Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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- 2 —- ' ~ / " ' " ' wurde festgestellt, daß Cohn eigentlich Katz heiße und sich wegen unbefugter Namensänderung strafbar gemacht habe. Gegen seine Verurteilung legte der Angeklagte Revision beim Kammergericht eiity die Kabinettsordre vom 15. April 1822 sei durch § .360 (8) des Reichs-Strafgesetzbuchs beseitigt, anch habe er den Namen Cohn mit dem Bürgerrecht in Amerika erworben. Das Kammergericht hob auch die Vorentscheidung auf und wies die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das Landgericht zurück. Das Kammergericht ist zwar der Ansicht, daß die Kabinettsordre vom 15. 2lprH 1822, wonach niemand - ohne obrigkeitliche Genehmigung seinen Namen ändern dürfe, nach wie vor rechtsgültig ist. Hat indessen dev Angeklagte als amerikanischer Bürger befugt seinen Namen geändert, so kann nach Ansicht des Kammergerichts von einer verbotswidrigen Namensänderung nicht gesprochen werden, falls er den in Amerika geänderten Namen aus. deutschem Boden weiterführt. Kp. Vits der Provinz Posen, im Juli. Einer der ange^ sehensten Mitbürger Posens, der Rentier Hartwig Heilbronn, ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Er war seit langen Jahren Vorsitzender in verschiedenen wohltätigen Vereinigungen und Anstalten, für deren Gedeihen er seine ganze Arbeitskraft bis in seine letzten Lebenstage eingesetzt hat. — In Kempen und Pleschen wurde neulich die Synagoge erbrochen. Die Einbrecher suchten die Opferkästen zu berauben, fanden aber säst nichts vor, da dieselben erst kurz vorher geleert worden sind. — Die einklassige jüdische Volksschule in Kolmar ist durch Beschluß der beteiligten Kreise der dortigen evangelischen Schule einverleibt worden. Bis zu dem Jahre 1874 war die Schule dreiklassig, 1897 wurde sie zweiklassig und zu^ letzt zählte die Klasse nur noch 32 Schüler. — In Gnesen ist neulich die älteste Einwohnerin, nämlich die israelitische Witwe Dorothea Lesser im hundertsten Lebensjahre gestorben. — Die Stadtverordneten in Schneidemühl wollten die 54 Kinder zählende zweiklassige jüdische Volksschule daselbst in eine einklassige umwandeln und den überschüssigen Lehrer an der evangelischen Vorstadtschule anftellen. Die Schulklassen sind dort nämlich kommunalisiert, und ist es den jüdischen Vertretern gelungen, vorläufig die Anstalt noch zweiklassig zu erhalten, jedoch unter der Bedingung, daß die Gemeinde an die Stadtkasse für den Ausfall einen jährlichen Zuschuß von 500 Mark zahlt. — In Ko sch min wurde kürzlich die Synagoge erbrochen. Diebe drangen in dieselbe und entwendeten daraus mehrere Geräte, sowie 12 Mark, die sich in den Opferkästen befanden. Der israelitische Frauenverein in Koschmin hatte im letzten Jahre eine Einnahme von 553 Mark und eine Ausgabe von 509 Mark. Die bisherige Vorsitzende, Frau Rosalie Krotoschiner, wurde in der letzten Generalversammlung wiedergewühlt. — Kantor Nachmann in Tremessen ist als Kultusbeamter an die Synagogengemeinde in Buk berufen worden. — Mit dem Bau der neuen Shnagogengemeinde in Jnowrazlaw dürfte alsbald begonnen werden, da die Regierung zu Posen die Beschlüsse der Synagogengemeinde bestätigt hat; der Bau ist auf 180000 Mark veranschlagt. — Die Erben des in Posen verstorbenen Kaufmannes Max Kantorowicz haben daselbst als Stiftung für Gewerbetreibende und Handwerker dem Magistrat 50000 Mark überwiesen. Aus dieser Stiftung sollen Handwerker und Gewerbetreibende ohne Rücksicht auf ihre-Nationalität und Religion Unterstützungen zur Gründung oder Fortführung ihres Geschäftsbetriebes erhalten. — Brauereibesitzer S. Hermann in Nakel hat beim letzten Pfingstschießen der dortigen Schützengilde die Königwürde errungen. — Die Verwaltung der Synagogengemeinde in Ostrowo hat beschlossen, für das Etatsjahr 1904 an Korporationsbeiträgen 70 Prozent der Staatseinkommensteuer, gegen 72 o/o im Vorjahre, zu erheben. — In Pieschen ist der Rentier Hirsch Br an dt im Alter von 71 Jahren gestorben. Derselbe war eine Reihe von Jahren Stadtverordneter daselbst und versah auch noch andere Ehrenämter. — Letzthin feierte der Stadtverordnetenvorsteher I.. Strelitz in Pleschen das 25jährige Jubiläum als Schulvorstandsmitglied der dortigen Bürgerschule. Aus diesem Anlasse ist ihm ein kostbares Ehrenschild überreicht worden. — Kaufmann Abraham Matthias in Koschmin ist zum Ratsherrn daselbst neugewählt worden. — In Jastrow fand am 11. v. AU' während des Hauptgottesdienstes zum erstenmal eine Mädchen-Einsegnung statt, die einen würdigen Verlauf nahm. Die Feier war eine erhebende. Neustadt 5. Juli. Am 