Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
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noch Edelmann, aber auch nicht arm war, wie bisher behauptet wurde, gehörte der wenig geachteten Zunft der Trödler an; er selbst nennt sich häufig „elRoPero" und noch in seinem Testamente „Aljabibe", was beides im Spanischen Trödler oder Kleiderhändler bedeutet. Die Trödler in Cordova standen, wie sich aus den „Verordnungen" der Stadt ergibt, unter strenger Kontrolle; sie durften alte Kleider nur in einem säubern Zustande und schlechte nicht für gute verkaufen, im Uebertretungsfalle wurden die Kleider konfisziert und die Verkäufer mit ein Sr Strafe von 200 Meravedes belegt; ein Drittel der Strafgelder fiel dem Ankläger zu. Sie durften ihre Kleider, wie dies in Barcelona, Madrid und anderen Städten Spaniens noch jetzt der Fall ist, nur in gewissen Gassen feilhaben; selbst neue „Jubones" — „Wämse" durften „nach alter Gepflogenheit" nur auf dem alten Fischplatz verkauft werden. Das Trödlergeschäft hielt Montore nicht ab, sich schon in der Jugend der Poesie zu ergeben. Er versuchte sich in den verschiedensten Dichtungen, fühlte sich aber besonders zum Epigramm hingezogen, in dem er bedeutendes geleistet hat. Viele namhafte und hochgestellte Dichter, wie Juan de Mena und der Marquis de Santillana, verschmähten es nicht, mit ihm zu verkehren und seiner lobend zu gedenken, doch fehlte es ihm auch nicht an Spöttern, welche mit Stolz auf den unbemittelten Trödler herabblickten. Es waren dies Dichter und um Lohn dichtende Spielleute, welche aus niederer Herkunft hervorgegangen und, wie Juan de Agraz, Diener des Grafen de Niebla, der Comendador Ramon, Juan de Valladolid und Rodrigo Cota, demselben Stamme wie Montoro entsprossen waren. Ergötzlich ist, wie sich die Neophhten derbe Wahrheiten sagten und sich durch die Religion, zu der sie sich früher bekannten, einander lächerlich zu machen suchten. Montoro, der in den Salons der vornehmen Cordovaner eine beliebte und gern gesehene Persönlichkeit war, hatte Gelegenheit, während der Anwesenheit des Königs Heinrich IV. in der Kalifenstadt unter anderen Hofleuten auch. den obenerwähnten Ramon kennen zu lernen. Ramon stand im Dienste des Herzogs von Alba und wurde später Kommandeur eines militärischen Ordens, er verfaßte mehrere langatmige religiöse Gedichte und nahm die Miene eines bigotten Christen an. Zwischen ihm und Montoro kam es bald zu einem Streit, in dem sie sich ganz rücksichtslos beschimpften. Man muß gestehen, daß Ramon an Schimpsworten und Insulten einen großen Vorrat hatte; er nennt Montoro Trunkenbold, Don Gänserich, den duftenden Höcker, der mit Obst, mit Eiern, Honig und Talglichtern, mit Schnüren, Stecknadeln, unechten Ringen und tausend Kleinigkeiten handele, in den Dörfern Häute und altes Eisen Zusammenkaufe und demütig wie ein guter armer Jude feilsche. Die Unredlichkeit habe er von seinem Vater gewissermaßen geerbt, der als Chasan die Kirchenlieder umgemodelt und an seinen Festtagen gesungen habe. Montoro erwiderte ihm mit Ruhe und Anstand. Er erinnerte ihn daran, daß er immer die Thorarollen geküßt, als Verwandter eines gewissen Benjamin und als Bruder des Don Santob gern von den Cherubim gesprochen und in der Judengasse bei dem einzigen Gotte geschworen habe. Er fragte ihn, woraufhin er denn eigentlich so stolz und aufgeblasen tue? Er sei ein ganz verächtlicher Marrane, von einem Rabbiner beschnitten und ganz und gar Jude. Wenn er sich auch so fromm christlich stelle, so würde er doch, so oft er nach Tavara, das vermutlich sein Geburtsort war, komme, von allen Hebräer genannt, und das Scholet mit Gänsebrust, das