Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- Seite 348 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Sie sind eine allerliebste kleine Predigerin und ich möchte beinahe zu Ihnen in die Schule gehen. Was aber das Thema „Frauen" anbetrifft, — ich hatte wirklich, trotz Berlin, sehr wenig Gelegenheit, mit dieser holden Spezies nähere Bekannt-, schaft zu schließen. Was ich aber hier kennen gelernt hahe, dürfte nichts weniger wie als „Strafe" zu empfinden sein. Sie-selbst führen mich in ein Wunderland, dessen herrliche Düfte ..." „Pardon! Hören Sie bitte auf, Komplimente zu machökr und mich rot werden zu lassen wie ein kleines Schulmädchen.' Wäre Eva — so lautet nun die Antwort — aus dem Kopse des Menschen geschaffen worden, so wäre sie zu klug; aus den Händen zu schlagfertig; aus dem Munde zu geschwätzig; aus den Füßen zu läufig. Darum nahm Gott den bescheidensten Teil, eine Rippe — und bei der Erschaffung eines jeden Gliedes hieß es immer: Bescheide Dich! Aber dennoch hat sie ein wenig von allen diesen Fehlern, und das Muster aller Bescheidenheit ist gewiß nur dazu da, um den Mann zu ärgern und zu quälen. — Nun, welches ist die Moral?" „Die Erzählung ist sehr hübsch, nur den letzten Satz möchte ich ein wenig korrigieren. Wenn ich die Frauen nach Ihnen beurteilen darf: . ' Sie hielt sich in komischem Entsetzen die Ohren zu. „Bitte nicht. Wir Frauen sind gar nicht zu beurteilen. Wir sind wie das Wetter, wie der Wind!" . „Wir sind unbeständig, launenhaft, trotzig. Nur, wenn man uns den Willen tut, sind wir sanft und zärtlich. Das heißt, nur eine gewisse Spezies dieser Gattung. Viele sind treu, stark, mrrtig, opferbereit. Also die Moral? Ich bin bald zu Hause." „Die Moral werde ich nicht beherzigen. Ob süß oder bitter, — Frauengunst scheint mir wie belebend er Wein, von dem man niemals lassen kann." „Sie gehen natürlich heute wieder zu Silbersteins, wo Frauengunst verführerisch lächelt?" „Ich muß wohl. Die Aufforderung ist eine sehr dringende." „So gehen Sie nur und amüsieren Sie sich gut als „Hahn im Korbe." „Mein Fräulein?!" „Ich weiß, ich weiß. — Leben Sie wohl!" „Darf ich sagen: auf Wiedersehen und darf ich mich morgen nach Ihrem Befinden erkundigen, Fräulein Deborah?" „Sie dürfen! — Auf Wiedersehen und besten Dank für Ihre freundliche Begleitung!" Er schloß die kleine Hand fest in die seine. Gern hätte er einen Kuß darauf gedrückt, aber sie wurde ihm schnell entzogen. Der Salon bei Silbersteins war hell erleuchtet. In dem grünen Kamin prasselte ein lustiges Feuer, das seinen flackernden, unruhigen Schein auf den echten Smhrner Teppich warf und dem Gemach einen Anstrich von Gemütlichkeit gab. Um den Tisch, auf welchem allerlei Süßigkeiten verlockend zum Genüsse einluden, saß eine kleine Gesellschaft. In steifer Würde thronte die Frau des Hauses auf dem dunkelroten Sammetsosa, während Frau Ehone und Frau Eva Lewin die beiden gleichfarbigen Fauteuils einnahmen. Die Gatten und die Jugend — Else, Magda und Rosa — debattierten eifrig. Erstere plauderten von den schlechten Zeiten, den verschiedenen Pleiten, während die jungen Mädchen Toilettenfragen behandelten und die lieben Freundinnen kritisierten. Leo, der sich bei dieser intimen Unterhaltung ziemlich überflüssig vorkam, sprach desto eifriger dem Bier zu. Ein stiller Zuhörer,, lernte er so fast alle Damen der Stadt und der Gemeinde kennen, auch ihre Schwächen und Fehler — äußere und innere, die erbarmungslos von zarten Rosenlippen besprochen wurden. 