28. v. M. starb nach längerem Leiden im Alter von 69 Jchhren-der Königliche Kommerzienrat und Stadtrat, Abraham Fränkel, Senior-Chef der hiesigen großen Leinenfabriken. Die Synagogen-Gemeinde, deren erster Vorsteher der Verblichene seit ca. 20 Jahren war, betrauert in ihm den Verlust eines Mannes, der alle seine Kräfte, sein ganzes Können in ihren Dienst gestellt hat. Seine segensreiche Tätigkeit aber beschränkte sich nicht allein auf den Kreis seiner Glaubensgenossen, der Verblichene hat auch seit vielen Jahren im Stadtverordneten- und Magistratskolleg ium gewirkt und auch in diesen Aemtern einen außerordentlichen Sinn für Gemeinnützigkeit betätigt. Von seiten der Behörden sind ihm daher Nachrufe gewidmet worden, die sein segensreiches Wirken zum Wohle der Gemeinde und der Stadt hervorheben und erkennen lassen, welch unausfüllbare Lücke sein Tod in unserer Sladt hinterlassen wird. Am 30 v. M. fand in der Synagoge die Trauerfeier statt. Zahlreiche Angehörige des Verschiedenen von nah und fern, sämtliche Mitglieder der Gemeinde, die Stadtvertretung in corpore, die Geistlichen beider christlichen Konfessionen, der Landrat, kurz, die angesehensten Männer des Kreises füllten das Gotteshaus bis auf dem letzten Platz. Der Religionslehrer der Gemeinde, Herr Loewenstein, hie.lt eine ergreifende Trauerrede, welche ein wahrheitsgetreues Bild seines verdienstreichen Lebens, seiner Güte, Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit als Mensch, sein inniges Verhältnis zu seiner Familie zum Ausdruck brachte. Eine nach Tausenden zählende Menge geleitete den Verewigten an seine letzte Ruhestätte, woselbst unter nochmaligem Gebet und Gesang der vereinigten Sängerchöre die Beisetzung erfolgte. Das Leben des Heimgegangenen war ein Kiddusch Haschern im wahrsten Sinne des Wortes; sein Andenken wird ebenfalls ein Segen sein. rn. Aus Porruneim, im Juli. An den beiden Pfingsttagen hatten sich die Mitglieder des Vereins israelitischer Lehrer Pommerns im Friedrich Wilhelm-Bad zu Polzin verhältnismäßig zahlreich eingefunden. Nach Eröffnung der Versammlung am Sonntag nachmittag 3 Uhr wurde die Versammlung nacheinander vom Vorsitzenden Kollegen Saul-Schivelbein, dem ersten Vorsteher der Gemeinde Polzin, und vom Gemeindeverband der Provinz Pommern begrüßt. Hierauf hielt Kollege Saul (Sohn des Vorsitzenden) an der Stelle des durch Krankheit verhinderten Kollegen Wolfrau-Labes eine Lehrprobe über den ersten Absatz des Tischgebets. In der darauffolgenden Diskussion wurde als unbedingt notwendig hervorgehoben, daß beim Gebetübersetzen vor allem der ethische Gehalt der Gebete den Kindern geboten werden müsse, wenn sie auch weniger fließend übersetzen könnten. Nun wurde das Protokoll der vorjährigen Versammlung vom Schriftführer Heidenfeld-Schlawe verlesen und von der Versammlung genehmigt. Der Vorsitzende wurde als Delegierter zum Verbandstage nach Kassel gewählt. Den Irrtum, daß zwei Delegierte abgesandt werden sollten, klärte Kollege Realschullehrer Feiner auf, der als Delegierter des Verbandsvorstandes der Versammlung bis zum Schlüsse beiwohnte. Kollege Feiner wies auch darauf hin, wie wichtig es sei, daß die Kollegen in Ostelbien sich auch immer mehr für das Vereinsleben interessieren müßten. Hierauf wurde, da der Vorsitzende seinen Jahresbericht auf den andern Tag zu verschieben beantragte, dem Kassensührer Heidenfeld nach Revision der Kasse durch die Kollegen Daniel und Lemke Decharge erteilt. Um 8Vs Uhr versammelte die Kollegen ein Gastmähl, das die Gemeinde Polzin dem Verein gab, in der Pension Finkelstein. Am andern Morgen erstattete der Vorsitzende seinen Jahresbericht. Da er mitteilte, daß Rabbiner Dr. Joseph-Stolp wegen einer Reise seinen Vortrag nicht halten könnte, Rabbiner Dr. Goldschmidt-Kolberg auch deshalb nicht sein Korreferat, mußte das Verbandsthema: „Welche Gebiete aus der nachbiblischen Geschichte sind für die verschiedenen Schulsysteme vornehm-, lich auszuwählen?" von der . Tagesordnung abgesetzt werden. Es wurde das umsomehr bedauert, da einerseits Rabbiner Dr. Joseph-Stolp erst so kurze Zeit vor der Versammlung dem Vorsitzenden davon Kenntnis gab, andererseits, weil sich dieser Ttil der Tagesordnung so gut hätte mit der Beratung des. Minimallehrplans für die jüdischen Schulen Pommerns verbinden lassen. Es entspann sich nun eine zum Teil sehr hitzige Debatte über die Schulinspektion dev jüdischen Religionsschulen durch den Gemeindeverband der Provinz Pommern. Auf Vorschlag von Kollege Bauer-Cöslin, Realschullehrer Feiner und Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin einigte man sich dahin, daß der 1 B