Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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streifenden Behandlung der nach Rußland reisenden fremden Staatsbürger jüdischen Glaubens ein Ende zu machen, nachdrücklich zu unterstützen. Nicht unerwähnt soll bei diesem Anlasse auch noch eine andere Kombination bleiben, welcher zufolge französische Bankiers beabsichtigen, Rußland zwei Milliarden auf lange Frist zu 3^ Prozent zu leihen. Die Bankiers hoffen dafür bei der russischen Regierung die Gleichstellung der israelitischen Untertanen Rußlands mit anderen Bürgern des Zarenreiches zu erlangen. Dieses Projekt scheine von Witte unterstützt zu werden, und Plehwe lehne es nicht ab. Die Entscheidung des Kaisers sei noch nicht erfolgt oder wenigstens noch nicht bekannt. * Man muß dem „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" dafür dankbar sein, daß er gerade in bezug auf die Stellung der Juden in der Armee seine Bemühungen beharrlich ohne Rücksicht auf etwaige Mißerfolge sortsetzt. So hat er am 16. Mai d. I. an den preußischen Kriegsminister die nachstehende Eingabe gerichtet: Ew. Exzellenz haben nns am 5. März d. I. ans unsere Eingabe vom 8. Januar d. I. beschieden, daß Ihnen „keine Bestimmung bekannt ist, nach welcher Angehörigen des jüdischen Glaubens wegen ihres religiösen Bekenntnisses der Eintritt in die Unteroffizierslaufbahn verwehrt werden kann." Dies veranlaßt uns, Ew. Exzellenz ganz gehorsamft darauf aufmerksam zu machen, daß tatsächlich eine Bestimmung vorhanden ist, welche einen solchen Ausschluß zur Folge hat, und den Zweck unserer ergebensten Eingabe vom 8. Januar d. I., geeignete jüdische Knaben dem Unteroffizierstande zuzusühren, vollständig vereitelt. In den vom April 1908 datierten, in der Königlichen Hosbuchdruckerei von E. S. Mittler & Sohn, Berlin SW. 12, gedruckten Nachrichten über den Eintritt in Unteroffiziervorschulen, wird unter § 7b bezw. 10b ausdrücklich als Bedingung für die Aufnahme die Vorlegung des „Konfirmationsscheines oder eines Ausweises über den Empfang der ersten Kommunion" verlangt. Diese Forderung beweist, daß Juden von vornherein ausgeschlossen werden. Die durch den Bescheid vom 6. März d. I. bei uns bestärkte Ueberzeugung, daß Ew. Exzellenz einen solchen grundsätzlichen Ausschluß von Kindern patriotisch gesinnter deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens von dem Unteroffizierberufe nicht billigen, gestatten wir uns an Eure Exzellenz die gehorsamste Bitte zu richten, die Bestimmungen über den Eintritt in Unterofsiziervorschulen bezw. Schulen dahin ändern zu lassen, daß „der Konfirmationsschein oder der Ausweis des Empfangs der ersten Kommunion nur von Bewerbern christlichen Bekenntnisses erfordert wird", uns aber geneigtest von der betreffenden Verfügung Kenntnis zu geben,- damit wir unsere Glaubensgenossen darauf mehr und mehr verweisen können, in immer freudigerer Beteiligung am Heeresdienste das beste Mittel zur Ueberwindung kränkender Vorurteile zu erblicken. Darauf ist dem Vorstand nachstehender Bescheid zugegangen: Kriegsministerium. Nr. 244. 6. 04. A. 2. Berlin W. 66, den 23. Juni 1904. Leipzigerstraße 5. Auf die Eingabe vom 16. Mai 1904 wird dem Zentralverein folgendes ergebenst erwidert: Die Ziffern 7d der Anlage 4 bezw. 10 b der Anlage 3 der Dienstvorschrift für die Jnfanterieschulen enthalten überhaupt keine Bedingungen für die Aufnahme in eine Unteroffiziervorschule oder Unterosfizierschule, sondern nur eine Aufzählung der Anmeldepapiere; die Bedingungen sind ausdrücklich für die Vorschulen in Ziffer 6, für hie Schulen in Ziffer 6—9 jener Anlagen bezeichnet. Eine Abweisung junger, zum Diensteintritt sich meldender Leute jüdischen Glaubens wegen Fehlens der