'Unwillkürlich siel ihm sein letztes Gespräch mit Deborah ein und er mußte ihr Recht geben. „Haben Sie Deborah begleitet?" fragte Magda, die in türkischer Sammetbluse, welche ihrem pikanten Gesicht außerordentlich gut stand, sehr distinguiert aussah. „Ich hatte das Vergnügen," erwiderte Leo höflich. „Ach ja, Deborah Herz!" warf- Else interessiert ein, während Rosa ihre schlanken Finger mit den Fransen der Schürze spielen ließ. „Deborah Herz? — Ein stolzes, hoffärtiges Ding, die immer tut, als wäre sie über alle erhaben. Du verkehrst mit ihr, Magda?" „Wir kommen hin und wieder zusammen. Ich habe sie gern. Im allgemeinen gilt sie für stolz und sehr religiös." „Nun ja," zirpte Rosa. „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz." „Ich muß gestehen," wagte Leo einzuwenden, „daß Fräulein Herz sehr liebenswürdig und freundlich ist." „So?" spöttelte Else. „Na, Herren gegenüber gewiß." Es lag etwas so Beleidigendes in der ganzen Art und Weise der Unterhaltung über ein Wesen, welches er verehrte, daß Leo zornig seine Schüchternheit überwand und sagte: „Ich weiß nicht, meine Damen, ob Fräulein Herz Ihnen einmal Veranlassung gegeben hat, welche . . ." „'Aber lieber Herr Kantor," beruhigte Magda, indem sie den Mädchen warnende Blicke zuwarf. „Wir meinen es ja nicht so schlimm. Deborah hält sich sehr zurück, lebt nur für und mit ihrer Mutter, sie ist sehr tüchtig, aber wenig verkehrslustig. Darum erregt sie das Mißfallen meiner Freundinnen. Aber es gefällt mir von Ihnen, daß Sie warm für eine Abwesende eintraten." Sie streckte ihm freimütigdie schöne, weiße Hand hin, welche er ergriff und lebhaft drückte. Sie fühlten sich zueinander hingezogen und waren bald in ein fesselndes Gespräch vertieft, während Rosa und Else durch sauersüße Mienen ihr Unbehagen verrieten. Schließlich holte Rosa ein Saltaspiel hervor und der „lustige Krieg" mit Sonnen, Monden und Sternen begann. Die Herren hatten sich zu einem „Spielchen" in das Nebenzimmer begeben, während das Damenterzett Frauenvereins-Angelegenheiten besprach. Leo hörte und sah nichts anderes mehr als sein geistsprühendes, lebhaftes Gegenüber. Sie gefiel ihm immer besser, ihre Widersprüche reizten ihn, und ein übermütiger Redekrieg regte seine geistigen Kräfte an. Das war eine andere Unterhaltung als die seichte, oberflächliche, mit den anderen bekannten Damen, außer Deborah natürlich. Er verglich die beiden. Sie hatten etwas Verwandtes in ihrem Wesen. Dieselbe Wahrheitsliebe, Offenherzigkeit, denselben Reiz beim Plaudern. Während Magda jedoch allerlei modernen Untugenden wie Rauchen, Radfahren und emanzipierten Anschauungen huldigte, blieb Deborah das einfache, anmutige, bezaubernde jüdische Mädchen. In diesen Variationen von Gedanken und Reden klangen himmlische Töne, aus Zephyrflügeln getragen, brausend, anschwellend, jauchzend, — die „Cavalleria rusticana" von Rosas gewinnlustigen Fingern hervorgezaubert. Salta war mit ihrem Siege entschieden worden. „Schwerer nun und melancholisch düster, Wie durch toter Wüsten Schauernachtgeflüster, Wo verlornes Heulen schweift," drangen die Tonwellen an die ergriffenen Ohren der gerührten Zuhörer. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.