf dem Rayon, wo jüdisches Wissen in Frage kommt, die offenbarsten und ärgerlichsten Blößen geben; wie sie mit souveräner Ueberhebung oft da als Meister aufzutreten sich änmaßen, wo sie bescheiden als Schüler erst Belehrung suchen sollten. „Während sonst auf allen Gebieten" — so schrieb einmal der unvergeßliche David Kaufmann — „die Kenntnis der Vorarbeiten zum unerläßlichen und selbstverständlichen Rüstzeug der Forschung gehört, herrscht bei Fragen, die Judentum und jüdisches Schrifttum betreffen, Voraussetzungslosigkeit. Hier beginnt mit jedem Professor die Welt von neuem; in diesem unwegsamen Dickicht gibt es keine Vorgänger; die Arbeit der Jahrtausende, die ein ganzes Volk für seine Literatur in beispielloser Hingebung geleistet hat, wird.in den Wind geschlagen, als käme es nur darauf an, daß jeder sich da auf eigene Faust lächerlich mache und die Aera der Unwissenheit stets von neuem gezählt werde. Sonst verschmäht man es nicht, zu den Beduinen in die Wüste oder an den Ganges, zu den Parsen und zu den weltverlorenen Brahminen zu pilgern, um für entlegene Wissensgebiete sich Aufklärung zu holen, — aber den nächsten Hebräer um Aufschluß über die von ihm noch immer allein beherrschte rabbi-' nische Literatur zu befragen, fällt den Meistern vom Stuhl, die über solche Fragen sich zu offenbaren Vorhaben, in neuerer Zeit noch immer nicht ein. So gibt der hochbedeutende Orientalist, Professor Merx in Heidelberg mittelalterliche Texte heraus und stolpert dabei über nnnbl ba§ wohl mancher auch ungelehrte Jude als 1)1^27 8271 ’TlS hätte entziffern können. Der Lehrer der semitischen Sprachen am orientalischen Seminar zu Berlin, Professor M. Hartmann liest am Schluffe eines Werkes -ran W *1^2 2^:1 an» und deutet die Abkürzung künstlich auf eine Jahreszahl, um weitere Folgerungen daran zu

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