Konsirmntionsscheine re., also wegen ihrer Religionsangehörigkeit, hat daher auch nach den angestellten Erhebungen in keinem Falle stattgefunden. Da hiernach die Auffassung des Zentralvereins in der Eingabe vom 16. Mai 1904 irrig ist, liegt ein Anlaß zur Abänderung der in Rede stehenden Bestimmungen nicht vor.. v. Einem. An den Zentralverein deutscher Staatsbürgerjüdischen Glaubens hier. Es ist erfreulich, daß der Kriegsminister die Auffassung des Zentralvereins, die sehr nahe lag, als irrig erklärt. Wir hoffen bald zu hören, daß geeignete jüdische Bewerber unter Hinweis auf den . ministeriellen Bescheid um die Aufnahme in eine Unterosfizierschule nachsuchen. 4 ' Einer der schärfsten Gegner des Antisemitismus, einer der edelsten Vorkämpfer der Humanität, der Senior Dr. T h e o d o r Haase in Oesterreich, feierte am 13. d. M. seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlässe hat ein nicht minder edler! Mann, der greise Professor der Wiener evangelisch-theologischen Fakultät, I. Sebereny, ihm einen Festgruß gewidmet, in dein es u. a. heißt: „Dr. Haase verabscheut aus vollster Seele den Antisemitismus, dieses Gemisch von religiöser Borniertheit und politischer Heuchelei. Er hält diese ethische Krankheit, die epidemisch sporadisch auftaucht und untergeht, für das was sie ist, nicht für eine verhängnisvolle Naturnotwendigkeit, sondern für eine freigewollte Versündigung gegen Gottes Ordnung, gegen das Christentum und die Idee der Menschheit. Er fühlt es, daß es zu den beschämendsten Tatsachen gehört, diese noch immer gewaltige Macht des Aberglaubens über den Menschengeist, denn man sage, was man wolle: der Urquell des Antisemitismus ist doch nur hauptsächlich religiöser Natur, jene christliche Unduldsamkeit und Verfolgungssucht, die zu Eruptionen führte, acht Jahrhunderte lang, wie sie in der gesamten Kultur- und Sozialgeschichte der Menschheit nicht ihresgleichen haben. Die Maranen Spaniens können davon viel erzählen. Und heute noch, im Juli des Heilsjahres 1904, hören wir wunderbar erhabene Taten der lieben christlichen Mitbürger — in Kischenew." Theodor Haase hat seit seinem ersten Auftreten im öster- .reichischen Parlament stets die Rechte der Juden verteidigt. Als Stöcker begann in Berlin und Monsignore Greuter in Wien zu arbeiten, nannte letzterer in der Debatte über das Wuchergesetz im Januar 1881 die Juden ein „herzloses Wuchervolk". Da fuhr Haase, der damals in der Blüte seiner Manneskraft stand, mit donnernden Worten los: „Niemals," so rief er aus, „wird man ein Volk, welches durch die Schuld der christlichen Bevölkerung jahrhundertelang gedrückt und gepeinigt worden ist, dessen Charakterschattenseiten zum größten Teil auch auf diese Verfolgung zurückzuführen sind, in Bausch und Bogen als herzloses Volk verurteilen dürfen. Ich muß diese Bewegung als Schmach für das Christentum bezeichnen, aber auch als protestantischer Seelsorger als Schmach für den Protestantismus, von dessen Metropole diese Bewegung ausgegangen ist. Ich hege die Hoffnung, daß das wahre Christentum die Grundsätze der Religion des großen Weltheilands Jesu Christi auch in der antisemitischen Frage zur Geltung bringen und daß die Liebe endlich den Haß überwinden wird." Die Worte Haases übten einen tiefen, aber leider nicht nachhaltigen Eindruck. Wenige Jahre später zählte das Abgeordnetenhaus bereits eine ganze Reihe von Abgeordneten, die sich zunr politischen Antisemitismus bekannten. Im März 1886 gelangte ein Antrag des Abgeordneten Türk auf Einführung einer Börsensteuer zur ersten Lesung, und die Motivierung des Antragstellers bewegte sich im Rahmen der bekannten antisemitischen Argumente: an der Börse gibt es viele Juden, ergo müssen sie besteuert werden. Damals stand