Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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68. Jahrgang. No. 29. Berlin, 15. Juli 1904. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums" lkorrelponden?en und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 11. Juli. Die hiesige Zionistische Vereinigung veranstaltete gestern im großen Saale des Architektenhauses eine ergreifende Trauerfeier für Theodor Herzl, an der auch eine große Anzahl Nichtzionisten teilnahm. Nach einigen einleitenden Worten des Vorsitzenden der Vereinigung Dr. Katz und einem von Kantor Friedmann meisterhaft vorgetragenen Psalm, hielt Rabbiner Dr. Eschelbach eine nach Form und Inhalt vollendete Gedenkrede, in der er den Verblichenen als Menschen und Führer der Seinen charakterisierte und die Anwesenden durch die Wärme seiner Worte bis ins Innerste erschütterte: „Ohne Prunk wollte Herzl begraben sein, stille sollte es sein und keine Feierreden sollten gehalten werden. Sein Grab ist geschlossen; von ihm kehren wir zum abgeschlossenen Leben, zu dem, was er erstrebt, und überall wo Juden wohnen, klagen seine Gesinnungsgenossen, Angehörige jener Bewegung, für die er gekämpft, um ein fernes Ziel in greifbare Nähe zu bringen. Alles trauert, auch die seinen Zielen nicht gefolgt, sind dem hohen Fluge seiner Phantasie den Weg gefolgt; der Tod löst alle Gegensätze. Von aller Welt kamen damals die Teilnehmer, als er den ersten Baseler Kongreß einberief, ihnen allen gab er Ziele und Belehrung. Schlummernde verborgene Kräfte regte er, zu arbeiten in segensreichem Tun für Gegenwart und Zukunft. Sie alle danken ihn, daß er sie gelehrt hat, menschlich und jüdisch zu fühlen; wie ein König und ein Vater trat er vor Fürsten und Könige, vor Obrigkeiten hin und suchte sie zu gewinnen. Aus ihm sprach die Würde eines großen Kulturvolkes, das Recht eines Stammes, der begabt ist mit hohen Anlagen. Eine Persönlichkeit voll markiger Kraft, Schönheit und Bescheidenheit, mögen seine Erfolge groß oder klein gewesen sein! Herzl war ein moderner Geist, der Interesse hatte für alles, das groß, erhaben, glänzend und anziehend in der Welt ist, ein Meister und Held der Feder, der im Herzen die Bibel für sein Volk fand. Der Wille zu helfen wurde bei ihm zur Tat. Eltern und Familie gaben diesem menschlichen Bilde die Vollendung; er war der einzige heißgeliebte Sohn, der Vater sah das Licht noch hell leuchten, als er vor einem Jahre starb, und alles beugte sich zur Erde, wenn die Mutter am Arm dieses großen Sohnes zum Kongresse erschien. Sollte er nur ein flammender Meteor gewesen sein und jetzt, da er gestorben, Dunkelheit? Doch auch Moses hat sein geahntes und erstrebtes Land auch nur von der Ferne gesehen und das Licht, das er entzündet, hat fortgebrannt. Seinen Tod hat Herzl vorausgeahnt, bevor sein Traum erfüllt werde, denn im „Zukunftsstaat" heißt es: Ich weiß, ich empfinde, daß ich Recht habe, Recht behalte, ehe ich sterbe!" Dann verrichtete Kantor Friedmann das El mole Rachamim-Gebet, worauf noch eine Gedenkrede von Heinrich Löwe folgte, womit die schlichte ergreifende Feier zu Ende war. Tief erschüttert verließen die Versammelten den Saal. T. Berlin, 1. Juli. Der Verein jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg hielt am 12. v. M. seine diesjährige Generalversammlung wieder in Berlin ab. Die jüdische Gemeindevertretung hatte in liebenswürdiger Weise hierzu einen Saal im Gemeindehause Oranienburgerstraße 29 zur Verfügung gestellt. Um 11 Uhr vormittags eröffnete der Vorsitzende Dr. Fiegel die Versammlung und dankte den Gästen und Mitgliedern für ihr Erscheinen, womit sie einen weiteren Beweis treuer Pflichterfüllung gegeben hätten, insofern sie diesen freien Tag mit ernster Arbeit im Dienste der Schule ausfüllten. Dabei folge man freilich dem glänzenden Beispiele, das allen Berufsständen der Kaiser selbst gebe und das geeignet sei, uns in der Liebe und Verehrung zu ihm zu festigen. Diese zum Ausdruck zu bringen, bedürfe es, wo das Herz spricht, nicht vieler Worte. Mit einem Hoch auf unfern Kaiser, in das die Versammlung lebhaft einstimmte, schloß der Vorsitzende