die ganze Nacht gekocht, ließe er sich schmecken auch ohne Schinken. Ramon blieb ihm die Antwort nicht schuldig. Alle Welt wisse, daß er ein Marrane sei; ihm aber wolle er einen Rat geben: Er möge nur geschachteten Hammel verzehren' Und wie sein Vater das alte Gesetz verehren; Er möge am Gießsatz die Hände sich waschen. Und nicht nach dem verbotenen Schinken stets haschen; Er möge über den Wein die Berache verrichten, Und Freitag nachts gefüllten Gänsehals vernichten; Er möge nie genießen, was der Rabbi als verboten erklärt, Und den Sabbath immer feiern freudig verklärt, Er möge Zucht und Sitte vor Augen stets haben Und am Pessachfeste an Ungesäuertem sich laben; Er möge am großen Versöhnungstage unterlassen den Scherz, . Hingegen zerknirschet sein voll Tränen und Schmerz. Nebenbuhler Anton von Montoros war der ebenfalls als Jude geborene Juan de Valladolid, gewöhnlich „Juan Poeta" „Der Dichter" genannt. Er war sehr niedriger Herkunft. Sein Vater war öffentlicher Ausrufer in Valladolid. In einem Spottgedichte sagt der über ihn erboste Montoro.: Weißt du, wer dein Vater ist gewesen? Ein öffentlicher Ausrufer, ein Henker; Und — ja, lache nur! Deine Mutter? Magd war sie bei einem Weinschenken. Juan Poeta begab sich nach Italien und lebte an den Höfen von Neapel, Mantua und Mailand als Jnrprovisator und Astrologe. Bei seiner Rückkehr in die Heimat geriet er in Gefangenschaft maurischer Piraten, welche ihn nach Fez brachten, aber bald wieder in Freiheit setzten. In Fez nahm er eine Maurin zur Frau, nachdem er bereits mit einer Jüdin namens Jamila, und, wie behauptet wird, auch mit einer Christin verheiratet gewesen war. Er verbrachte einige Jahre am Hofe der Könige von Navarra und ließ sich sodann in Cordova nieder. Die zeitgenössischen spanischen Dichtev sind nicht gut auf ihn zu reden; sie nennen ihn nicht anders als „Jude"; bei den Granden aber, selbst bei der Königin Jsabella, stand er in hoher Gunst. Montoro will Juan, seinem „guten, großen Freunde", einen ernsten wohlgemeinten Rat erteilen und bittet ihn, denselben als von brüderlicher Seite kommend, freundlich aufzunehmen; wir gehören ja, meint er, einem und demselben Stamme an: „wir, Du und ich, sind Juden; die Beleidigungen, welche Dir zugefügt werden, sind die meinigen und meine Schäden auch die Deinigen". Montoro war der irrigen Ansicht, daß außer ihm kein anderer Troubadour an den Benefizien seiner Landsleute teilhaben dürfe. Als Juan eine gewisse Summe vom Stadtrate in Cordova erhalten hatte, fiel er über ihn her, beschuldigte ihn der Aufschneiderei und klagte ihn des an ihm begangenen Plagiats an. Sie beschimpften sich und ihre Eltern im Grabe in der niedrigsten Art und Weise. In besonderer Gunst stand Montoro bei dem edlen Don Pedro do Aguilar, der von ihm häufig besungen worden, und bei dessen Sohn Don Alonso, der Beschützer der Neu-Christen. Infolge der großen Verfolgung der Marranen in Cordova am 14. März 1473 verlor Montora alles, was er besaß. Nach der traurigen Katastrophe richtete er an Don Alonso, seinen großmütigen Beschützer, an diesen „guten edlen Ritter von wahrhaft königlichem Geblüt", der von dem über die geheimen Juden gekommenen Weh tief ergriffen war, eine seiner schönsten Dichtungen, in der er frei und offen bekennt, daß es für die Neu-Christen weit besser gewesen wäre, wenn sie im Judentum ausgeharrt hätten. Montoro scheint erst im reifern Alter dem Judentum öffentlich entsagt zu haben. Gegen eine Magistratsperson in Cordova beklagte er sich, daß in der Fleischbank sich nur Schweinefleisch zum Verkauf fand, sodaß er, von Hunger ge-, quält, gezwungen war, den Eid zu brechen, welchen seine