seine Ansprache. Die geschäftlichen Punkte der Tagesordnung wurden darauf rasch erledigt. Als Delegierte für den Verbandstag im Dezember d. I. wurden die Kollegen Auerbach und Hauff, in Rücksicht auf die künftige Zusammensetzung des Verbandsvorstandes als Vorstandsmitglied Dr. Fiegel gewählt. Der bisherige Vereinsvorstand, bestehend aus den Kollegen Dr. Fiegel, Bellack, Tichauer, Goldschmidt, Weber wurde per Akklamation wiedergewählt. Hierauf hielt der Kollege Hirschfeld sein Referat über das Verbandsthema: „Welche Gebiete aus der nachbiblischen Geschichte sind für die verschiedenen Schulgattungen vornehmlich auszuwählen?" Der Vortragende führte etwa folgendes aus: Als Ziel des Unterrichts in der nachbiblischen Geschichte ist die Kenntnis der inneren Entwicklung des Judentums in ihren Hauptträgern und Epochen zu bezeichnen. Dabei müsse man sich vor übertriebenen Hoffnungen hüten, als ob durch die Geschichte allein Liebe und Begeisterung für das Judentum erreicht werden könnten. Man habe zu bedenken, daß Schüler von 13 bis 16 Jahren nicht imstande seien, den wesentlichen Inhalt der nachbiblischen Geschichte zu erfassen. Bei der Auswahl der Gebiete sei zu berücksichtigen, daß in den Vordergrund das Biographische treten müsse, ihm habe die Schilderung kulturgeschichtlicher Zustände zu folgen, und erst in letzter Reihe sei das Literarische zu berücksichtigen. In den obersten Klassen höherer Lehranstalten und in Seminarien könne und müsse das Schwergewicht auf die beiden letzten Stoffgebiete gelegt werden. In Mädchenschulen seien Charakterschilderungen jüdischer Frauen aus den verschiedenen Epochen zu geben. Beim Literargeschichtlichen müssen neben den ethischen Teilen auch die gesetzlichen berücksichtigt, dagegen soll von Poetischen Leistungen nur sehr wenig geboten werden, der nach Ansicht des Vortragenden meist recht mangelhaften Uebertragung wegen. — Nach diesen allgemeinen Bemerkungen gab der Referent eine Auswahl der Gebiete zunächst für alle Schulgattungen, sodann die Gebiete an, die in den obersten Klassen der höheren Lehranstalten und Seminarien zu behandeln seien. Durch die Auswahl wollte der Referent seiner Ansicht Ausdruck geben, daß die Geschichte auch der neuesten Zeit berücksichtigt werden und die Erkenntnis einer Entwicklung im Judentum schon den Schülern aufgehen müsse. Zu seinen Ausführungen stellte der Vortragende mehrere Thesen auf. Wie Kollege Bellack, der bei der Behandlung desselben Themas in der Dezembersitzung v. I. sich absichtlich daraus beschränkt hatte, das Thema nur in den Grenzen auszuführen, die ihm durch seine Tätigkeit als Volksschullehrer gegeben erschienen, hatte es Kollege Hirschfeld vermieden, einen detaillierten Lehrplan zu geben. So wünschenswert ein solcher manchem gewesen wäre, so war man doch in der Versammlung wieder allgemein der Ansicht, daß die das Referat des Kollegen Bellack ergänzenden allgemeinen Ausführungen dem Sinne des gestellten Themas entsprächen. Nach längerer Diskussion über das Referat und dessen Leitsätze wurde die Abstimmung über die aufgestellten Thesen auf die nächste Sitzung verschoben. Dr. Fiegel besprach hierauf kurz die vom Verbände beabsichtigten Statutenänderungen. Aus der Mitte der Versammlung wurden zu einigen Punkten verschiedene Wünsche geäußert. Mit Dankesworten für das unermüdliche Interesse, das die Versammlung den mehrstündigen Verhandlungen entgegengebracht hatte, schloß der Vorsitzende die Sitzung. Berlin, 5. Juli. In Gemäßheit der Kabinettsordre vom 15. April 1822 wird der dem Vater gesetzlich zustehende Familienname auch der Familienname des Kindes. Wegen Aenderung seines Familiennamens war der Tischlermeister Katz sowohl vom Schöffengericht als auch vom Landesgericht zu Geldstrafen verurteilt Warden. Katz, dessen Mutter aus einer Familie C o h n stammte, .wanderte im Jahre 1866 nach Amerika aus, nannte sich dort Cohn und erhielt auch unter diesem Namen einen Bürgerbrief. Später kehrte er nach Deutschland zurück, verheiratete sich hier unter dem Namen Cohn; diesen Namen führte auch sein Sohn als Soldat. Als sich aber der Angeklagte zum zweiten Male verheiraten wollte.